Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 

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bullet1 XIX. Silvati heiratet.

 

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        Nach dreien Tagen war auch dieß Neue schon etwas Altes Festes, — ja es war Natur, womit nun Jeder sich abfinden mußte, wie er konnte; es war etwas Dauerndes, Bleibendes, mit dem Jeder von nun aus immer leben sollte.
        Silvati hatte die Scene im Wäldchen gesehen. Und der Arme hatte sich selbst nicht ohne Grund für den Mörder Alceste's gehalten; denn durch seine Versäumniß war Ben-John gestorben; Sir Ned hatte nun dessen Vermögen — durch ihn — geerbt; Sir Christopher hatte also noch brennender den Tod des reichen Sir Ned gewünscht, um seine Cynthia dann zu erwerben. Zum Leben Sir Ned's aber hatte ihm schon ein Schreck, ein Leid, das er der so schon verlorenen Alceste zufügte, der kürzeste Weg geschienen. Ob er sie aber auch grade ermorden wollen, konnte Sir Ned nicht von Silvati ermitteln; denn die Wunde war nicht tödtlich — was Aerzte dem Schein nach so nennen —

 

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und doch war das arme Kind todt. Slr Christopher hatte Zeit und Stunde ihres einsamen Betens im heiligen Haine gewußt. Aber zu beweisen war ihm Nichts; denn aller Anschein sprach gegen Sir Godolphin, und der einzige Zeuge, der dessen Unschuld täglich, wenigstens alle Abende dem Himmel beschwor — war von Sinnen, und konnte erst gelten als Zeuge — wenn er geheilt war. Durch Silvati's Zeugniß aber ward Lady Cynthia vollends unglücklich, denn dann war ihr Geliebter, ihr Mann verloren, mit welchem sie seit dem Hochzeittage fern von Sir Ned lebte. Sie hatte ihren neuen Gemahl sonst immer so liebenswürdig durch seine Geständnisse gefunden, ob sie gleich meist von solcher Art waren, daß sie jedes andre als ein liebeverwüstetes Herz auf ewig von ihm verscheucht; sie hatte seine Lüsternheit und brennenden Begierden aller Art —: offenes Wesen, ja sogar Kindlichkeit ihn einen freien hohen Sohn der Natur genannt, daß sie es nun auch dazu rechnen müssen — als er ihr in der Brautnacht seine That gestanden — die er, wie König Richard, blos verübt: um sie zu besitzen. Weil aber ihr Bruder dießmal dadurch in Lebensgefahr gekommen, so ward es, ihr schwer und als Mutter unmöglich: auch diesen Charakterzug — „kindlich" zu nennen; und das arme Weib, von doppelter Furcht wie getheilt, und von doppelten Neigungen zerrissen — von der natürlichen und der unnatürlichen — sprach seitdem kein Wort.

 

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Aber auch diesen ihrem Gemahl war die heimlich gewagte, schlau berechnete That nicht gleichgültig gewesen, weil er dadurch, ohne seinen Willen, den Bruder seines Weibes in ein Unglück gestürzt, woraus er ihn nicht ziehen durfte. Ueberdieß war er von Sir Ned durch die ihm verschwiegene Ueberraschung — betrogen worden mit Cynthia, und hatte aus innerster Seele gestöhnt , als der brave Mann, der seinem Weibe Unrecht und Schuld ersparen wollen, ihm an jenem bestimmten Tage, in jener kritischen Stunde sogar, seine schöne, geschiedene Cynthia selbst nebst Ben-John's Vermögen vor Zeugen abgetreten. Aber der Mohr war ein Mann von Haltung und Fassung. Und so war er am Ziele feiner Wünsche nicht zurückgetreten, weil er — einen überflüssigen Schritt dazu gethan. Indeß war seine Liebe zu Cynthia aufrichtig, und weil sie litt — ob sie ihm gleich unter tausend Thränen vergeben — war ihm nicht wohl. Und um der Welt willen mußte er sich fassen, und sein Weib zu ihrer Tochter Alceste hingeleiten; sich fassen, sie sogar selbst mit anzusehen, ja zu bedauern — als sie Sir Ned im Saale des Schlosses prachtvoll zu Nacht, sich selber zum Trost und zum letzten Herzeleid ausgestellt.
        Nun aber der für den Vater schon Jahrelang erwartete Schlag geschehen, an welchem Er und Er allein immer Schuld zu haben und Schuld zu werden glaubte — und nicht mit Unrecht; — nun aber, nun ein Anderer Schuld daran trug, und er gewohnt war,

 

