Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

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bullet1 XXI. Die Lebensversicherung.

 

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        Als Tag und Nacht im Herbste nun gleich waren, hielt die Lebensversicherungsgesellschaft großes Capitel. Bis dahin hatte der alte Seligo, der einen Ruf nach Connecticut erhalten, und seinen Silvati mitnehmen wollte, ihn zu verschiedenen Freunden in London in Unterricht gegeben, zugleich um seine Abhandlung auszuarbeiten, auf welche er Mitglied derselben werden sollte.
Jetzt holte Sir Ned seinen jungen Freund im Wagen ab. Sie fuhren außerhalb London aufs Land, auf ein altgothisches Schloß, das ein reiches Mitglied der ehrenwerthen Gesellschaft fast gänzlich eingeräumt, da er für ihre Sache nur lebte und webte, die bis in diese Zeit noch nicht ausschließlich von einem Verein der reichsten und edelsten Männer uttd Frauen war vertreten worden. Das Schloß war ein altes sehr wohl erhaltenes Kloster, mit den Veränderungen welche ein anderer Zweck an die Hand gegeben.

 

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        Sir Ned, als hier schon bekannt, fühlte den jungen Freund alsbald in die mäßig große doch prachtvolle Kirche mit einem großen kostbaren Fenster im Grunde voll bunter Glasmalereien, die eben die Abendsonne durchflammte. Sonderbarer Weise enthielten sie auch vier Bildnisse von Päbsten die grade alle Doctoren gewesen: Eusebius, Johann XXII., Paul II., Nicolaus V. Von der Orgel über der Thür her erklang von zwei schönen Stimmen das Duett Adam's und Eva's aus der Schöpfung, von dem Register: Viola da Gamba begleitet. Die ewigen Klänge schwebten wie Paradiesvögel unter den,Gewölbe umher, von welchem uralte vergoldete Kronleuchter herabhingen, deren Wachskerzen die Diener so eben anzündeten. Die Musik verstummte, plötzlich abgebrochen. Durch die Reihen geschnitzter Sitze gingen sie an den großen smaragdgrünen mit Gold reich behangenen Tafeln vorüber, dem Altare nach, dessen Bild man in Ehren und Würden gelassen; denn es stellte Moses vor, der die Seinen glücklich durch den Grund des Meeres führt, während die Wogen bezaubert stehen wie Mauern. „Wir Alle wandeln durch den furchtbaren Grund, und die Springfiuthen würden uns Alle, alle Augenblicke begraben ohne die Vorsicht“ sagte Sir Ned. Ueber dem Altar aber hielten zwei Engel eine große Schrift, und Silvati las die goldenen Worte: „Ich der Herr bin Euer Arzt.“ — Diese zwei weißen Marmortafeln, die hier aufgestellt sind, enthalten die einzigen Gesetze unserer Gesellschaft;

 

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bemerkte Sir Ned. Silvati zog den violetseidenen Vorhang zur Seite, und er war überrascht, als er nur die — meist negativen — uralten X. Gebote erblickte. Wie mit einem Kranze aber waren sie mit den positiven Worten umfaßt: „Liebe Gott über Alles, und deinen Nächsten als dich selbst.“
        Das heißt, wohl: mein Nächster ist Ich, so gut als ich; denn wir Alle sind erst der Mensch, sagte Sir Ned in Silvatis Gedanken. Zu Ende der zweiten Tafel aber standen auch die Verheißungen, und mit leisen Thränen über sich lispelte der verwaisete Vater . . . . „starker eifriger Gott, der über die so mich hassen, die Sünde der Väter heimsuchet an den Kindern,“ — ach', mein Kind, meine Alceste! — „bis ins dritte und vierte Glied" — — dann stärkt die Kraft der allbelebenden Natur die Unschuldigen wieder. .. „Aber denen, so mich lieben und meine Gebote halten, thue ich wohl bis ins tausendste Glied.“  
        Der erschütterte Vater küßte die kalte Marmortafel. Dann deutete er seinem jungen Freunde auf einen Folioband mit goldenem Schnitt und gepreßten Decken, die geschmackvoll und reich mit Edelsteinen besetzt waren und die Ausschrift trugen: „Aerztliche Erläuterung der X Gebote.“ Silvati heftete die goldenen Spangen auf, und blätternd in dem Pergamentbuch fand er fast alle Krankheiten durch kurze mit Namen und Jahr belegte Beispiele aus irgend einer Beleidigung Eines dieser Gebote hergeleitet.

