Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 XVII. Die Sixtinische Kapelle.

 

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        Auf dem grünen Platz an der Stadt lagerten mehrere Tausend vornehme Damen und Herren um große auflodernde Wachtfeuer; wie Soldaten bei Feuersbrünsten vor die Stadt hinauscommandirt, waren sie hierher unter die schöne, sommerwarme, nur mit den größten Sternen prangende Nacht geflohen, und aus Antheil still, obgleich der Punsch unverkennbar duftete, so daß gewiß Vielen — im Stillen — dieses Abenteuer die schönste Partie schien. Und Silvati sprach bei sich: Zum Glück sind diese Alle die Gesunden, nicht die Kranken, welche die Aerzte sich vom Halse in's Bad geschickt, als in die ultima ratio — Medicorum, oder die letzte oder äußerste Vernunft derselben. — Er setzte seine Brille auf, um wo möglich, unter den vielen Gruppen umher und hin und wieder wandelnd, seine Mutter und Schwester zu entdecken. Das war aber unmöglich, und er war froh, als er aus den vielen Herren und Damen

 

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und schönen und häßlichen Fräuleins, den Kühen (vachez), Coffern, Tüchern, Kistchen und Spiegeln hinaus war. Denn so genau Allen in das Gesicht sehend, war er mit Murren oder Lachen begleitet worden.
        So gelangte er zum großen Gasthaus. Das Erdgeschoß brannte noch. Hier war also die Mutter, so Gott will, nicht. „Hier sind die Feuerspritzen mit verbrannt, sprach Frau Mill, wie die Aerzte mit in der Pest umkommen.“ Silvati erkannte den Wirth, der im Schlafrock und ohne Nachtmütze, einen Stiefel auf einem Fuße und auf dem andern keinen Pantoffel, roth und erhitzt im Gesichte und zerstört und erschöpft, mit einen Herrn im Streit, über den großen, marktähnlichen Hof hinging. Er frug ihn nach der Dame in Nr. 108. — „Alle Nummern sind verbrannt!“ — antwortete dieser in seiner Angst. „Vielleicht da drüben!“ — Da Sie Schuld an dem Brande sind, sprach der Herr zum Wirth, so ist unsre Gesellschaft verbunden: die Assecuranz zu zahlen! — Schlagen Sie zu! entgegnete der Wirth; ich bin so ein geschlagener Mann. Aber ein Kranker ist auch der Schuldige, und ein Kranker muß auch den Doctor bezahlen, auch wenn er stirbt! hilft Nichts! Attestiren Sie dieß für den Herrn, Herr Doctor! Oder Häuser, die nicht brennen, wäre das Beste, wie Menschen, die nicht krank würden, und überhöben aller Löschordnung, denn die Feuerordnung taugt gar nichts, wie Sie zu sehn belieben!

 

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Diebe haben mich angelegt! Diebe! — Mich! Denn mein Haus war Ich: Eine Flasche Wein ohne Weinflasche ist ein Sens non Ens. Es ist noch die Frage, ob alles vorhandene Wasser alles mögliche Feuer löschte? — „Beweisen Sie das! so zahlen wir!“ entgegnete der Herr. Der Wirth aber, den Beweis nicht auf Diebe, sondern auf Löschen beziehend, sprach in seiner Verwirrung von allerlei Wasser und allerlei Feuer, wahrend Silvati ihnen mechanisch folgte. Sie gingen in eine Thür hinein, eine Treppe hinauf. Da sahe Silvati drunten zu ebener Erde ein junges Mädchen auf einem Strohbett liegen sah, ein brennendes Wachslicht in der Hand, damit Niemand sie in dem finstern Durchgange trete; und selber blaß, zitternd und krank rief sie ihm zu: Treten Sie meine todtkranke Mutter nicht! Ich bitte! Hier liegt sie, hier neben mir!
        Silvati erkannte seiner Schwester Silvia Stimme, und die todtkranke Mutter war also seine Mutter. Für diese Nacht hatte er ganz überflüssiger Weise, blos aus Vorsorge, und um, was man sagt, ganz sicher zu gehn, sein Mittel verordnet! Das Feuer hatte dann erst, wie Satan, über ihn Macht gehabt; es hatte sie aus ihrer Ruhe gerissen. Schreck, Zug, Kälte, Angst hatten das Uebrige gethan. Und so starrte er die Mutter an. Und die Schwester, endlich ihn näher beleuchtend, und der Mutter Antlitz beleuchtend, erkannte in ihm den Doctor und rief vor Schmerz und Freude verworren: Gott sei ewig Dank, daß Sie hier sind!

