Winkelmann

Mitteilung von Leopold Schefer
 

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bullet1 - den 9.ten -

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                         Guten  Morgen,  Margarita!

        Der Morgen war herrlich! Die Morgenröthe, die Sonne, das glühende Meer, die Berge, Alles!  Auch ich sah es, so wonnevoll wie es ist — bis mir einfiel, warum ich das Alles hier sähe!  Was aus der Welt mich hieher gejagt! hier bannt!  Und doch hab' ich geschlafen wie ein Gott! Doch war ich so lange froh.  Es giebt als zwei Seelen in uns, eine ewig selige und eine arme irdische; sie heißt Erinnerung, und ohne Erinnerung wären alle Menschen ewig selig.  Winkelmann hat nun die erste Nacht im Fegefeuer geschlafen, oder gewacht, denn dahin wollte ich ihn,  zum Klugwerden. Indeß hat der Wächter, der sogenannte Todtenvogel, in der Locanda Grande seinen Leib bewacht.

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    Wahrlich aber, es giebt auch ein Fegeleben, wo die Sonne heizt — das lebe.  Ich!
            Zuerst als guter Katholik muß ich beichten, daß ich von meiner Sünde absolvirt werde! Dann bleiben mir, wie Jedem Andern, zwanzig Mittel: durchschlagen, sich hängen, erstechen, auf einem Schiffe in's gelobte Land fliehen, sich erhungern, gefangen geben u. s. w. Ich will Dich damit nicht beschweren! Doch schreibe ich Dir heut viel gelassener.
            Als ich mit dem fremden Maulaffen in den Saal der Villa Albani trat, lag mitten in demselben auf einem dahin gestellten Lotterbette ein Mann platt auf dem Rücken, starrte über sich an die Decke — wo er Dich anstarrte, Dich, die schöne Mnemosyne im blauen Gewande, die Mutter der Musen. Der Mann schämte sich gleichsam, sprang auf, sahe sich hochroth geworden um und ging; man sagte mir: das ist Winkelmann, der Fatutto des Herrn Cardinal! Als darauf mein Maulaffe vom Lotterbett aufstand, streckte ich mich darauf, wie zum Tode aber. Ich behielt die Augen zu und mein Blut siedete. Endlich that ich einen Blick! Du warst es: Du gössest Schönheit und Liebe hinunter aus Deinen Augen — auch auf mich Armen.

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    Ich Starker, ich Alberner, war ohnmächtig geworden, und der Maulaffe stand mir bei. Ich erholte mich vollends erst vor dem Bilde der Lukrezia, die Sixtus mit dem Schwerdte bedroht, und die sich bedrohen läßt! So ging es zu. Nun weißt Du, wie Jeder die Welt versteht nach seinem Sinne — als ich in der Nacht, wo Du allein warst, Dich überraschte. Wie ich aber auf dem Weingeländer vor dem geöffneten Fenster stehen blieb, denn Dein Kind war krank. Und Du saßest mir als mater dolorosa da. Du sahest mich an. So ging ich Dir langsam unter, wie ein verfinsterter Mond. Das Kind war die Nacht gestorben. Und Ich war der Mann von der Brüderschaft in weißer Vermummung und Maske, der Dein Kind darauf in die Kirche di San Michele grande zum Begräbniß trug! Hinter dem Du weinend und wankend gingst: Ich war es! Aber ich weiß auch, daß der Mann, der in einem Winkel der Kirche saß, und wohl nur zu weinen schien, weil Du schluchzetest, daß es Winkelmann war. Weß also das Kind war, dachte ich mir nicht. Denn mit Dir war ich fertig. Du weißt, daß unsere Chemänner selten den Freunden ihrer Weiber den Hals brechen. Einer der Liebhaber dem Andern aber