 

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Oft trug auch ein Andrer die Schuld, nicht der, den das Leid betroffen. Ja Er selbst stand darin auf einer der letzten Seiten, und Sir Ned und Lady Cynthia. Er schlug es zu, und von einer andern Seite weg flammte ihm noch das flüchtig erhaschte Wort im Auge: „Unkenntniß der Natur — organischer Bildungsverlauf der Erde.“
        Sie gingen jetzt in die vormalige Sacristei, die voll Damen mit äußerst zarten und lieblichen goldenen Masken war. Alle hatten veilchenblaue Mäntel um, in dem smaragdgrünen einfachen morgenländischen Kopfputz einen wunderschönen kleinen natürlichen Kolibri als Schmuck.
        Die Damen sind unsere edelsten herrlichsten Mitglieder, flüsterte Sir Ned, als Mütter, als Gattinnen, als Bräute und Jungfrauen; ja nur als Töchter und Schwestern schon und als Pflegerinnen liegt fast unserer aller Gesundheit in ihrer Macht und in ihrem Bereich und Willen. Sehn Sie — die Damen tragen den Kolibri todt im Haar — und Sie wissen: der Kolibri ist der Vogel des Zorns und der Rache. Für Cynthia und die ihr gleichen, wäre die Schwalbe — die Häuslichkeit und Treue — noch Lebenversichernder, aber die müßte lebendig getragen werden; das wäre zu unbequem und zu selbstkennerisch-eitel, und das sind — die Schwalben nicht. Sehen Sie nur den geheimnißvollen Glanz ihrer Augen, wie er aus den goldenen Masken hervorbricht! Wir dürfen hoffen, die schönen Damen werden sie dann beim Essen

 

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abnehmen, bei dem Feste, welches zugleich Ihr Hochzeitfest sein wird, lieber Silvati! Ihr Hochzeitfest! Welch unschätzbares Mädchen ist Thirza Seligo!
        Silvati glühte nun von der Mittheilung. Alles war ja längst richtig. Und doch sah er nun lächelnd von allen den Damen ab. Mehrere gingen hinaus, dadurch wurden die Gegenstände in dieser alten Sakristei frei. Denn hier war jetzt die Merkwürdigkeiten-Sammlung der Gesellschaft. „Aus diesen Gegenständen wird Ihnen der Geist, der Sinn und die Meinung unserer Arbeiten klarer werden als aus zwanzig Büchern,“ bemerkte Sir Ned. Und Silvati sah ein Mohrenmädchen, künstlich aufbewahrt und lieblich anzuschauen — aber mit dem Denk- und Gedankenzettel: „Aus dem Afrikanischen Sklavenschiff bestimmt nach den Amerikanischen Freistaaten.“ — Daneben stand ein blasser Seidenweber mit dem Denkzettel „Aus Spitalfields.“ — Neben diesem hing ein getragener Orden mit der Erklärung: „Für Erlegung von Dreizehn Feinden in Einer Schlacht.“ Unter diesem stand eine Kanone von kleinem Kaliber, behangen mit Flinte, Bajonet, Säbel und Pistolen, dabei eine kostbare Crystallflasche mit Schießpulver mit der Signatur: „Pulver aus der Teufelsapotheke.“
        Sie müssen nämlich wissen, bemerkte Sir Ned, die jetzt noch im Stillen — um nicht ausgelacht zu werden — aber im Stillen schon mächtig wirkende Friedensgesellschaft hat ihre geist- und herzreichsten Mitglieder auch bei Uns.

 