 

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Sie kommen wie ein Engel vom Himmel; aber der müssen Sie auch sein! sonst stirbt sie! denn ihre Sprache ist schon dahin, ich weiß nicht wohin? dahin, wo der ganze Mensch endlich nachgeht! nicht wahr? lieber Doctor! Trösten Sie mich! Morgen will ich auch weinen! 
         Silvati war erschüttert. Aber die Natur behauptet mit heiliger Kraft ihre Macht über das Menschenherz; wie Er sei, das sticht sie nicht an; sie bleibt ihm, die Sie ist, die innere Fromme, Gute, Vereinigende, Eine. Und so war sein Herz einen Augenblick voll unfaßbaren Entzückens über die — Mutter. Sie war ja da! Sie war ihm die Reine, die Liebende, Treue. Und so war er der Sohn. Aber ihr näherer Anblick stürzte ihn in den äußersten Jammer zurück. Er wollte rufen: Mutter! meine Mutter! hier hast Du deinen Sohn! Und ob er gleich nicht als Sohn gefehlt, sondern als voreiliger Arzt, so schnürte ihm doch seine Schuld wie eine eiserne Faust die Kehle zu, und er erstickte fast vor den Thränen, in welche sein ganzes Wesen sich auflösen wollte. Und so drückte er blos, zu ihr gekniet, ihre Füße, er drückte ihre Hände an seine Brust, ja er mußte die blassen Wangen küssen. Aber ihre Kälte warf ihn wie ein elektrischer Schlag zurück.
        Die Schwester bestaunte ihn, und sprach: Sie Edler! Solch Mitleid hab' ich nie an einem Arzte gesehn! Die Andern schleichen fort, als wollten sie draußen erst weinen — aber sie thun es nicht!

 

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Sie aber, Sie! Gott lohne Ihnen Ihre Thränen!
        Da faßte er ihre freie Hand in seine beiden Hände, und sprach: Silvia! Du kennst mich nicht! Aber ich kenne Dich und sie. Der Brief der Mutter war an — — —
        Er konnte, er wollte es nicht aussprechen. Seine innerste Menschenseele schämte sich jetzt; Sohn, Bruder, ja nur ein Mensch zu sein; und er als Arzt fand jede erschütternde Catastrophe für die Mutter, wenn sie in ihrem Schlummer auch nur ein Wort vernahm, für tödtlich. Aber sein Herz mußte er ausschütten! und so sagte er leise ihr an's Ohr: Silvia! die Mutter starb nicht, wenn Ich sie nicht sichern wollte! Sie sahe ihren Sohn dann wieder! Vielleicht stirbt sie auch nicht. Helfe Euch Gott! Ich kann nicht! Leb' wohl, meine Silvia, lebe wohl, und grüße die Mutter tausend Mal von ihrem Sohne. Er lebt! aber er steht vor der Thüre des Irrenhauses — den Klopfer schon in der Hand! und ruft: Aufgethan! Thut mir auf! Mir! Darum schweige! schweige! Siehe mich noch einmal an! — So! — Hast Du mich recht gesehn? — Wie Du hold und lieblich bist! Wie Deine Lippen beben! Deine Augen leuchten. So. Leb' wohl! leb' wohl! —
        Silvia war von allen den Worten, der heftigen Weise erschrocken; sie ahnte und bebte. Das Licht fiel ihr aus der Hand. Es war finster. Silvati floh indeß.

