Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 

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bullet1 XVIII. Der Thurm.

 

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        Der Morgen brach an. Der Vorgang hatte im Gasthaus Störung verursacht. Auch Frau Mill war darüber munter geworden und hervorgekommen. Sie erkannte jetzt Mstr. Rose, den Kammerdiener Sir Ned's, und frug ihn, woher? und was hier vor sei?
        Sie werden ja wissen, beste alte Mill, daß Ihr Mydoctor hier im Weltgericht ein Duell gehabt. —
        — Ein Duell? nicht ein Wort!
        Aber nur ruhig, das ist abgethan. Ich bin auf einer Strickleiter hineingestiegen, und oben liegt er im Zimmer Nr. 18 mit Sir Christophern, unserm theuern Mohren!
        Unserm?
        Nun ja! Unserm! Er hatte unserer Lady geschrieben: daß er Ihrentwegen sterbe! Das hält keine Frau aus, auch eine keusche Cynthia nicht, wie unsere.

 

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Sie muß in ihrer Seelenangst den Brief ihrem Manne, meinem Ned mitgetheilt haben, denn es ward angespannt und hierher gejagt. Ohne anderweitige Weiberlist und Liebe — ich meine ohne die treffliche Miß Lieutenant M'Aulay — aber kamen wir dennoch zu spät. Sir Ned ist mit hier. Es wird gleich wieder nach Hause gefahren. Die Lady ist vor Schaam im Wagen geblieben, obgleich in der Nacht. Ihr Mann ist bei ihr. Er war innerlich empört über die Angst seiner Frau, die sie um einen Andern in Lebensgefahr ausstand. Aber gut wie er ist, hat er ihr den Willen gethan, und wird vielleicht nun noch mehr thun, als sie will. Sie wird nun auch einmal etwas müssen, nämlich: sich von ihm scheiden! Ich bin auch entrüstet; und blos zu meines Herren Ehre sag' ich das hier einer alten Frau; die wird's nicht verschweigen!
        Darauf hatte Frau Mill, nichts von ihres Mydoctors Verlobung wissend, wohl aber seine erbarmungswürdige Lage kennend, gewiß Sir Ned, seinen Anverwandten, gebeten: den armen verlaßnen unglücklichen Doctor mit zu sich zu nehmen! Denn als sie ihn oben in seinem Zimmer besucht und ihn halb ermuntert, war es ihr obendrein vorgekommen, als wenn er von allen den Hergängen und von den Gedanken und Treiben in dieser Nacht den Verstand verloren.
        Der Mohr wurde zurückgelassen und in einem dem Walter anvertrauten Billet von Sir Ned sehr artig gebeten, ihn heut' über vierzehn Tagen bestimmt zu besuchen!

 

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Zu dem Billet hatte Sir Ned die Börse seiner Frau beigelegt, welche er aus der seinigen gefüllt, da sie, wie gewöhnlich die weiblichen Geldbeutel, leer gewesen. Sir Ned selbst, Lady Cynthia und Doctor Silvati saßen bald im Wagen, Frau Mill aber draußen neben Mr. Rose, und so ging es im Fluge nach Hause.
        Da Silvati mit dem Arm in der Armschleife hing, und sichtbar in einem Zustande der Versunkenheit war, die ihm, von dem gelben Morgenscheine gefärbt, ein Ansehen gaben, wie kein Mensch jemals haben sollte — so besprach sich Sir Ned mit seiner Frau, oder vielmehr er sprach allein zu ihr, die sich in seinen Arm gelehnt und leise weinte, oder sich doch manchmal die Augen zu trocknen — schien. Nun sind wir so weit! sagte er ruhig, mit Gottes Hülfe! Denn ich habe die Gegenwart des mir von BenIohn heimlich aufgedrungenen alten Doctor Seligo zu meiner Belehrung sehr wohl benutzt. Da ich Dein Mann geworden, habe ich nicht gelobt: kein Mensch mehr zu sein! und Der oder Das oder Die bist Du ja auch noch, wenn Du auch nicht mein Weib mehr bist. Zum Schein und zum Vorwand vor dem Gericht „hast Du mich böslich verlassen“ — so sind wir geschieden; denn diesen Herrn oder den Gesetzen, wie sie bei uns sind, liegt nichts an dem Glücke der Menschen, sie richten wie ein fühlloses Beil Alles durchweg, was sich auf ihren Block legt, und streichen dafür ihren — Lebensunterhalt ein.