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    nicht selten. Dein lieber, guter Mann besaß Dich mit Recht. Er machte Dich glücklich. Was wollte ich da? Aber der Dich unglücklich machte, falsch auf Erden, verdammt im Himmel der war nun mein Feind!
            Aber wie lange sich Freundschaft und Feindschaft so oft in der Welt hinzieht, wie Wetter! Ich ward darauf Diener und eine Art Camerlengo bei dem General der Jesuiten. Ich bekam da so viel zu beten, als zu essen und zu trinken; ungeheuer. Mein General brauchte den Cardinal Albani, als den redlichsten Freund der Gesellschaft Jesu, der geistiger Tod, Auflösung, bevorstand. „Ohne Zionswächter kein Zion!“ war meines Generals Wort, mit welchem er Alle entließ. Kurz ich sahe bald im Hause, daß unsere geheiligte Religion nur gar mühsam erhalten wird, und geschweige erst eine Kirche. Daher war mein General mit dem Cardinal oft in Streit über Winkelmann, denn er hatte seinen Landsleuten, die ihm seinen Uebertritt gar sehr verübelt, wiederum gar offen geantwortet. Bei Mengs war das ein Anderes; denn wie ihn sein Vater zum Maler geprügelt, wie Er ein Weib für ihn genommen, so war er auch für ihn, durch ihn, und in ihm katholisch geworden.

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    Mengs hatte keinen Willen, blos kindlichen Gehorsam gegen seinen Vater, und Liebe; war still und liebenswürdig, daß es Iedem leid that. Winkelmann widerstand aber der Welt, sprach ihr Hohn und setzte seinen Kopf darauf, klüger zu sein als Alle, was er sich als Schulmeister angewöhnt haben soll. Indeß die Welt ist eine Schule aus großen, gewaltigen dummen Iungen, deren Ieder, wie ein Schulmeister, auch auf seinem Kopfe bestehen will. Die Verachtung macht die größten Feinde und giebt ihnen Sporen und Steigriemen. Winkelmann sollte Prüfekt aller Alterthümer in und um Rom werden, seine Kunstgeschichte sollte erscheinen, da war Mißgunft und Neid, Haß und Wuth, Eitelkeit, Vaterlandsliebe, Religion und Gelehrsamkeit auf den Beinen und lief in Rom in vertrakten Gestalten in den Häusern umher!
            Was thaten sie aber Gründliches? Ich lachte dazu. Indeß machten sie ihn doch lächerlich; und so war ich thätig dabei. Der jüngere Fea hatte sich durch Bestechung — das beste Mittel der Welt, Alles durchzusetzen, was Andern als Unmögliches gar nicht einkommt — nach und nach Abschrift von Winkelmanns Geschichte der Kunst zu verschaffen gewußt;

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    der grundgelehrte Mann arbeitete wie ein Pferd und Esel zusammen, Tag und Nacht: an einer spätern Italienischen Ausgabe des Werks, und versicherte meinem General, daß kein wahres Wort am ganzen Winkelmann bleiben werde, solle und könne, so falsch sei Alles bis auf die Citate! —
    — — — „und bis auf den Geist! die rasende
    Begeisterung für die Schönheit der alten Welt, und das Feuer der Liebe für ihr altes, ächtmenschliches Leben! — wie sie es nennen!“ . . . setzte der alte Padre Masse! dazu, und zweifelte an dem tödtlichen Erfolg. Es wurden also noch andere Ränke geschmiedet, oder richtiger, gemeißelt, gemalt und' geschrieben. Ein Engländer gab aus den Gesprächen mit Mengs und Winkelmann seine Gedanken über das Schöne, als sein Eigenthum heraus. So war die Originalität zweifelhaft für jetzt und immer. Mengs wurde aus Lust: die neue Malerei der alten würdig zur Seite zu stellen, sogar überredet, einen Jupiter mit dem Ganymed zu malen. Das mit Fleiß altgemalte Bild ward in ein altes Bad vergraben, unter Winkelmanns Augen ausgegraben, der selbst seinem Freunde zum Trotz in die alberne Welt hinaus versicherte: so Etwas käme gar keinem Maler mehr ein zu malen!