 

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Frau Mill aber nahte dem weinenden Mädchen, das sich aufgesetzt, und sprach leise zu ihr: — Aber schweigen Sie, Miß! — Das war Ihr Bruder. 
        O Himmel, stöhnte Silvia. O Mutter! Er hat den Brief erhalten. Sie wollte ihm das Gold bringen. Aber die grünen Beutel sind entwendet. Mein Godolphin sucht einen Arzt, und — —
        Sie schwieg. Denn sie sprach in die leere Luft. Denn auch Frau Mill war fort, als sie hörte: das Gold sei fort. 
        Er war aber so hastig davon geflohen, daß ihn Frau Mill nicht mehr sah, nach langem Harren in ein Gasthaus ging und endlich sich niederlegte.
        Auch er war im Freien eingeschlafen, aber nicht fest, und die herrliche Morgensonne hatte ihn geweckt. Er sah sie nicht an, sie war ihm verhaßt, und willkommen fiel es ihm ein: heut' sei Johannistag, und vielleicht sein Todestag — wenn er das Glück habe! O Welt, sprach er, als sein Morgengebet: O schöne Welt! so weit bringst du deine Gewürme — du bringst sie so weit, weil du einmal so bist — daß sie wünschen: du seist ein Traum gewesen, der sie geträumt! kein Traum, den sie selber geträumt! denn sonst blieben sie ja, auch wenn du verschwunden! Nur bei schuldlosem Herzen bleibt der Mensch ein Mensch, und glaubt es fort, und ist fröhlich so klein und kann spielen wie ein Kind! Aber ein Unrecht weckt die schlafende Seele in ihm auf, sie fühlt sich wieder als Welt,

 

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und der Mensch wird Element! der schöne schimmernde Thautropfen im Lotuskelche der Erde, verduftet, wird Nebel, Aether, Meer! Sein Dasein und die Seele sind nun geschieden, sind Zweie! sind Keins! — Also hin zu den Giftbechern! Hin zu den Rasenden, wo sie dein warten. Sind sie nicht auch Welt, weil sie in der Welt sind? Verdienen sie das? und verdiene es Ich? O Sonne, du bist kein Engelsköpfchen ohne Flügel! kein Geist! sonst wärst du schon lange von Sinnen, wie ich von meinen Fünf! Er schlief wieder lange, und an dem in der Currende für die Herrn Duellanten bestimmten Orte, dem Gasthaus „Zur ganzen Welt“ fand er sich also in dieser Stimmung erst Mittags ein. Die Herren aber waren im Diorama, das sie für einen Tag gemiethet, indem es für heut', als hohes Fest, dem Publicum verschlossen war. Als er sich meldete, und in der Thür der Außenwand der Rotonde stand, rollte die Wand der Bühne inwendig, wie in einem Gehäuse, herum, bis die innere Thür auf die äußere traf; und als er hinein war, verschoben sich die Wände wieder, und die Sixtinische Capelle war fest verschlossen. Man ließ ihm keine Zeit, vor der Majestät des Orts zu erstaunen, denn Freunde und Feinde begrüßten ihn, wie Schiffbrüchige, die ihren Capitain auch noch auf einem Maste sehen geritten kommen. Herr Architect Klimm mit dem hölzernen Beine war der Erste, der ihm zugleich seinen Secundanten, den Lieutenant: Miß Turner, seine vielgeliebte Braut,

 