 

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Sie lassen uns sorgen. Aus Liebe zu Dir aber thu' ich Dasselbe, und lasse Dich walten; ich will Dich glücklich sehen und wissen. Doch vor der Welt muß ich die Ehre bewahren! und ein Whim, ein grotesker Scherz wird über den Vorhang helfen!
        — Ach! — seufzte Cynthia.
        In vierzehn Tagen ist Deine Hochzeit, und ich richte sie aus, und Du sollst sehen, splendit! Und mir zur — renommé — Daß ich die Lacher und Spötter auf meiner Seite habe — lade ich alle fashionable Mohren, alle geschiedenen Frauen und Männer dazu, so viele ich meine, daß zu uns kommen, und einigermaßen von unserer Bekanntschaft sind.
        Oh! seufzte Cyntha.
        Ich beschere Dich dem Sir Cristopher. Welche große, weiße, glückselige Augen soll der arme Teufel machen. Ich weiß, wie glücklich er durch Dich wird, und so werden wieder Zwei glücklich und Einer nicht unglücklich, und der Eine bin ich — ich behalte Mich und Alceste.
        Ach seufzte Cynthia.
        Aber vorher kein Wort zu Sir Christopher! Ich schenke Euch Ben-Johns Vermögen. Bist Du zufrieden? mein Herz, meine Seele!
        Oh! seufzte Cynthia wieder. Ich bin in Deiner Gewalt, in Deinen guten Händen! Du behandelst mich wie ein Vater und eine

 

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Mutter zugleich, so wie Du es meinen Aeltern versprochen, als Du mich aus ihrem Hause führtest in Deines. Aber laß mich bei Dir bleiben!
        Ich bin mit Alceste zufrieden, an der Du keine Freude gehabt — durch meine vergangenen Tage. Laß sie mir! —
        Silvati hatte das Gespräch gehört und in der Verwirrung seiner Gedanken sprach er, mit zugeschlossenen Augen, darein: Die Natur hat Wunderliches gemacht! aber nicht vergebens, wenn der Mensch daraus klug wird, was sie in Thieren und Pflanzen als Rath oder Warnung, wohl auch als leise Satyre aufgestellt im Bilde! Wird ein Papageientaucher in Lappland in seiner Höhle gefangen, dann halten sich alle Hausgenossen einer an den andern an, und so werden sie alle gefangen und abgewürgt. Sir Ned, mein sehr ehrwürdiger Vetter aber läßt eine Gefangene los! und an ihm bleiben die Seinen, und bleibt Alceste im Sichern zurück, und er stürzt nicht mit in das Unglück, in das sonst jeder aus einem Hause Gefangene seine ganze Familie stürzt.
        Oh! seufzete Cynthia wieder.
        Man muß die Natur verstehen! fuhr Silvati fort: Die Menschen sind Papageientaucher! und Wer das alberne schlechte Mitglied des Hauses fängt, und so Alle darin um ihr schönes Leben bringt — nun Der ist der mordlustige abscheuliche Jäger, der keinen Begriff davon hat, was er thut, denn sonst thät' er es nicht — auch der Mohr nicht.