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    Der Verfasser lachte nicht einmal; denn alle Minen sollten auf einmal springen. Casanova hatte desgleichen zwei antike Bilder gemalt, vergraben und finden lassen, welche der Genarrte in seiner Kunstgeschichte als unnachahmlich pries, wie die Pompeiischen Bilder, die, unvergleichlich und alles Neue übertreffend, doch nur Werke von Stubenmalern wären. Auch der Betrug ward bis zur Zeit verschwiegen, indeß heimlich die Verlachung in Rom wuchs. Der Bildhauer Cavaceppi hatte ein Weiberknie nach der schönsten lebendigen Frau in Rom, nach einer gewissen Margarita Mengs in Marmor gebildet, es beizen, vergraben und finden lassen — und der kaum Genarrte hatte es als das größte Meisterstück der Erde geküßt und gegen seine Brust gedrückt.
            Mir wird rasend zu Muth! Ich kann kaum fortfahren, wenn ich bedenke, welcher Kenner er wirklich war. Gut! Er war! Darum fahre ich sort: Winkelmann, unser Feind, hatte seiner Freundin Mann, dem Spanischen Gesandten, als den besten Maler des Jahrhunderts so empfohlen, daß der arme Mengs nach Spanien sollte, und, wenn nicht auf die ganze Zeit, oder die ersten Jahre, doch auf das erste Jahr sein Weib,

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    wegen der vielen sich häusenden Kinder in Rom zurücklassen wollte. Die Empfehlung war also eine in den eignen Kober, Margarita! Ich war empörtl Dafür ward nun Winkelmann allen Königen als der außerordentlichste Mann seit Untergang der alten Welt empfohlen, der eine neue Zeit oder doch die alte wiederbringen werde. Darauf erhielt er Einladungen zu den Hyperboreern. Nun sprangen die Minen zugleich. Zeugen und Helfershelfer bei den groben Täuschungen begründeten den schnöden Selbstbetrug, das Gelächter, den Spott. Seine Briefe, das Gedruckte, war nicht mehr auszukratzen. Pasquino schrieb, Pulcinella krähte davon. Ich betrank mich vor Freuden zum hundert und ersten Mal. Das bekam ihm übel. Zunächst aber mir! Ich hatte mich in die wildverwachsene Myrthenlaube am Ende des Gartens um unsere Villa auf Monte mario gelegt. Zum Unglück war Congregation bei meinem Heern gewesen. Wie ich nüchtem erwachte und die Augen aufschlug, sah ich zwei Männer draußen am Eingang stehen, deren sich jeder mit dem Ellenbogen an eine Pfoste stützte. Der Eine war mein General, der Andere ein vornehmer Fremder, ein Gesandter, Geschickter, oder ein Prinz.

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    Auch unterschied ich die Stimmen der Cardinäle Albano, Passionei und des Stadtsekretairs Alchinto. Ich sollte nun aufstehen, und mich melden, ehe sie sprachen. Aber mir waren von Auswärts große Belohnungen für gewisse Nachrichten versprochen; ich dachte daran jetzt nicht, sondern blieb nur aus reiner Dumpfheit sitzen. Das Gespräch war deutlich nur ein leichtes Nachgewitter. Manches Wort fiel in mein Ohr. Unter andern sprach mein General auch: „Welche Entschuldigung können wir geben, daß wir immersort die Prüfung des klaren Wissens und der Vernunft verdammen, und alle zerschmettern, die wir erreichen, verläugnen, und verfluchen, die wir nicht erreichen? Daß wir alle mögliche Menschen mit allen möglichen Leidenschaften und aller möglichen Ausübung dulden, mit allen Lastern und Verbrechen beladen behalten und ihnen, wie Jedem die Seligkeit verbürgen, damit das Gemüth nur ein stilles Leben im Traume lebe, damit sie die Unsern sind? Hilf Gott! wie ungeheuer ist der Schooß der Kirche! Was war Abrahams Schooß gegen unsern? Aber wenn wir nun mit dem Leben aller Art aufgegangen und Eins worden sind — so geht Eins mit Uns nicht auf! Doch!