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Eben so die acht und neunzig menschenfreundlichen Gesellschaften in London, die mehr oder weniger ihre Wirksamkeit über die ganze Erde erstrecken oder damit hinweisen und zielen. Ihre Mylady Will-William ist auch als Eine der Bewahrschulen-Vorsteherinnen hier. Grade die zwei Damen hier seitwärts von uns, die sich jetzt die luftlose Maske eines Butkiten mit Grauen betrachten, sind von dem Damen-Verein in Brüssel. Ihre Sprache verräth sie. Selbst die barmherzigen Brüder in Florenz haben heut ihren Abgeordneten hier. Noth lehrt gut, aber Unglück noch besser. Die Welt hat Alles schon, was sie bedarf; sie weiß es nur nicht und es fehlt ihr nur noch der wahre Sinn, die Verbindung und Richtung des Guten, was sie schon ist, hat und thut. Auch kann es und muß es zerstreut sein, und zerstreut werden, und Eins nur im Herzen und Geist. Denn grade die denkenden Aerzte müssen Gott danken; wenn ihnen hunderttausend Hände in die Hand wirken, die Mißstände ausgleichen — und sollten es selbst die Lebensversicherungs-Banken sein — bis es alle Millionen Hände für uns und für Sie und sich selber thun. Aber mein Gott . . . . da in der Nische . . . da steht auch Clarissa in ihrem Crystallsarg, und da sitzt der alte Schauspieler und Bäcker, Vater John! Das nenn' ich einen demüthigen Präsidenten, der aus seine Kosten so heimlich warnt!

 

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        Sein Sohn der arme Armendoctor Seligo — ach, er sollte auch hier sein! und Ben-John, und das Töchterchen mit dem Vlaukehlchen und dem dürftigen Strohhut. O Gott! stöhnte Silvati, und lehnte sich neben einen „von Selbstentzündung des geistigen Getränkes inwendig ausgebrannten Russen“ wie der Denkzettel besagte.
        Beruhigen Sie sich! tröstete ihn Sir Ned. Hier fehlen fast alle Menschen! Deswegen suchen Wir hier zu sein, und Sie auch! Die offenbaren sogenannten Duelle schafft man ab, aber die heimlichen millionenfachen Duelle durch Mißgunst, Haß, Streit, Unverstand, Lieblosigkeit und Nichtbeachtung — sie raffen noch lange das Menschengeschlecht hin! Der grobe, das heißt schnelle Selbstmord wird für infam gehalten, aber in Ehren gehalten und hold unterstützt wird der völkerweise geübte süße subtile Selbstmord, durch alle Leidenschaften — die Liebe nicht ausgenommen. An diesem verkümmern und sterben fast Alle, selbst die noch Besten und Weisesten; wenn krank leben und vor der Zeit sterben ein barbarischer Tod ist. — Sir Ned verließ ihn darauf unter dem Verwande, den Herrn des Hauses zu begrüßen.
        Die Versammlung ging darauf an. Aber Silvati mußte noch lange verweilen, bis er sich gefaßt hatte, und als er, nachdem schon Manches verlaufen war, erst in Einem der geschnitzten Stande auf seiner Nummer Platz genommen, befand er sich zwischen dem

 

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Apotheker Herrn Schimmelpfennig und Dr. Pholop, der ihm zuflüsterte: erschrecken Sie nicht, mich hier zu sehen. Unsere Anstalt hat man niedergebrannt. Wir sind so klug: nicht die einzigen Dummen in der Welt bleiben zu wollen; Die Priester gehören mit hierher, und kommenzu ihem ersten uralten Geschäft: der Heilkunst. Mann muß herrschen wie man grade immer herrschen kann. Ich ziehe mit Ihnen nach Connecticut!
        Der Vicepräsident trug nun eingegangene Berichte vor, und bemerkte, wie die Menschheit begönne, nicht mehr mit mit unbesonnener Wut aus sich hinauszustürzen, dagegen das Leben als den größten heiligsten Schatz zu betrachten, wofür man den Künstlern aller Art den höchsten Dank schuldig sei, denn manche Leute wünschen sogar nur noch bis morgen zu leben, um einen angefangenen Roman auszulesen. (Gelächter) Er aber erklärte dieß für ein bald herrliche Frucht bringendes Zeichen der Zeit. Den deutschen Aerzten ward der größte Dank gesagt, für ihre vielen Schriften: sich unnütz zu machen. Es wurden Stimmen gesammelt, einem berühmten deutschen Arzte ein Geschenk von 2000 Guineen zu senden, dafür, daß er auf wissenschaftlichem Wege es eingeleitet, verkappter Weise eigentlich die Medizin so gut wie anzuschaffen, dagegen aber die wahre Lebensweise zu lehren. Desgleichen wurde dem Dr. Greiner für seinen „Arzt im Menschen“ — dem Dr. Bergk für seine „Kunst Krankheiten vorzubeugen,“ so wie dem Dr. Hartmann  für sein:

 

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„Handbuch der Diätetik für Jedermann nach homöopathischen Grundsätzen,“ ein Ehrengeschenk von 1000 Guineen zuerkannt, und andern verdienten Männern, fast lauter Deutschen, gleiche oder ähnliche. Vor allen aber wurde der Name von Kant gefeiert, des ersten wahren geistigen Stifters der Lebensversicherung durch seine „moralische Diätetik.“ Und unter der Bemerkung: daß selbst Feldmarschall Blücher mit Recht das Doctordiplom erhalten als ein Doctor der Zeit, energischer als Hamlet, weil er jenen Krieg erstickt und vor Gott Alle die curirt habe, die nicht mehr nöthig gehabt zu sterben und Invalide zu werden — ward mehrern inländischen und ausländischen hohen Männern das Ehrendiplom der Gesellschaft zuerkannt.
        Jetzt erhob sich der alte ehrwürdige Seligo als Präsident in seinem veilchenblauen Mantel, schön in seinem noch reichen Silberhaar, ließ die aufzunehmenden Damen in ihren goldenen Masken Eine nach der Andern vor sich treten, die Mäntel ablegen, worauf sie in Engelsgewanden erschienen und nahm sie mit den leise gesprochenen Worten zu Mitgliedern auf:

„Wißt, daß Ihr Engel seid,
Liebe, zu Liebe gesandt.“

        Und sollte ich noch Eins wünschen, setzte er mit Hindeutung auf ihr äußeres Wirken hinzu, so wäre es das: Sie nehmen auch die Demuth an, künftig das Hülfreiche selbst zu thun, nicht durch

 

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Diener! Nicht Masken zu tragen wie in Italien, damit man sich dann der — edlen Frau nicht in vornehmen Kreiste schäme, die in die Straßen hinabgestiegen, um Menschen Hülfe zu leisten. Darauf erhielten sie — Jede ein kleines „Buch der Pflichten“ und einen neuen Namen; und so auch die Männer, und zuletzt auch Silvati, der nun Vitalis hieß, die schönste endlich rechte Versetzung aus seinem Namen. Darauf schlug er den Vicepräsidenten für seine Stelle vor, dann schloß er gerührt mit Niederlegung seines Amtes und sprach, die Augen auf Silvati gerichtet: Da wir Alle eine glückliche Ehe für einen wesentlichen Theil der Lebensversicherung halten, so genehmigen Sie gewiß, daß wir heute mit einer solchen beschließen! Namentlich Ich versichre dadurch zwei Leben! Dann ziehe ich mit Ihm und mit Ihr nach Amerika, denn Sie Alle sehen mir an, daß ich sogar bald reif sein müßte, in jene neue Welt zu ziehen — warum nicht noch zuvor auch in diese neue Welt? Ich habe einen Ruf bekommen — und ich höre noch gern das Gute und kann es noch sagen. Der Herr Secretair wird Ihnen den Brief aus Connecticut vorlesen.
        Der Secretair stand schon auf; da brachte Sir Ned aus der Bibliothek zur Seite, — gewiß zu zeitig — die Braut, gleichfalls in goldener Maske geführt — zur Haustrauung — wie er sagte; das Mädchen aber stand mit gesenktem Köpfchen zwischen Ihm und Vitalis und zitterte sichtbar.

 

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Sie war weiß gekleidet, doch auch mit smaragdgrünem Shawl um das Haar und mit dem schönen bunten Kolibri. Und Vitalis bebte leis wie sie, und sich bedenkend wollte er heimlich ihr die Hand drücken, aber sie regte sich nicht. Und während ein Geistlicher die Stufen des wieder als solchen benutzten Altares bestieg — sprach Seligo: Nur noch den Brief aus Connecticut zuvor! Vitalis geht er vorzüglich an! Er ist seine Einweihungs- ja seine Traurede. Nur die ange-strichenen Stellen! —
         Und nun las der Secretair:*)
        Wir glauben am ersten für Kunst und Wissenschaft, Freude und Liebe, für die Schönheit der Frauen und die Lust der Mütter zu sorgen, wenn wir — und Sie halten uns nicht für Thoren — wenn wir für das bloße liebe Leben sorgen, und selber der große Meister vom ewigen Stuhl müßte das  loben.
        Aha! Freimaurer! schaltete v,. Pholop ein.
        — Denn das Leben hier in dem jungen Amerika wird bald und dann für lange einen noch ganz „ungekannten Werth haben, besonders aber sehr lang
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*) Bei Mittheilung dieses Briefes dürfen wir nur an die öffentlichen Nachrichten erinnern, laut welchen seitdem in Connecticut wirklich eine „Gesellschaft zur Verbreitung der naturgemäßen Lebensweise“ besteht, so wie in den Vereinigten Staaten sich 1500 „Temperance Societies“ constituirt haben.