 

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Die Natur ist so dumm nicht in ihren albernen Sachen! (— Eben ging die Sonne auf.) Jetzt geht mir ein Licht auf! — sprach er. Ich glaube . . . . Ich bin der Jäger, der alle die Papageien todt gemacht! Sonst glaubt' ich, ich wäre in England und das, was man dort so artigrasend ist, einen Doctor zu nennen! Aber das ist ja hier Lappland! — Dabei sah er mit geschlossenen Augen zum Fenster der Kutsche heraus. „Der Mensch orientirt sich!“
        Der arme Vetter hat den Verstand verloren! klagte Sir Ned; so muß ich ihn schon behalten. Er soll auf den Thurm, wo der alte Seligo noch seine Paar Tage bis zum siebenzigsten Jahre bei uns verborgen war. Der blinde Bäckergeselle mag um ihn sein, oder das Candiotische Türkenmädchen, Mirza.
        Die hab' ich auch todt gemacht! es ist richtig, setzte Silvati hinzu. 
        Laß mich bei Dir bleiben! bat Cynthla. 
        Unmöglich! entgegnete ihr Sir Ned unter sanftem Händedruck. Verzeihe mir! Nach einer Trennung spricht man endlich zum ersten Mal ganz aufrichtig zu einander, nachdem man so lange seine eigenen heimlichen Gedanken gehabt. Ja selbst als Bräutigam tauschet man Euch oder sich gewissermaßen. Der Herr hat mich so geschaffen, wie ich war: nicht liebenswürdig für ein Weib — wie Ihr nun seid. Aber ich rang doch nach menschlichem Glück und Dasein! Ich wähnte:

 

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Eine wird sein, die mich lieben kann. Ich empörte mich gegen ihn. Ich wollte ertrotzen, ober doch zu erschleichen versuchen, was er mir versagt. Mein Wunsch, von Dir geliebt zu sein, war nur der Versuch: ob ich auch ein Mensch sei? Ich habe Dich betrogen! Ich habe Dich in Dein Unglück gestürzt! Ich muß es gut machen, sonst bin Ich der Sünder, sagt Seligo; denn der Mensch soll bescheiden, und beschieden sein mit dem, was ihm der Gott gewährt. Nur darin kann es ihm ein Glück, sein Glück geben. Lehnt er sich auf, so verfällt er in tausendmal schlimmeres Unglück. Also —: ich habe Dich nicht geliebt. Vergieb! Deswegen hast Du auch mich nicht geliebt — und wo Liebe nicht ist, ist Verrath, Untreue; Leid und Unheil für das eigene Herz und für die Andern. Ich habe Dir nichts zu verzeihen. Und — ich spreche jetzt aus meinem Sarge: Ich bin wieder glücklich! denn ich ertrug es still. Nur so lange ich widerstrebte, war ich elend; und in dem Kampfe um Ergebung brach mein Herz; es verzehrte sich, wie die Blume die Erde aussaugt, aus der sie gedeiht: die Genügsamkeit, die Zufriedenheit — um des Herrn willen — und so zuletzt Ruhe im Leben, und Friede im Tode, wie Du auf meinem Gesicht sehen wirst, und Hoffnung der Glückseligkeit, da, wo Du mich nicht wieder siehst!
        Darauf war er stumm wie ein Todter und lächelte wie ein Seliger.

 

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        Während nun Sir Ned alle nöthigen Schritte that, alle Anstalten zur Hochzeit drunten im Schlosse gemacht, und Gaste blos wie zu einem großen Schmause geladen wurden — saß Silvati droben auf seinem Thurme im höchsten Geschoß. Der Thurm aber hatte eine Plattform, die zum Aufenthalt seltener schöner Vögel eingerichtet, mit einer großen weiten Kuppel, von vergoldetem Drath geflochten, bedeckt war; und gegen die Hitze der Sonne mit einem rothseidenen Sonnenschirme groß wie für den großen Christoph, durch Aufschlagen desselben geschützt werden konnte. Hier brachte nun Silvati der schönen Aussicht wegen — über London und die mit Wohngebauden und Villen übersatte Landschaft — den Tag zu. Und Unterhaltung gab ihm noch außerdem ein herrliches Henhöfersches großes Fernrohr, das ihm die fernsten Gesichter und Scenen herauf zauberte; vor Allem aber ein, mit Stentorstimme hallendes, durch die Luft brausendes Sprachrohr — welche zwei Instrumente, als oft recht brauchbar, Sir Ned hier oben stehen hatte, und die Silvati gefunden. Die Gegenwart des alten blinden Bäckergesellen, der den Seligo bewacht und geatzt, und noch hier oben wohnte, seit Jener zu den Seinigen endlich zurückkehren dürfen, verschlimmerte seine Einbildung, und unterhielt ihm den Wahn: Er sei der Tod. Frau Mill hatte nicht ohne Ursache so dringend bei dem reichen und guten Vetter Sherif für ihn gebeten, denn durch seine Versorgung war für Sie zugleich mit gesorgt.