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aus großer umfassender und Alles vereinigender Ansicht der Natur gewohnt war: die Menschen mit zur Natur zu rechnen, nun war der so lange kranke Mann in den wenigen Tagen wunderbar von seiner Seelenkrankheit geheilt, zum Zeichen, daß der Gram die größte Krankheit sei, und daß die Seele ihren Leib, wie sie ihn bildet, auch zerstöre — und heile; denn so lange sie in ihm wohnt, bildet sie an ihm, weil sie an sich bildet. Nur ein blasser Nachschein des Schreckens lag noch auf seinem Gesicht, und der reine belebende, zur Welt führende Kummer eines Vaters um seine Tochter, die er der Natur nun aus seinen Armen auf ewig hinterlassen soll. Und so lag auch das Vertrauen und unaussprechliche Liebe zur Natur jetzt in seinem Auge. Denn die Gestalt, die er so sehr geliebt, bedurfte nun ihrer wahren heiligen Mutter so sehr! nur ihrer allein! — nicht der Geschiedenen!
        Diese seine Geschiedene stand schluchzend nun neben ihm, vom Mohren gehalten, vor dem funkelnden Paradebett der Tochter, und Sir Ned — wohl ahnend: Wer die That gethan, und Sir Christopher's Offenheit gegen Cynthia wohl kennend, sagte ihr leise voll hohen Sinnes: „Du kennst — oder . . . . verzeihen Sie, . . . Sie kennen, noch aus den Zeiten, wo ich das Glück hatte, Ihr Gemahl zu sein, Sie kennen die Indische Anweisung, die von Menu, dem Einen der Söhne Gottes stammt, die so schöne selige Anweisung: den Athem anzuhalten! Sehen Sie — Ihre Älteste ist nicht todt —

 

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sie hält nur den Athem an! Wer den Athem anhält, in des Menschen Seele malen sich alsdann die geheimsten Gedanken, wie auf einem vollkommen glatten Spiegel! eines Jeden Geheimnisse enthüllen sich ihm, zwischen dem, was er sagt, und der Wahrheit ist kein haarkleiner Unterschied; sein materieller Körper wird so leicht, daß er sich frei in die Lüfte erheben, ohne Zaudern auf den Wassern einherwandeln kann! Selbst durch den Aether, den Himmel. Der Tod ist nur dieß ewige selige Athemanhalten — und . . . Cynthia . . . Ich dächte: wir lernten auch diese Kunst!“
        Ich gewiß bald! lispelte Cynthia, und daß Alceste nicht athmete, ward ihr nach und nach so fürchterlich, daß sie laut schrie. Sir Christopher führte sie weg, aber das arme Weib war ohne Halt.
        Der alte Seligo hatte indeß mit seiner Enkelin Thirza als ruhiger Beobachter nicht fern gesessen. Denn Sir Ned hatte ihn um seine Gegenwart, seine Hülfe für alle dieser leidenden Menschen gebeten. An der Herstellung von Silvati's Mutter lag Alles. Konnte Seligo ihm diese lebend und gesund vorstellen — so hatte Er, der Sohn und Arzt, Nichts gethan, und seine Seele konnte sich beruhigen. War Silvati hergestellt, dann war er Zeuge, und dann war der kranke im Gefängniß gehaltene Godolphin erlöst, und durch seine Erlösung zugleich dessen Braut, Miß Silvia, Silvati's Halbschwester geheilt, die jetzt Unsägliches litt.

 

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Diesen Plan wollte Seligo versuchen, und sie sprachen so eben davon. Aber Silvati, der sich vom Thurme geschlichen, stand bei ihnen, und Thirza, seine Braut, erbebte vor ihm und trat, vor Leid sich halbverbergend, hinter dem Großvater. Denn blaß und zerstört, war der schöne junge Mann kaum wieder zu kennen. Und den Zeigefinger horizontal auf die Stirn setzend und mit den Augen stier in die funkelnden Kronleuchter blickend, und die andere Hand entrüstet in die Seite gestemmt, sprach er dumpf in seiner Verwirrung und doch mit Bezug auf Alles, was er gehört, erlebt, gethan und gesehen und noch sahe, er sprach: O heilige Liebe zum Leben, wie läufst du an! und wäre dein Kopf wie meiner, von Eisen, du hättest dir ihn schon tausend Mal zerstoßen! O Liebe, du armes Kind, wie thust du mir leid. O heilige Liebe zum Leben! Du hast die Erde schon einmal aufgegessen, so schwer sie ist — ich rechne vierzehntausend Trillionen Centner — wie Saturn einst seine Kinder! Dieser Kinder nun isset Jedes seine siebenzig tausend Centner „Allerlei“ zeitlebens, thut bei 200 Millionen stationären und wechselnden lieben Kindern die Summa ut supra. Das war eigentlich Alles Medicin aus der großen ächten einzigen Officin! Und doch sind sie gestorben! Doch! Doch! Darum behaupte ich: man muß die Gesunden curiren! und die Curirer curiren — vom curiren!