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    Was macht denn das Leben zu Leben? Etwa die Kunst? die Malerei? der Gesang? — Was macht das Leben zu einem schönen Leben? Etwa wiederum Bilder? Träume? — oder die hohe geistige Klarheit über die Welt? Sind wir nun unserer Sache so gar gewiß? Nach meiner Frage und Antwort: nicht! Kaum! Kaum lange mehr! Jetzt öffnen wir gar noch zu unsern Dingen und Weihungen — was? . . . Das alte Heidenthum! Lassen nackte Weiber und Männer oder, was noch schlimmer ist: in der Bedeutung von Göttinnen und Göttern auferstehen, gehen hin sie bewundern, bestaunen, mit lüsternem Blick mit der ganzen Seele Welchen Nebensaal der Welt thun wir da auf! Oder war er, blieb er, muß er bleiben, wie so manches Saamenkorn aus der alten Welt nur schlafen liegt, um wieder zu erwachen, um in neuer Zeit alte ewige Frucht zu bringen? Sehet zu, was geschieht! Wer sind wir, wer werden wir, wenn wir hinziehen, anbeten — und was am schlimmsten ist — als Menschliches, Herrschendes. Allgewaltiges, mit allen Sinnen und Gedanken daran hängen, alle Freude von ihm haben, und wirkliche unläugbare Menschen, schöne Mädchen und Jünglinge, Frauen und Männer mit antik-

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    modernen, mit ewigen Augen ansehen, und wieder so leben, wie Iene, denen die leibliche Schönheit, die sinnliche Welt die höchste war, als die menschliche Welt. O ich sehe voraus, nun wird ein Graben und Ausgraben, ein Herreisen, ein Bewundern entstehen, ein Nachmeißeln, Nachmalen, das doch Alles todt ist durch Christum, oder wenn nicht, und wenn es nicht in achtzig Jahren todt gemacht ist, das uns todt macht, so daß Rom in Wahrheit nichts sein wird, als Ein Antikencabinet, Eine Bildergallerie, in allen Kirchen zerstreut. Und nun kommt das Aeußerste, daß das Volk endlich wahrnimmt: die schönen Urbilder alle der Gestalten und Urbilder haben gelebt, sie leben noch und immer auf Erden. Denn wenn alle Personen, die in die Gestalten zum Theil oder ganz verwandelt worden sind, was Ihre ist, zurückfordern und damit fortlaufen könnten — siehe, da würden die Gestalten ohne Kopf, ohne Hände, ohne nackte Arme, Beine und Leiber sein, selbst an Vasaris langem Tische säße die Hauptperson ohne Kopf! So, so furchtbar bedroht uns das Leben mit tausendfacher Fülle der Schönheit; auf die Erde wird man mit Fingern zeigen und rufen: Hier ist der Menschen Welt!

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    Und Wer erweckt uns solche herzenstiefe Feindschaft? Wer pflanzt uns einen solchen prachtvollen Giftbaum? Wer sieht und achtet in Allen blos die Kunst, die Schönheit, in jedem Werk — also auch in unserm die allmälige, vorübergehende Ausbildung? Wer ist der heimliche, aber größte Feind unserer Zeit, unseres Geltens?„
            Und Passionei, selber Archinto sprachen: Der General meint: Winkelmann!
            „Winkelmann?“ versetzte Albano lächelnd.
            Das Lächeln gab dem dreisten Fremden noch, mehr Muth, aus einem Briefe über Winkelmann eine Stelle mit Feuer laut vorzulesen; er bat um Erlaubniß und las mit Kraft: „Heilig ist der herrliche Mann, heiliger als alle eure Heiligen, über den der schmerzenvolle Geist des Alterthums ausgegossen ward! Der, was alles schön und groß gewesen, noch einmal auf Einmal nachempfand, und nicht starb, nein, nur selig ward! Der, was die arme auf Erden verlassene Menschheit duldete, noch einmal auf Einmal nachempfand, aber es nicht aussprechen konnte, weil alle das selige Leid und die selige Schönheit auf Einmal über ihn kam, was alle Einzelnen in Iahrtausenden allmälig und tropfenweise gelitten wie Feuer, getrunken wie Nektar, und einzeln dahin-