 

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Und nun that sie ihm alle Pflege und Liebe. Im Schlosse war keine Aufsicht; denn wo die Frau nicht mit Lust und Liebe ist, da geht Alles aus einander, und jeder lebt auf eigene Hand so gut es geht. Und hier ging es in dem reichen Hause sehr gut. Und Frau Mill war wie die Katze darin, die sich alles Unbewachte sogleich und leise beschleichend zu Nutze macht.
        Mirza, das arme schöne verlassene türkische Mädchen hatte wirklich hier ihre Zuflucht gesucht und gefunden. Aber nun in Englischen Kleidern — nur mit Beibehalt des auch hier jetzt modischen Turbans — war sie fast nicht mehr zu kennen, und ihrem Geliebten nur ein Glas Wasser hinauf zu tragen, nicht zu bewegen. Lieber diente sie Cynthia, so gut sie das verstand. Sie hatte nun eine wahre Ehrfurcht vor dem wahnsinnigen jungen schönen Manne da droben, und diese aus ihrem Volke ihr angestammte Ehrfurcht milderte doch zu Zeiten die Schmerzen ihrer Liebe. Dagegen wandelte sie noch oft gern spät um das Schloß und hörte, wie er mit der dumpfen gewaltigen Stimme des Sprachrohrs in den gestirnten Himmel hinauf das Vater unser betete, und mit den schmerzlichsten herzzerschneidensten Tönen, die der Nachtwind wieder wie aus den Gewölken zur Erde hinunter drückte, das „Vergib uns unsere Schuld!“ und das: „Erlöse uns von dem Uebel!“ wohl zehnmal wiederholte. Wenn sie da droben im Himmel wohne, meinte und weinte sie — wolle sie ihm ja gern Alles vergeben!

 

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— auch das, was er ihr gethan — was sie gesehn! Dann fürchtete sie sich vor dem schrecklichen Dröhnen und Wallen aus hoher Luft und aus tiefem Herzen, und hüllte sich bang in ihr Bett, wie in ihr Grab. Denn gewöhnlich schloß er die nächtliche furchtbare Scene mit dem Worte: „Zuletzt ist aufgehoben der Tod!“ Und damit mochte er sich meinen, als werde er erst nach allen Menschen sterben. Denn über Tage schreckte ihn die breite schwarze Rauchwand, die gebirgehoch und mcilenlang über London hängt wie ein Grabtuch. Vielleicht glaubte er in dieser aufsteigenden schwarzen Masse, besonders des Nachts, wenn der Mond kläglich darüber schien, die vom Erz-Baumeister Klimm projectirte große Pyramide zu sehn. Denn er sahe, oder meinte mit seinem Fernrohr des Tages die wohl hundert Leichenzüge in Galopp aus der Stadt zu Grabe fahren zu sehn; und so oft er einen solchen Wagen mit den schwarzen Pferden und weißen Reiherbüschen auf den Köpfen erblickte, rief er aus einer bekannten Arie die Worte:
        „Den hab' ich auch curirt!“
        Und das rief er des Vormittags wohl funfzig Mal, und jeden Gestorbenen glaubte er als Arzt auf seinem Gewissen zu haben, und darum rief er es unter Thränen aus: Den hab' ich auch curirt: Noch wehmüthiger aber hörte es sich des Nachts zu, wenn er hohl in den hohlen Himmel hinauf mit irren Gedanken betete: „Meine Mutter, die du bist im Himmel.“

 

