Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 

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bullet1 XX. Der Arzt am Menschen.

 

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        Am folgenden Johannistage ging Sir Red mit dem alten ehrwürdigen Seligo, mit Madame Magolini und ihrer Tochter Silvia, einer verwaiseten traurigen Braut und mit Thirza, Silvati's jetzt aufgebotener Braut im Park; er blieb stehen, und sprach aus dem Innersten seines Herzens, zum Greise gewandt: Wohl dem, wem Jahre lang Nichts geschieht von Außen; Nichts von den Menschen, was bei ihnen den Namen Zufall oder Ereigniß führt; Nichts von ihm selber, was in seinem früheren Leben als Wort oder That gesäet, in seinem späteren ihn als Welt bedingt und bedrückt. Wohl dem, denn er genießt dann allein den stillen, gleichen und süßfortdauernben Segen des Himmels und der Erde, und sein Leben ist ein sanftes Entfalten und reines Blühen der göttlichen Blume — seines Gemüthes. Nirgends bildet sich ein Abschnitt im Leben des Guten, (denn das ist der Glückliche) wenn selbst Rohr und Kornhalm der Schosse oder Knoten bedarf, um zu stehen und höher zu treiben;

 

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von keinem Tage zählt er eine Epoche, sondern seine Gedanken laufen ohne Anstoß auf dem Gewebe derselben zurück wie eine Spinne, bis wo es im Paradiese der Kindheit an den immerblühenden Baum des ewigen Lebens geknüpft ist; und wie ein Mädchen, dem die kleineren Schwestern wie Genien unaufhörlich Blumen in den Schooß zutragen, und wieder nach neuen fortschweben, so sitzt er süßbefangen und reihet wie Blume an Blume, so Tag an Tag. Selbst die Jungfrau — seine Braut, sein Weib, Kind, Kinder — Alles entfaltet sich nur so bedurft und natürlich, so sanft und beglückend aus seinem eigenen Wesen, wie die Blütenblätter der Lilie, und steht als er selbst, und doch so eigen und eigen schön, wie die goldenen Staubfäden mit ihren beweglichen Blütenstaub in dem Lilienkelche. Und sein Herz ist der Lilienkelch. — Hier ist nun auch ein Jahr vergangen, aber es macht Epoche bei uns, zum Beweise daß wir unglücklich waren, das heißt: nicht gut gewesen!
        Um besser zu werden — sagte der alte Seligo zu Sir Ned — muß der Leidende besser werden. Wird ein Kranker besser ohne Reue, ohne den Willen besser zu werden? Und in Wahrheit ist dieses das beste, erste und einzige Heilmittel. Diese Reue fließt aus der Einsicht, daß der Mensch durch seine bisherige Lebens, weise der Natur zuwider gelebt, daß ihn die Natur auf das Bett geworfen um sie wieder einmal zu hören, in sich zu gehn, und fortan — bis er sich wieder verirrt — auf ihren reinen Weg zurück zu kehren. —

 

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        Sie, liebe Magolini, sind als gute Mutter besser geworden, um ihrem Sohne die Freude zu machen: Sie wieder zu sehen. Ihn selber sehen durften Sie nicht, damit sie nicht krank blieben, wenn sie inne wurden — er habe seine Vernunft noch nicht wieder. Damit er aber gesund würde, wenn er sähe daß Sie lebten, führten wir Sie hier oft unter seine Augen. Er hat Sie gesehen, zu Ihnen gesprochen; Sie haben ihm mit Thränen und mit dem wehenden weißen Tuch hierauf geantwortet; die treue liebende Gestalt, unter uns Lebenden wandelnd, war seine lebende Mutter — und seine Vernunft ist nicht mehr von seinem Wahne verdunkelt. Leider weiß er aber auch nun nichts mehr von jener Scene im heiligen Haine, er kann nicht als Zeuge auftreten, und unsere liebe Silvia erwartet daher noch — aber sie kann es mit Recht und mit Zutrauen erwarten: das heimliche Walten des Himmels in jeder Menschenbrust. Bis dahin wird sie leiden, aber nicht scheiden, setzte er unter einem freundlichen Druck der Hand der verwaiseten Braut hinzu.
        Da aber seine Enkelin Thirza unter diesem Gespräch hinter den Uebrigen zurückgeblieben, mit gesenktem Haupte stand und sinnend zur Erde sah, trat der Greis zu ihr, erweckte sie gleichsam aus ihren Gedanken, führte sie langsam hinter den Ander n her und ftug sie mit herzlicher Theilnahme: Aber Thirza, warum leidest nun Du? Nichts steht mehr zwischen Euch!

