Winkelmann

Mitteilung von Leopold Schefer
 

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bullet1 Den 10. Juni 1768

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            Ich bin zu dem Grabe gegangen. Er ist zur Ruhe. Du hast Ruhe vor ihm. Er wird nicht zu Dir zurückkehren. Noch manchmal wird er die Nacht in Deinen Träumen kommen, bis er auch da ausbleibt, wenn Du am Tage Dich schämst und bereust. Das wissen die Seelen. So habe ich nun Ruhe Ach, wodurch? Durch Dich! Wer tut eigentlich das Böse in der Welt? Wer dazu reizt, und es dem schweren Herzen aufgibt. Kehre Dich zum Himmel! Kehre zum Himmel! Glaube mir ja! Ein Mörder und nicht an den Himmel glauben! Ich nicht an den Himmel! Für mich und für Dich. Büße noch hier ab! Laß Messen lesen, thu' gute Werke! Vor allem glaube, glaube! das ist die sicherste Rettung. Ich habe Dir Zeit zu Deinem Heil verschafft.

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    Ich glaube, und: Wer glaubt, wird selig. Von dem „Wer“ ist Niemand ausgeschlossen. Das empfand ich unter der Todten- messe. Bandelli hatte mir ein weißes, langes Leinwand der Brüderschaft und eine Maske zu bringen gewußt. So schloß ich mich an den Zug von der Piazza nach der Kirche von San Giusto, den hohen Berg hinauf, mit der Aussicht über das Meer — nach Italien. Droben an der Kirchthür rechts blieb ich stehen, wo ich vor einigen Tagen auf der Platte davor die Grabschrift eines Herrn gelesen, der gerade vor hundert Jahren von seinem Diener ermordet worden. Jetzt passirte der Todte im offenen Sarge ein, und der Sarg klemmte mich an die steinerne Pfoste, daß mir der Athem verging. Er lag wohlfrisirt, toupirt und gepudert da, in seinem galonirten Kleide, in dem er zu vornehmen Herren zur Aufwartung ging! Er ward über und über mit Weihwasser besprengt, und ich fürchtete, daß er auflache, sich aufsetze, und das neue Wesen verhöhne. Aber der Spott war aus. Der Gang muß zu ernst sein! Wahrlich, ich weinte unter der Maske; — denn Du hättest geweint! Ich sah mit Deinen Augen ihn in die schwarze Höhle hinunterschleppen, wie die Ameisen

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    ihre Larven hinunterschleppen, und zu fremden Todten. Aber nur die Lebenden sind sich fremd mit sehenden Augen; die Todten sind sich alle auf einmal wohlbekannt, als ewige Genossen. In einigen Jahren werden die Särge geleert, und seine Gebeine werden mit andern vermischt hinaus in die Steingruben geworfen. Niemand wird ein Gebein von ihm finden oder kennen. Ich dachte an den Baron, der ihm nur ein Alter von 50 Jahren vorausgesagt — und Deinem Manne, Margarita! Pflege ihn also wohl! Vergilt ihm noch Alles. Aber der Herr Baron wußte sein eigenes Schicksal nicht! In Wien, am Weintische freilich, ließ er sich schmählig darüber aus, daß Winkelmann wieder nach Rom zurückkehre. Das durchfuhr mich, wie ein Blitz, der aber gescheid in mir leben blieb und in meiner Gewalt, Er sei krank geworden, je weiter ihn Cavaceppi nach Deutschland geschleppt. Noch hab' er das Fieber. Er lachte, er verlachte Dich — er nannte Deinen Namen!
            Da ging ich hinaus ihm aufzulauern. Er kam. Die Nacht war finster, das Messer war schlecht. Er war stärker als ich. Er war nur verwundet. Er genas. Darum ward ich zum Tode verurtheilt, wohl aber begnadigt und Landes verwiesen.

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    So eilt' ich nun ihm nach, hierher, nach Triest. Bekanntschaft war bald gemacht. Wie Er mich ansah! Wie Ich ihn ansah! Deinen Winketmann! Wie er meinen schönen Bau bewunderte. Meine Kraft. Er hatte mich gern. Ich ihn. Ich stellte ihm Himmel und Hölle vor, nicht zurückzukehren. Ein beßres Messer hatte ich nun. Im Traume warntest Du mich — Du fielst vor mir auf die Kniee. Ein Engel aber warnte Dich, und riß Dich auf und fort. Ich wollte fliehen, Abschied von ihm nehmen, noch einmal Dein kleines Bild zu sehen, das Deine Schwägerin Theresia gemalt. Er saß nach Tische schreiben. Ich trat ein. Er war über mein plötzliches Scheiden betroffen, und schlug mir nicht ab. mir seine goldenen großen Münzen zu zeigen. Er schnürte den Strick vom gepackten Koffer, er knieete hin, er öffnete. Da glänzte mir und ihm Dein Bild, Dein reizend Bild in die Augen, das oben auf lag. Er schwieg; er war nicht in der Welt. Alles ergriff mich da übergewaltig; mein Schwur, Rache an unfter geheiligten Religion, Eifersucht, Liebe, Gewalt, Dich zu retten. Was ich that, that ich sicher!
    Nur Dein einfaches Bild ergriff ich, damit es nicht zeuge.

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    Ich war außer mir, denn nun kämpfte ich erst den schwersten Kampf! Wir Italiener rauben, morden, und was weiß ich, was wir thun, nur nicht stehlen. Stahl ich — so enthaupteten sie einen gemeinen Dieb! Ließ ich das Gold und alle verzeichneten Kostbarkeiten, kam das in die Acten, dann mußten sich die alten Perrücken den Kopf zerbrechen: warum der Arcangeli so was gethan? Es mußte ein Licht in der Finsterniß bleiben, ein Schlüssel für einen Verständigen. Ich nahm nichts, aber Gott! ich wollte ja stehlen — da hörte ich Lärm. Ich konnte nicht mehr, ich mußte mich retten — und den Schlüssel zur That versiegelt und offenbar liegen lassen. Vergieb! vergieb! Verlaß Dich auf die Dummheit der Menschen.

            Man hat einen Unschuldigen statt meiner ergriffen! Ich siegle nur noch. Diese Nacht kommt der Freund. Er bringt Dir auch Dein blutiges Bild. Ich kann nicht mehr, ich will auch nicht fliehen. Nur noch eine Nacht, daß man alle das Sausen und Brausen im Kopfe begreift. Nur nicht dumm sterben!— Nun, noch Ein Schlaf! Gott gönne Dir viele! Morgen, morgen räche ich

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    voraus meinen Tod an den Narren, die Mörder morden. Doch ich bedarf den Tod als Schlaf, als Ruhe, als Klugwerden, als Rettung vor dieser Welt, in der ich nur elend war. Weine nicht! um Francesco nicht:


    Arcangeli.         




     

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