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    gestorben, indeß das millionfache Sterben und der millionfache Tod, und die Gräber auf Einmal herzerschütternd in seiner Seele lebendig und wahr ward, als er die erste Urne sah, die erste Trümmer der Göttin der Schönheit. O schaaflederne, elennhäutene Seelen, in deren Gedanken nie eine Ahnung der heiligen Wehmuth, der innigen selbstständigen Seligkeit gekommen, die in dem Wesen des Alterthums liegt; des wahrhaft Heiligen und Hertchen jener edlen Menscken, die das sterbliche Leben auf Erden feierten, auch für ein Leben ansahen, ja für das alleinige Leben des Menschen, des Geistes auf Erden, und die es schmückt mit allen Blumen, die es hatte; die das Weib bekränzten, die einen nur kleinen Menschen gebar, und das Bett und das Kind; und den Sterbenden und den Todten und das Grab noch bekränzten; und in solcher gründlichen Rathlosigkeit gegen das Alter, und götterhaften Hülflosigket gegen den Tod noch heiter lächelten und die Urnen schmückten mit Leben, weil Leben und Tod ein Leben des Menschen ist — schweigt doch, schaaflederne, harte, sogenannte weichgeschaffene Seelen! Lebt ihr und sterbt ihr nicht auch noch? Leidet ihr nicht auch noch

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    alles Menschliche, alles Mögliche? Ist eine, einzige, zum Leben gehörige und das Leben ausmachende Arbeit und Mühe, eine Qual, eine Thräne von euch genommen? Keine! Keine! Aber wo habt ihr die Genüge, die Freude, die Ewigkeit, ja die Seligkeit! — O so begreift doch wenigstens einen antiken Menschen, ein antikes Weib, die antike Erde! Glaubt doch wenigstens an die Zwei ihrer Alles ausgleichenden Genien: glaubt an Schönheit und Liebe! Und könnt ihr das, dann ehrt einen Mann unter euch, der vor Erstaunen über die Blumen in seiner Hand bezaubert bebt, vor einem Kinde verklärt dasteht und glänzt wie Moses; der über ein gelbes Herbstblatt tausend Bilder, tausend alte Herbste erschütternde Thränen vergießt, und dann voll Seligkeit in der Wehmuth, voll unsterbliches Leben, in der Seele begnügt und stark ausruft: O das Leben ist selig! So ist das Leben allein erst das Leben; das alte Leben war froher, freudevoller als das neue, das die Erde für nichts hält, ein schönes Kind und ein schönes Weib für Nichts, und Thränen und Tod und Grab — alfo dies Leben, wie es immer war und sein wird, für eitel Nichts. Aber genug!

