Winkelmann

Mitteilung von Leopold Schefer

bullet1 Nachsatz

    Deutsches Stammbuch 1838

            Der Inhalt ist bunt und an Werth sehr verschieden. L. Schefer steuerte eine in seiner bekannten dunkelschattigen Manier gehaltene, soll ich sagen Novelle oder Phantasie bei, worin er uns aufs kürzeste und schnellste die Motive des von Arcangeli an Winckelmann verübten Mordes auseinanderlegt. Diese Mittheilungen sind, der Erklärung des Dichters zufolge, einem in Cordova's Papieren aufgefundenen Briefe des Arcangeli entnommen. Wer glaubt daran? Jeder Satz trägt deutlich die Firma des wahren Autors, Leopold Schefer's. So schreibt kein Italiener; vielleicht so glühend, so leidenschaftlich, aber nicht so formlos, in sich hineinwühlend, raffinirt- poetisch, bitter-ironisch. Arcangeli, wie Schefer ihn darstellt, wüthet gegen Winckelmann, weil dieser wie er selbst die Gemahlin des Rafael Mengs anbetet — sein Dolch trifft den Nebenbuhler; Schefer entwindet ihn ihm, schärft ihn und bohrt ihn in die Brust des Lesers — sich zum Vergnügen, dem Leser zur Qual. Der Verfasser, der hier Verstecken mit uns spielen will, hätte nöthig gehabt, sich ein wenig seiner Subjektivität zu entschlagen; eine Anfordernng indeß, welche zu erfüllen einem so durchaus von seiner eignen subjektiven Willkür beherrschten Dichter wie Schefer überall unmöglich ist. Schriebe einmal Schefer ein Drama, so würde, was Hinz in Schefer'scher Manier fragt, Kunz in Schefer'scher Manier beantworten. Betrachten wir aber diesen Arcangeli'schen Brief an sich und als ursprüngliches Produkt der Schefer'schen Gefühlsrichtung, so werden wir zugeben müssen, daß er reich an hochleidenschaftlichen Stellen und mit einer großen Gewalt der Sprache ausgestattet sei. Besonders beim Beginn des brieflichen Monologs, wo die Sprache mit dem , Gefühl zu einer glänzenden Höhe wächst und anschwillt. Später unterbreitet sich die Fiktion mit mehr müßigen Zwischenlagen, und das mitgetheilte, von Arcangeli erlauschte Gespräch zwischen zwei deutschen Reisenden wirkt offenbar störend.

    Blätter für Literarische Unterhaltung, Nr 124, 4. Mai 1838, Leipzig: F.A. Brockhaus, 1838

    Zur Erinnerung an Winckelmann

            Bekanntlich feiert seit einiger Zeit das archäologische Institut in Rom am 9. Dezember den Geburtstag Winckelmann's, und auch manche deutsche Universität thut dies. Aber demungeachtet ist Winckelmann mit dem, was er gewesen und was er geleistet, noch zu wenig gekannt, und jeder äußere Anlaß, diesem Mangel abzuhelfen, muß daher mit besonderer Freude willkommen geheißen werden. Ein solcher erwünschter Anlaß liegt vor. Die kleine Schrift: „Johann Joachim Winckelmann, von J. G. Rönnefahrt" (Stendal, 1859), welche der Verfasser bei Gelegenheit der im Herbst 1859 stattgefundenen Aufstellung des Winckelmanns-Denkmals zu Stendal, in der Altmark, der Vaterstadt Winckelmann's, veröffentlichte, und die eine kurze, mit edler Wärme geschriebene Lebensgeschichte eines der größten deutschen Männer des 18. Jahrhunderts enthält, stellt, bei aller Kürze, doch dessen hohe Verdienste um Kunst und Wissenschaft in das rechte Licht. Besonders hat, von Liebe und hoher Begeisterung für Winckelmann durchdrungen, die Darstellung für die Jugend etwas ungemein Anregendes und Anziehendes, indem sie nachweist, wie Winckelmann durch regsten Eifer und Fleiß, durch festen Glauben an eine höhere Bestimmung, durch unerschütterlichen Muth und Ausdauer vorzüglich das geworden ist, was er war, und sie ihn als ein Muster und als ein ermahnendes, ermuthigendes Vorbild für Jeden aufstellt, der seine Kraft gebrauchen will.

    Magazin für die Literatur des Auslandes, Hg. Joseph Lehmann: 1860, Band 57, Seite 12
    Leipzig, Verlag von Veit und Comp.





    Johann Joachim Winckelmann, (* 9. Dezember 1717 in Stendal; † 8. Juni 1768 in Triest)