 

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Dein Silvati hat seine Vernunft wieder, hauptsächlich durch Dich, durch Deine Liebe und Pflege, Du hast ihn — Er hat Dich!
        Das eben ist die Frage! Es ist meine Angst! entgegnete Thirza; Er hat mich nicht, denn er will mich nicht, er hat mich nicht gewollt. Er hat Mir sich nicht verlobt — Ich nur mich Ihm. Es ist gewiß! denn das ganze Iahr her nannte er mich nur immer „Mirza!“ und Sie — Mirza — meinte er nur zu besitzen! Endlich, durch die alte Frau Will von den früheren Umstanden in klare Kenntniß gesetzt, sah ich heimlich duldend ein: sein früheres Wort habe gelogen, das Wort an das der Mensch und die Jungfrau allein sich zu halten vermag, sei eine Tauschung von ihm, seiner Selbst und meine Seele und Liebe gewesen. Nun sah ich klar, wenn auch noch durch Thranen! Seit gestern aber weiß ich es auch durch sein eigenes jetziges Wort. Denn Mirza diente nun mir — ach, so gern, weil ich sein war, sie drängte sich dazu, unwiderstehlich, ja geisterhaft — sie hatte mich so lieb, sie wartete mich so sorgsam, so zart besorgt. Gestern sitzt sie im Park, auf dem grünen Rasen, — Silvati geht zum erstenmal hinunter, er geht auf sie zu, lmit stillem Entzücken folge ich ihm von fern, denn seine Vernunft, sein wieder die Außenwelt wahr und richtig empfindendes Herz und Auge bescheerte ihm wieder, wie einem Kinde, die süße Natur. Er knieet zu Mirza, er erinnert sich so viel um zu sagen: wo hast Du, den goldenen Ring von mir! Zeige mir beide Händchen! —

 

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Das arme Kind hält ihm die weißen leeren Händchen hin, folgsam wie sie ist. Und Du bist doch meine Braut, ruft er wieder und will sie küssen. Aber sie wehrt ihm; er hört Tritte. Er springt auf. Mirza knieet zu seinen Füßen, die sie umschlingt — sie erblickt mich von weitem, sie will meinen Namen rufen, die Stimme versagt ihr, sie springt fort wie ein tödtlich verwundetes Reh, sie fällt hin, ich komme — Silvati kommt. Ich habe den Ring. Meine Gegenwart, Mirza's Angst und Flucht, mein Weilen, mein Lächeln, meine Freude, meine Umarmung — seine Versteinerung machen ihm alles klar, und mir alles klar; Vater, Alles — auch meine Pflicht! Mein Vater hat mich gelehrt und gewöhnt, nur zu wollen und zu thun was Anderen gut ist, weil es mein reinstes, schönstes Glück sei — und es soll mein Glück sein! Wer ein Geschöpf aus Gram und Noch erlöst, der versichert sein Leben. War Mirza wiederzukennen? sie war wie ein blasser Geist geworden; sie würde sterben wenn ich — aber sie soll leben und aufblühn! und mich soll die Wahrheit versöhnen, mir soll ein edler Wille das Leben nicht rauben, sondern das schönste Leben gewähren. Und nur den Stolz hätt' ich zu fürchten, die Ueberhebung! Aber ich will auch bescheiden sein und still.
        Ehe der Greis ihr ein Wort sagen konnte, war Mr. Rose gekommen. Sir Ned hatte ihn zu Lady Cynthia gesandt, um seine, nun so gestrafte und bedauerte, geschiedene Gemahlin durch einen Brief zu trösten; denn bei der verborgenen Qual um ihren Mann, und

 