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    Bis hierher genug! Ihr erwacht wieder; der Schlaf der Betäubung ist aus! Die Natur wird wieder ihr Wort zu euch reden, ihr sanftes Wort wie eine sanfte, gute, verrathene, vergeßne Mutter, wie eine Geliebte. Sie wird eure Verachtung Ihrer, nicht noch an euch strafen, denn eure Strafe war ja euer Elend bis auf diesen Tag! Wer ist das, der Winkelmann schmäht! Ihr mißversteht! Seine Brust ist eine Urne der seligen Welt! Die Seele dessen ist groß, sie allein ist die Seele eines Göttlichen, die das Kleine begreift und erkennt und es ehrt — einen Ring am Finger mit einem Menschengesicht, ein Ohrgehäng' — die goldene Cicade einer schönen, sterblichen Athenienserin, denn die Fülle der Natur ist darin begraben; selig die Seele dessen, der auch das Flüchtige, Vergängliche hoch ehrt am Menschen: ein schönes Haar! nur die schönen Augenbrauen! ein Grübchen in der Wange! eine schöne Lippe! Dem das Lächeln eines schönen Antlitzes das Herz zerreißt, wie der Sappho, die ihrem Geliebten gegenüber sitzt. So pocht Winkelmann das Herz der unleugbaren, schönen, unvertilgbaren, siegreichen Natur gegenüber! So weint er, so ruft er: ich erblasse, ich sterbe! So ein Mann mußte erscheinen als ein Retter der Menschheit! der selber leidend, selber sich freuend, bis zu Entzücken und Ohnmacht,

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    den Andern die Augen aufthut, die Sinne frei macht, und in ihr versumpftes Bewußtsein auf Erden, in die Ohren der Lebendigtodten und Todtlebenden ruft: Steht auf und lebt! Seht, die Natur lebt! Um euch und in euch! Sie ist schön zum Sterben! Das Leben ist schön zum Sterben! Habt Geist für den Geist, der Alles als Meister schafft! Liebt doch die unvergleichlichen Hände! die kostbare, einzige Arbeit! Habt Kraft zum Hiersein! „Hier bin ich!“ ruft jede Kraft in allen Winkeln. Gut! So ein Winkel ist auch die Erde. So rufe auch, Mensch: „Hier bin ich —!
            „Bagatella!“ versetzte mein General Ricci; oder grade fragt der Herr: ob Er hier sei! Gut; lebt! aber lebt Gut! denkt nicht, daß Ihr ein porco im Leibe habt, daß ein Sperling in dem Thiere lebt, in welche Circe sogar verwandelte. Kann die Kirche weniger thun?“
            „Es ist aber jetzt die Frage: an Wem die Verwandlung ist?“ versetzte der Fremde, bitter anspielend auf die Auflösung des Ordens.
            „Wir bleiben, wer wir sind!“ trotzete Ricci.
            „Oder sind nicht!“ drohete Jener. „Gewiß nicht bei uns.“

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            Der General konnte vor Wuh nicht sprechen, aber dann fielen Worte, die wenigstens Ich nicht hören sollte! Süß wie Honig, aber Gift! Drohungen — aber nur die seinen Spitzen von abgebrochenen Dolchen!
            Der General ging auf und ab — er schritt bis in die Laube — gewahrte mich! Himmel! ich war verloren! Aber er machte mich sicher dadurch, daß er that, als hatte er mich gar nicht bemerkt! Sie schieden dann;, ich raffte den Brief auf, den der Fremde im Eifer verloren. Dich, Margarita, erfreute ja jedes Gespräch über Kunst, und Winkelmann war Dir ein Prophet. Dein schöner Leib und sein schöner Geist besiegten, durchdrangen einander. Nun weißt Du Alles! Um Mitternacht ward ich gebunden in ein Gefängniß geworfen, der Fahrt des verschlossenen Wagens nach, in die Engelsburg. Wie viele Tage, Monden, Jahreszeiten, Jahre ich gesessen — konnt' ich nicht zählen, mir fehlte das Maaß der Menschen, die Sonne.
            Endlich fragte ich meinen Raben: ob kein Weg zur Freiheit sei?
            Wieder nach lange erhielt ich Bedingungen.

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    Ich ging sie ein. Um der Freiheit willen betrügt der Mensch Brüder und Vater und Mutter, verschreibt er sich der Hölle geschweige . . . . .

    (Hier fehlt gerade ein ganzes Blatt der Schrift des  Arcangeli.)



     

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