 

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sein durch seinen vielen und reichen Inhalt. Wir sind aber gewohnt — ohne Prüfung — keine alte „Gewohnheit aus Europa, kaum eine Tugend, geschweige ein Laster hieher zu verpflanzen. Unsere neue Einrichtung gleicht einem Weltgericht bei lebendigem Leibe, mitten in Leben und Zeit. Ihr Lämmer zur Rechten! Ihr Böcke — aller Art — zur Linken!  ist unser Sprichwort. Wir haben nun aus wohl 30 Jahrgängen Europäischer Listen ersehen: daß Menschen von jedem Alter an jeder Krankheit heimgegangen. . . .“
        Nein! es sind Herrnhuter! bemerkte Apotheker Schimmelpfennig, Daraus haben wir nun in unserer Einfalt geschlossen: daß'auch nicht Eine, das heißt also Keine gewiß zu curiren ist. Darüber müßte ein Elephant stutzen! geschweige ein Mensch oder gar ein Amerikaner! Und das je mehr, je weniger Wir hinter den Thieren des Feldes und den Vögeln unter dem Himmel uns classisiciren möchten, die stets ohne Arzt gesund sind, weil sie gesund leben müssen. Und Wir sind so berechnende Köpfe: sogar es zu — wollen. . . .
        Der Connecticuter läßt seinen Stolz etwas sinken! sprach Herr Klimm; und da ich mit dem Verlust Eines gesunden Beines davon gekommen, also von größerem Glücke sagen kann, als Millionen Curirte — nicht — sagen können, weil ihnen der Mund verstopft ist,

 

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so unterstütze Ich unsere Gesellschaft, solang ich auf einem Beine stehen kann, und unterstütze das Gesuch des Connecticuters um einen Ableger von uns!
        Bei den vielen schnurstraks entgegengesetzten sich vernichtenden Systemen, sind wir so freie Amerikaner: Keinem zu glauben; ja, wir haben noch nicht in Erfahrung bringen können: was Krankheit sei — als durch Erfahrung, aus der Wir zum Glück klug werben können. Aber die Apotheker*) können keine Erfahrung aufstellen; denn weil Jeder durch Aeltern und Nahrung und Lebensweise chemisch anders gemischt ist, und Jeder noch obendarein anders moralisch durch seinen Lebenswandel, so giebt es so viel Menschen als — Menschen: und wenigstens Millionen Arten Seitenstechen, Billionen Arten Husten und Trillionen Arten Husten und Trillionen Arten Schnupfen, seit es Nasen giebt. 
        — Beifallgelächter. —
       „„Eine schwere, eine leichte Niederlage,““ so, taufen die gerufenen Apotheker die Krankheit; und nun sollen und wollen sie aus Barmherzigkeit wirken — wo vor ein, zehn, zwanzig, ja vor hundert Jahren hätte gewirkt werden sollen — wodurch? Dadurch: es giebt nur Eine Panacee, eine Goldtinkur für Alles und das ist die Vernunft.
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*) Physicans. In Amerika wie in England machen sie zugleich die Aerzte.

 

