Winckelmann

Mitteilung von Leopold Schefer

bullet1 Vorbemerkungen


    Triest   Piazza Grande 1854

    Am Vormittag des 8. Juni 1768 wurde in der Locanda Grande am Hauptplatz von Triest [heute Piazza d'Unità d'Italia], der Piazza San Pietro, im Zimmer Nummer 10 des zweiten Stocks Johann Joachim Winckelmann ermordet. Bereits am 15. Juni war der Täter, namens Francesco Arcangeli, gefasst und stand vor Gericht. Nach kurzer Verhandlung fiel kaum einen Monat später das Todesurteil. Es wurde am 21. Juli unmittelbar gegen­über dem Tatort vollstreckt.


    Am 16. März 1816 beginnt der deutsche Dichter Leopold Schefer aus Muskau/Oberlausitz seine „Weltfahrt“, die er selbst auch als seine „Lebensuniverstät“ bezeichnet. Auf seinen Wanderungen durch Norditalien machte er im Jahre 1817 auch im katholischen Triest Station.

    Bettina Clausen, Lars Clausen.

    Um Leopold Schefer's Novelle WINKELMANN verstehen zu können, lesen wir in dem umfassensten Werk über Leopold Schefer [1985] nach:

    Bettina Clausen, Lars Clausen,

    Zu allem Fähig

    Versuch einer Sozio-Biographie
    zum Verständnis des Dichters


    Leopold Schefer    II

    Seite 455
    Schefer wohnt an der Piaza S. Pietro, in der Locanda Grande. Der Geist des Ortes heißt Winckelmann (auf Zimmer No. 10, im 2. Stock ist er erstochen worden; fast 50 Jahte ist er tot.)
    Schefer ist eingestimmt vom alten Röhde her, der Winckelmann noch persönlich gekannt hatte. Wie schon Seume im Jahr 1802 sucht auch Schefer sein Grab vergeblich. Denn es hatte nie eins gegeben. Winckelmanns Leiche war ziemlich improvisiert in eine Massengruft gekommen und die Gebeine waren nicht mehr zu unterscheiden. . . .   (Es handelte sich um ein Gemeinschaftsgrab der 'Bruderschaft des Allergeiligsten Sacramentes' auf dem Friedhof der Kathedrale S. Giusto.   Nach Auflassung der Grabstätte wurden die Überreste in die nahen Kalkgruben geworfen.)

    Anders als Seume, der ohne Auskunft blieb, trifft Schefer hier aber, oben in San Giusto den Grafen Domenico de Rossetti-Scander [Sohn eines reichen Triester Kaufmanns]; den informiertesten Winckelmannforscher der Zeit, der bereits seit Jahren mit der Stadt Triest darum kämpft, dem peinlich ermordeten ein angemessenes Grabmal zu setzen, und der noch ein ganzes Jahrzehnt brauchen wird, bis es endlich in der heute bekannten schönen Form errichtet ist.







    Kenotaph im städtischen Museum zu Triest, errichtet von ROSSETTI 1827

    Seite 454
    Graf Domenico de ROSSETTI-SCANDER [1774-1842];
    Dieser Kenner verweist Schefer mutmaßlich auch in die näheren Umstände der Mordtat ein, und zerstört ihm das allzubequeme Vorurteil, daß Winckelmann von der Hand eines miesen kleinen Gelegenheitskillers fiel.
    ROSSETTI besaß damals die umständlichen Prozeßakten von 1769, die Gerichtsprotokolle, in denen auch der Mörder Arcangeli ein sehr differenziertes Profil gewinnt.
    Schefer wird sich das merken, und als er erst selber einen Begriff davon hat, was lebendige Antike heißen kann, diesen Winckelmann-Mord sogar verteidigen und mit dem literarischen Messer noch einmal zustoßen.
    WINKELMANN wird sein Prosastück heißen; aber schreiben wird er es als ARCANGELI. Es wird mehr werden als einer seiner typischen Kontrapunkte, es geht dann um ein lesenswertes Sakrileg.



    Auf Seite 454 stellen B. und L. Clausen richtig:
    „Woher die zähe Legende stammt, daß Schefer es war, der für die Errichtung dieses Grabes gesorgt habe, ist unerfindlich. Er selbst hat in seiner WALLFAHRT NACH PETRARKAS GRABE solchen Annahmen klar entgegengewirkt.“


    Quelle:
    Kleine Wiener Memoiren von Franz Gräffer, 1845, S. 82



    Triest   Piazza Grande — Locanda Grande heute