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Wenn er so angefangen, schwieg er dann, und man sahe sein Licht auslöschen.
        Frau Mill meinte nun blos: der ist zum Doctor verdorben, total! als Sir Ned einst mit ihr zuhörte. Aber der tiefersehende Sherif meinte: Er wird nun erst Einer werden! Denn Silvati hatte denselben Morgen grade die schönen Vögel vom Thurme stiegen lassen, gleichsam sie ausgesandt in alle Welt, jeden in seine Heimath; und jeder, mit geringerer oder größerer Mühe, entfernter oder naher wiedergefangene Vogel hatte ein großes Recept unter seine Flügel gebunden, das ihn am Fliegen gehindert, das sie vielleicht Jahre lang nicht geübt. Auf diesen Recepten standen Vorschriften aus einer ganz neuen Heilmittellehre, als: „Frau und Kind bei sich, eine Flotte, eine Armee, zehn gewonnene Schlachten; Unterschrift: für Hussein Pascha in Schumla, oder Napoleon aus Helena; gegen Magenkrebs!“ — — „Ein treuer Mann, kein Pallast gegenüber, worin seine Geliebte mit ihrer Freudentochter lebt. Unterschrift: für Leopoldine, gegen den Kummertod!“ — „Gegen Schlag, für den Mann, der an der Nachricht von 200,000 Pfund Sterling Erbschaft gestorben —: Ueberzeugung: daß Geld nicht selig macht! — Gegen Taubheit und zerschmetterte Glieder —: Pulverfabrik durch Maschinen fern von der Stadt, am besten keine solche „Pulver-Fabrik!“ — — „Gegen die zwischen zwei Schiffen zerquetschten Gliedmaßen von vier Matrosen —: zeitig angezündete Laternen!“

 

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— Gegen die tödtlichen Wunden der Schmuggler —: „Handelsfreiheit!“— „Gegen erbärmliches Hofmeistern eines Candidaten der seinen Gegner erstochen: — Mäßigung des Zornes und der Rache.“ — Und dergleichen.
        Doch unvermuthet auch noch als bloßer „Geist des Thurmes“ erhielt der arme Silvati noch eine entscheidende Wichtigkeit!
        Denn Sir Godolphin, der Bruder der Lady Cynthia, hatte seine Braut Miß Sylvia, und ihre Mutter, Madame Magolini zu ihres zweiten Mannes Bruder gebracht, der in der Nähe von London wohnte, nach, dem sich der Zustand der Kranken ein wenig gebessert. Jetzt nach vierzehn Tagen, zufällig grade am Tage der Betkur Alccste's und am Tage der Hochzeit, wovon er nichts wußte noch ahndete, wollte nun Sir Godolphin seine Schwester Lady Cynthia besuchen, sie überraschen, und ging, eine Jagdflinte über die Schulter, auf ihren Wohnsitz zu, und betrat eben ein kleines Gebüsch — den geweihten Hain. Plötzlich erschallt eine Stimme vom Himmel dröhnend herab in sein Ohr:
        „Da hab' ich ein Mädchen ermordet!“
        Er erschrak. Er stand. Dann wollte er weiter gehen.
        „Halt!“ scholl es wieber. „Halt!“,
        Und er stand wie verzaubert.

 

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„Rechts, da! unter der alten Elche,“ erscholl es wiederhallend.
        Sir Godolphin schritt -zu der Eiche mit Hast. 
        „Sie steht in der Höhlung,“ dröhnte es wieder.
        Und wirklich sah er erstarrt, ein weißes blasses Mädchen, blutig und blutend aus der Brust, mit gefalteten oder gerungenen Händen, in der schwarzen niedrigen Höhle des ausgebrannten Stammes. Er griff sie mit Schaudern an. Sie war warm, aber sie lebte nicht mehr.
        Sir Godolphin sammelte sich von dem Schreck; denn solchen Thaten gegenüber, die kurz zuvor anderer Menschen Gedanken waren, zerstreut und verliert sich der Mensch in alle Grausen der Natur und der Menschenbrust; diese Eine Wirklichkeit wird ihm die Pforte zum Reiche der Möglichkeiten, ein Aushängeschild der Hölle, die seine Sinne bannet, bis der Abscheu davor ihn selbst wohlthätig in seiner Brust davon scheidet, und er freudig spüret: ich bin nicht, was ich sehn und denken muß. Dann tritt erst das Mitleid zu ihm wie ein Engel, und die allgegenwärtige, allmächtige Göttin: „Hülfe,“ die schönste wohlthätigste, eigenste Göttin der Menschheit. Er wollte das arme weiße Mädchen forttragen, oder Arzt und Richter holen; und nach wenigen Minuten, seit ihn die Stimme angerufen, eilte er schon.