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Darum liegt in den Handen der Apotheker auch nicht das Mittel zu heilen, weil es weiter keines in der Natur giebt, und keines in der Natur giebt, und keines weiter nöthig — und nöthig gewesen ist, oder wäre. Der große Meister vom ewigen Stuhl ist kein Verschwender und nichts ist doppelt oder sich gleich und Nichts ganz an des Andern Stelle zu setzen — und jede Aloe ist, wie wir schon vermuthen, am Ende blos eine eigene schöne Blume für sich; ja, wir freien Menschen glauben an die Selbstständigkeit jedes Bibers, wenn wir ihn auch erlegen und verkaufen — das ist nur kaufmännisch — und glauben an die Freiheit jedes Afrikanischen Mohren, wenn wir ihn auch kaufen und plagen, bis er nicht mehr zu plagen ist — das ist nur menschlich.
        — Gemurr. — 
        Dagegen glauben wir, daß die innere Unsittlichkeit, Haltlosigkeit und die eben so hart sich bestrafende Unkenntniß der Natur: Verhalten, Gedanken und Werke hervorbringen, wodurch auch der Leib zerfällt; die Krankheit ist nicht die Sache, noch ihr eigenes Zeichen, sondern Folge und Zeichen innerer früherer Krankheit der Seele des Leidenden selbst oder seiner Vorfahren und Mitmenschen, lauter geistige Ursachen und wenn diese auch zuvor ober jetzt mit Salben, Decocten und Balsamen der Natur zu heilen waren; doch überflüssig — überflüssig die armen verunglückten Menschen, die eben so oft nur Unglücklich - gemachte sind.

 

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Da wir überdieß wenig und keine Apotheker haben, so daß Einer auf zehn Quadratmeilen kommt und die wenigen furchtbar theuer sind — so zwingt uns die Noth, leider das Sicherste und Vortrefflichste zu wählen und Sie zu bitten . . . . “
 
        Wir wollen also hin, Vitalis! sagte Selige; alle Erndten kommen in Amerika aus einigen Waizenkörnern aus Europa. Und während die Orgel jetzt seine Worte so sanft und lieblich wie beim Offertorium begleitete, sprach er mild: Ja, die Gesunden müssen curirt werden! von Unkenntniß des Weges der Natur, von Fehlern, Lieblosigkeit und Leidenschaften, die davon so zu heißen scheinen, weil sie Leiden schafften und schaffen. Die Mehrzahl der Menschen weiß nicht, was zu fliehen ist, und fürchtet die fürchterlichen Kleinigkeiten nicht. Also bedarf es eines Werkes, das ausführlich die göttlichen Worte behandelt: „Thue das, so wirst Du leben.“ Dieses Werk aber können und werden nur die Aerzte schreiben. Dieß ist der ihnen geheim inwohnende Zweck, und sie werden nichts Andres zuletzt erreichen — und das ist herrlich und mehr, als ihnen jemals verdankt werden kann. — Die Grundlagen und Ursachen von Krankheiten den Menschen nachzuweisen, was Dieses und Jenes schadet und was es zur Folge hat, was die Gesunden in allen Landen denn alle zu meiden haben, wie sie es meiden können, und was sie wissen und thun müssen. Das streben die Aerzte jetzt durch Erforschung und Anweisung des einzigen einfachen Weges

 

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der Natur, und künftig — wenn sie noch sind —wirken sie zuvor, ehe der Mensch krank wird; denn wenn sie gerufen werden, können sie der Menschen wegen nicht füglich mehr helfen. Darum Ehre den Aerzten und Wundärzten! Ehre jedem, der die geringste Eigenschaft der Natur erforscht! Ehre Ihnen, weil sie indeß oft helfen und immer helfen, und einst es immer werden! Weine ich alter Mann, so sind das Thränen des Dankes und der Rührung! Wir wollen indeß auf Alles hören, was sie uns entdecken und lehren. Wir aber schon unserm Berufe näher tretend, wir wollen die Begleiter und Pfleger der Lebendigen und Gesunden, nicht nur der Kranken nnd Tobten sein, Hausfreunde, tägliche Rathgeber einige Jahrhunderte lang, denn die Menschen sind vergeßlich und leicht gesinnt, und in langer, langer Zeit kann erst die Gesundheit der Menschen sich herstellen und befestigen. Wir müssen Gewalt haben zu befehlen, uns nicht schämen: ungerufen, ja weggewünscht hinzuzutreten, denn das ist unser Beruf, nur also können wir wirken, und darum müssen wir es ohne Belohnung thun. Gesund aber werden erst alle Kinder der Erbe sein, wenn ihre Mutter erst ganz gesund sein wird — ich meine die Erde.
        Doch die Sänger auf dem Chore der Orgel sangen jetzt das Duett aus der Schöpfung, eine reizende schmelzende Jungfrauenstimme, eine süße sich hingebende Eva, und eine kräftige vor erwiederter Zärtlichkeit weiche Stimme Adams.