 

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Nur wer etwas gemacht, Der kann es am besten auch wieder im Stand setzen. Ihr, Ihr, Ihr schickt keine Taschenuhr zum Schuhmacher, keinen Operngucker zum Schneider — aber den Himmelsgucker, den Anthropen, den künstlichen Menschen schicktet Ihr Uns! — Mir! Die Kranken — diese edle Gesellschaft hier, von der Ihr sprecht — müssen als Seelenleidende angesehn werden! Das weiß ich! und will es beschwören mit drei so großen Fingern, die bis an den Himmel reichen! — . . . als Unglückliche! unglücklich Gemachte! Die Unsittlichkeit ist die erste Ursache aller Krankheiten, die Unverständniß, und Unbeachtung der Natur! Das weiß Ich! Denn Ich bin auch krank! Nicht wahr, Mirza (so nannte er Thirza, weil seine Seele voll von Dieser war), Mirza, nicht wahr, ich bin recht krank? Schaffe mir den einzigen großen Arzt der Menschen, die Vernunft, so bin ich gesund. Aber die Liebe soll noch höher sein! — Und Du bist meine Liebe! — so heile mich Du — küsse mich!
        Er nahm erst jetzt den Finger von der Stirn, schien aufzuwachen, Alceste zu erkennen, weinte und fiel Sir Ned um den Hals und weinte mit ihm. Dann besann er sich und strafte sich selbst mit den Worten: schäme Dich, Silvati! Du willst der Tob sein! und hast ein menschliches Herz im Leibe! Ach, ich will nicht, ich will nicht, aber ich soll! Und es wird mir sehr schwer! Ihr Menschen! es wird mir sehr schwer, der Tod zu sein, schwer, schwer, schwer!

 

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Das will ich beschwören mit drei Fingern, die bis an den Himmel reichen! 
        Und als ob er etwas sehr sehr Schweres auf seinem Rücken trüge, ging er gebückt und immer gebückter langsam zur Thür hinaus, die drei Finger der rechten Hand wie zum Schwur erhoben.
        Wirst Du Dein Wort ihm halten? frug Seligo seine Enkelin Thirza.
        Nur Wort halten? frug Sir Ned.
        Wort halten, mit Herz und Seele ist genug, und Alles was der Mensch kann, erwiederte Thirza. Laß mich nur aber erst sein Weib sein. Die Liebe soll ihn pflegen und heilen!
        Sie könnten sich sogar von ihm scheiden, wenn er zwei Jahr als ihr Mann närrisch gewesen, besagen unsre Gesetze, meinte Sir Ned wohl nur.
        Barbarisch! sprach Thirza. 
        Du bist mein braves Mädchen! sagte ihr Seligo. Gemeine Seelen, gewissenlose Menschen können nicht närrisch werden. Es gehört ein Mensch mit großem Herzen und reinsten Gewissen dazu, um närrisch werden zu können, ein großes Talent, eine wahrhaft adlige Menschennatur, und Die — haben nicht Alle. Sie wird in ihm siegen! und bald! Dann hast Du Dir des Gottes und seinen Dank, und Lohn auf Zeitlebens verdient! Du bist edler als — jene Erlaubniß Dich zu scheiden. Schon das gemeine Volk ist jetzt unendlich besser als die Gesetze, und die Geber derselben haben Noth:

 

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der allmächtigen Entwicklung der Völker nur nach zu kommen, geschweige zuvor. Vermögen hast Du — Alles was mein ist!
        „Ja“ wird er schon sagen können, bemerkte Sir Ned, der eines edlen Weibes wieder recht froh war; ein paar „Ja,“ mehr braucht es nicht, denn diese Herren fragen nichts anders, und kümmern sich nicht: ob wir verstandig gewesen, glücklich sind, und glücklich werden, wenn wir uns vermählen; das weiß Ich, und will es beschwören mit noch größern Fingern als die des Bräutigams. Gott wird Euch segnen, mein Kind, und seine Ausstattung nehme ich über mich. Es ist schon der Anecdote werth: daß Ich — einen Mann ausgestattet.
        Seligo aber sagte leise zu Sir Ned: die Sache hat Zeit! Der Braut guter Wille wird ihm indeß dieselbe Pflege leisten. An den Kindern kennt man die Aeltern! Der Wahnsinn ist erblich, und jetzt ist Silvati — der Tod!
        Die arme scheue Mirza aber, die draußen im Flur stehend und zitternd aus dem Düstern in den hellen Saal gesehen, und bitterlich geweint, gesellte sich jetzt leise zu Silvati, geleitete ihn die Treppen in seinen Thurm hinauf, in den er sich schon wie ein Vogel gewöhnt hatte, und küßte ihm zu guter Nacht seine Hände und sein Gewand.

 

 
 

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