 

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Wie er nun ging, gewahrt' er vor sich, schon außer'm Gebüsch einen behend schreitenden Mann, der sich gelassen umsah. Godolphin erschrak vor dem schwarzen Gesicht desselben, und die Stimme scholl zornig und hastig ihm wie vor die Füße: „Das ist der Tod! des Mädchens Tod.“ Dann blieb sie still.
        Der Mohr ging nach dem Schlosse. Sir Godolphin zögerte lange, voll Gedanken und Zweifel und trat wohl erst eine Viertelstunde nach demselben ein in die Halle, und frug nach dem Sherif. Dieser ließ den gemeldeten Fremden wieder nach längerer Zeit erst in den Saal treten, der voll von vornehmen Herren war, unter welchen auch Mohren.
        Sir Godolphin stand im Drange, sich zu erkennen zu geben, aber noch mehr bedrängt von, dem Vorfalle; und so vertraute er gleich nach der ersten Begrüßung Sir Ned an, daß er ein unbekanntes todtes Mädchen gefunden, und daß wahrscheinlich ein Mohr — da, grade jener dort — ihr Mörder sei.
        Der Sherif aber wehrte das ab, und versicherte: Dieser sei auf sein Entreebillet hierher gekommmen, um sein eigenes Weib — Lady Cynthia fortan zum Weibe zu nehmen, die er aus Freundschaft für dieselbe ihm überlasse, wie sogar der Heide Cato von Utica seine Marzia dem Redner Hortensius überlassen! „Sie sehen also — schloß er lächelnd — das ist mein bester Freund, und mein Nachfahr im Ehestande.

 

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        Der Mohr, Lady Cynthia und Andere waren indeß den Beiden genaht, und umstanden sie. Sir Godolpyin aber war so überrascht und ergriffen von dieser ihm schrecklichen Entdeckung, daß er sich nicht mehr anstecht halten konnte, noch weniger ein Wort vorbringen, selbst als Sir Ned, sein Schwager, dem Mohren ein Wort in das Ohr geraunt. Nur sahe er: seine Schwester Cynthia war blutroth geworden. Sie geleiteten ihn in das Nebenzimmer, wo er auf das Sopha sank. Aber krank und betäubt, ward er von den Dienern in ein stilles Zimmer gebracht, wo er blieb, während die Vermählung seiner Schwester Cynthia mit Sir Christopher vollzogen wurde. Erst gegen Abend war er im Stande, ein Paar Zeilen an seine Schwester Cynthia zu schreiben „als ihr Bruder.“ Und sie, und ihr neuer, zweiter Mann, und Sir Ned kamen nun eilig zu ihm. Er hatte so eben das Kleid ausgezogen. Da fiel ein wahrscheinlich schnell und schlecht ihm vorhin schon eingestecktes blutiges Schnupftuch auf den Boden, härter als ein Tuch fällt. Der Sherif hob es am Zipfel auf, ein blutgefärbtes Messer fiel daraus. Aber Sir Ned, Stickerei und Namen erkennend, rief plötzlich: Meine Tochter! und es Cynthia hinhaltend, stammelte er: Deine Tochter! Und Godolphin, seine Cynthia als Eigenthum eines Mörders bejammernd, flüsterte leise zu ihr: O Meine Schwester!

 

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        Und Cynthia, jetzt ihn als ihren erwarteten Bruder erkennend, und bedenkend, welcher Zhat er — vielleicht, gewiß —statt eines Andern — und ach, welches Andern — beschuldigt war, hatte kaum so viel Athem und Leben in ihrere Brust, um leise zu sagen:
  O mein Bruder!

 

 
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