 

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Sie hatten vorhin eben ihre Probe gehalten, und jetzt den Geistlichen auf dem Altar gesehen, aus der Entfernung aber die gesprochenen Worte für die Traurede an Vitalis und die schöne Braut gehalten. Und als die Sänger geendet, traute sie der Geistliche vor der Versammlung. Dann wünschten ihm Alle herzliches Glück zur Gemahlin und zur Reise. Die erste war seine Mutter. Seine Schwester Silvia und ihr Godolphin schlossen ihn in ihre Arme. Lady Will-William nahm vor ihm ihre Maske ab und lächelte ihm zu, schlau als sei sein ganzes Schicksal angelegte Führung gewesen. Miß M'Aulay, jetzt Mistriß Klimm, mit ihrem lieben Mann mit dem hölzernen Beine drangten sich gleichfalls herzu. Der brave Apotheker Herr Schimmelpfennig hatte die Augen naß und langte ihm von fern seine Hand zu; selbst der Provisor verbeugte sich tief vor ihm, und klein wie er war, verschwand er während der Verbeugung hinter den Menschen.
        Nur zuletzt erst trat Frau Grace, seiner Thirza Mutter zu ihm. Sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht, und endlich deutete sie ihm nur mit der Hand nach einer einsam stehenden Gestalt zur Seite, die eben ihre goldene Maske abgenommen, sie fallen lassen und mit nieoergesenkrem Antlitz glühend wie schaamroth an einer Säule stand, zur Erde sahe und lächelte wie eine Selige oder Heilige.

 

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Thirza! Du bist es! rief er erstaunt,überrascht und aus aller Fassung. Thirza! Du stehst dort! und ich dachte, wir Beide . . . .
        Es ist Thirza Seligo! eines Seligo Tochter und Enkelin! sprach Sir Ned; Die Täuschung war ein Act der Lebensversicherung! Mirza wäre ja sonst gestorben, Mirza war eine weiße Rose geworden — aber sieh nur an, Vitalis, wie blüht sie und glüht sie nun wieder! nun, da sie endlich auf immer Dein ist! was der Herr zusammengefügt,soll Niemand scheiden — aber auch: was der Herr geschieden im Herzen, soll niemand zusammenfügen. Ihr aber, seid gesegnet.
        Dem glücklichen Bräutigamm war es unmöglich, nun seine Mirza vor allen Menschen nicht an sein Herz zu drücken, nun seine Mirza die sich schon lange vor Schaam und vor Glück an ihm verborgen und still an ihn geschmiegt vor Wonne geruht hatte, bang, ihm zum erstenmal so, als sein Weib in die Augen zu blicken. Sie wandte ihr Antlitz von ihm,ob sie gleich noch die goldene Maske trug.
        Frau Mill aber war still herzugetreten, und löste sie ihr jetzt. Es war Mirza,, seine im Herzen ersehnte Mirza, seine vermeinte Verlobte, wie er sich in seiner Krankheit verrathen. Nur einen Blick, einen ernsten, wie zornigen Blick that sie in seine Augen, zornig wie über eigenes Nachgeben, ihre Einwilligung in ihr Glück; und doch, wie sie ihn jetzt so glücklich, und Thirza so ruhig sah, stürzten die Thränen aus ihren Augen.

 

S. 302

Silvati — oder Vitalis, sprach Sir Ned, Thiza Seligo bleibt dabei: Dir zu schenken, was Dir mit ihr zugefallen wäre — das heißt, das ganze Vermögen in der Bank, das ihr der Großvater aus Zartgefühl abgetreten, und Sie nun Dir.    Dem will ich nicht wehren. Dafür laß ich mir nicht wehren, das edelste beste Mädchen zu meiner Tochter und Erbin anzunehmen — um wohlzuthun und wirken zu können im Geist ihres Vaters. Erschrick nicht Kind! ich will Dir Dein Ja erleichtern — Ben-Johns Vermögen soll davon abgehn: das gehört mit Recht „der Lebensversicherung.“ Nun schlag ein, mein Mädchen!
        Er ergriff ihre Hand und fühte sie. Der Greis, seinen Sohnes Weib. Und unter dem Klange der vollen Orgel schwebte der Zug wie Geister hinaus zu dem prachvollen Mahle.

 
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Eusebius  [310]


Johannes XX. [1316-1334]


Paul II. [1464-1471]


Nicolaus V [1447-1455]