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bei den tausend Thränen um ihren, Bruder, der nun ohne alles Zuthun, ja trotz der Fürbitte Sir Neds verurtheilt worden, war sie in Iammer versunken; und die sonst alle Frauen mit Freude des Himmels durchbebende Hoffnung: Mutter zu werden, war ihr zum äußersten Unglück geworden. Sir Ned hatte ihr also Wechsel geschickt, so viel ohngefähr der Werth der ihr überlassenen Güter Ben-Johns betragen mochte; damit, und mit ihrem neuen Gemahl, Sir Christopher, sollte sie über die See fliehen — wohin ihn Niemand verfolgen würde — wenn Sir Christopher zuvor vom Bord des Schiffes aus noch die Schuld auf sich genommen. Das war Sir Ned's Vorschlag — aus den Rath und das Andringen der Freunde Sir Godolphins, der Madame Magolini und ihres Schwagers — gewesen. Jetzt gab Mr. Rose zuerst einen Brief aus Connecticut an den alten Dr. Seligo, unter der Aufschrift: „Dem Präsidenten der Lebensversicherung.“ Die Andern alle drängten sich um Mr. Rose, um die Antwort von Lady Cynthia zu vernehmen. Mr. Rose aber sagte mit feuchten Augen und dumpfer Stimme zu der ängstlich harrenden Silvia: Sir Godolphin wird nun wahrscheinlich schon morgen hier sein.
        Wie so? frug Sir Ned.
        — Sir Christopher hat bekannt und vor Zeugen — ich selbst veranlaßte ihn höflichst dazu — hier sind die Wechsel . . . und Ihre Urkunde über die Schenkung von Ben-John's Vermögen vom Mohren zurück!; —

 

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         Wie so? frug Sir Ned wieder.
        Und wieder antwortete Jener: er hatte sich die Pulsader am Halse durchschnitten . . . 
        Wie so?
        Er hatte sein Weib secirt; und als er ihr grade das Herz abgeschnitten — schlägt sie die Augen auf, richtet sich hastig empor, starrt ihn an, stöhnt unaussprechlich, faltet die Hände, drückt fest die Augen zu, und sinkt zurück auf ewig.
        Alle stöhnten ihm nach, schwiegen mit offenem Munde und hatten mechanisch die Hände gefaltet. Sir Ned hielt sich die Augen zu, und saß im Grase dabei; denn er hatte, sich niedersetzend, die Bank verfehlt. Und nach langer Pause erst befriedigte Mr. Rose nur leise die Neugierde der Damen, die noch den Grund von dem Allen nicht wußten, und sprach: Sie fragen mich noch mit den Augen: wie so? — Nun also: Mylady Cynthia war so schreckhaft und reizbar geworden , daß sie ein bloßer Schuß . . . .
       
— Ein Schuß?
        Ja, der aber nur von lustigen Gesellen ohnfern ihres Fensters fiel — tödten, oder leider nur in eine todtenähnliche Ohnmacht versetzen konnte! Der lustige Gesell ist richtig, um einen Schilling bestraft worden! weil es verboten ist, in der Nähe von Häusern zu schießen. Aber warum starb ich nicht davon?

 

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Ich hörte den Schuß auch, als die Seligo grade den Blief las! Aber ein böses Gewissen, und Liebe zu Schändlichem in der Welt, das sind die tödtlichsten Krankheiten — nach welchen denn jedes Weib gleich selig wird — wenn sie die Augen nicht mehr aufthut. — So hoffen wir guten Menschen! — Verzeihen Sie meine Worte, jede Fiber an mir ist noch empört und erbittert.
        Zu dieser Scene kam Dr. Silvati langsam und schüchtern. Es war sein erstes Wiedersehen mit der Mutter; sie gaben sich einander hin in die süßeste Umarmung auf Erden, und ließen sich denn auch nicht von den Händen los. Er sahe sehr leidend aus, und an seinem blassen Antlitz mit stillen Blicken hängend, dachte Thirza ihre Entschlüsse durch. Aber als sie sämmtlich ins Schloß gingen, flüsterte sie Mr. Rose ins Ohr: Ihr Wort war so hart, so hart als wahr; aber ein gutes Gewissen und Liebe zum Herrlichsten in der Welt, nicht wahr, nicht wahr das erhält und macht gesund! Und stirbt auch „Jemand“ nicht — der ohne Noth oder aus Irrthum Unglückliche vergreift sich in Allem was er thut im Leben, denn nur die Glücklichen leben wirklich! Nur die Guten sind die Glücklichen und die Glücklichen sind die Gesunden.
        Wir wissen, daß Sie ein Engel sind, und nur Ihres Großvaters sogenannte Tochter, erwiederte ihr Mr. Rose. Aber ich denke schon lange: auch Dr. Silvati wird das bald sehen und wissen . . . .

 

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        Mein . . . Mann?
        Nein! der . . . oder das nicht! lächelte Mr. Rose, und ließ sie, als Zeichen der äußersten Höflichkeit und Achtung, jetzt allein stehen. Er ging zu Sir Ned — seinem Bruder, und sie — zu ihrem alten Vater, oder zu Mirza.

 

 
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