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vorstellte, seine Verwunderung aber bemerkend, ihm erklärte, wie der nunmehr selige Herr Vater seiner Braut ihr eine Lieutenantsstelle gekauft, um sie versorgt zu wissen, auch wenn sie nicht heirathen wolle; — „besser ein Lieutenant, als eine unglückliche Frau“ habe er gesagt. Seine Braut habe aber, im Wagen der Musterung — als einziger Schuldigkeit für ihre Gage — beiwohnend, das Unglück gehabt, daß die Pferde durchgegangen; und so sei sie gewissermaßen, jedoch zum Glück nicht als Frau, sondern nur als Lieutenant Invalide statt Valide geworden, und habe so den thörigen Gedanken ihres Herrn Vaters gebüßt,, und das curiose Gesetz von England, das Damen erlaubt — erkaufter Officier zu werden, das aber zum Unglück für manche gezwungene Hagestolzin jetzt abgeschafft sei! — Der Lieutenant-Braut salutirte gütigst den rechtschaffenen kein Unbill an Chirurgen leidenden Herrn Doctor Silvati.
        Herr Doctor Hetzer, der den colossalen Apotheker Herrn Schimmelpfennig gefordert, empfahl sich ihm zuerst selbst als Herrn Collegen, und dann seinen Setundanten, an Doctor „Freund Hain“.
        So waren denn fünf Freunde.
        Aber auch Sir Christopher, der Zambo, zog den Handschuh aus, bot ihm die Hand und sagte: wie in meinen, Handteller ein wenig weiß ist, so ist auch in meinem Herzen noch so viel, oder die höchste Freundschaft für Sie diese: daß ich mich jetzt von Ihnen will

 

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in die andere Welt befördern lassen, lieber Doctor, wenn ich Sie nicht befördere, Allerliebster! Dann wandte er sich zum Apotheker, der in der Loge saß, und neben ihm sein Hund, der das Weltgericht anknurrte. Damit Ihr liebes Hündchen nicht vergebens mit hier ist, sprach der Zambo, so will die hochedle Gesellschaft Sie durch mich um ihn gebeten haben, um an demselben die concentrirte Blausäure zu versuchen. Stirbt dero Azor, so sind Sie versichert, gleich sicher mit Herrn Charon zum Weltgericht abzusteuern, und übrigens würde ich ein Land ohne Hunde — jeder Raçe — für ein wahres Gegenstück zu allen wahren Tollhäusern voll' unanbeißbaren gesunden Menschenverstandes halten, da laut Zeitungen in drei Jahren nur fünf hundert Engländer, oder hundeliebende Menschen, so zu sagen mit Ihrer Erlaubniß: toll geworden. Wenn ich Nichts bin — und vielleicht bald gar Nichts sein werde, so bin ich doch ein Feind aller Hunde, dieser guten, an der Tollheit der Menschen sie so zu lieben unschuldigen Thiere! Und ehe der Apotheker es wehren konnte, hatte der Mohr den in der Giftapotheke nicht mit consignirten Azor über die Lehne der Loge gezogen, und die Blausäure an ihm probirt und probat gefunden. Ihr kleines Provisorchen handelt mit guter Waare! sagte er dann; immer hat er sich etabliren wollen — nun ist das ihm als Homöopathen leicht geworden, da ich ihn gestern mit einer Leierkasten großen — fliegenden Apotheke am Halse hausirend gesehn.

 

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        Der arme Mensch ist übergeschnappt! bedauerte Herr Schimmelpfennig; daran sind Sie schuld, Silvati!
        Hier stehen die achtzehn Bouteillen Schweizer Kirschwasser, und die Biergläser dazu; zeigte der Lieutenant. 
        Wer das Glas mit dem Kirschwasser loset, kommt mit dem Rausche weg! Der Gegner aber, der die ewige Lebenstinctur, zu dem andern Glase versetzt, geloset, hat den Vortheil, daß er auch glaubt, Kirschwasser zu trinken, bis er den kleinen Irrthum nicht merken kann! Also zwei Feinden immer zwei Gläser! und nur in Eines die berühmten „Zwanzig Tropfen!“ — Sie losen. — Wer zwei Gegner hat, wie z. B. Sir Zambo, und Herr Schimmelpfennig, loset mit dem Andern auch, und am besten gleich nach einander — der beliebten Kürze wegen. So erklärte Herr Klimm, unter nicht laut eklatirendem Beifall. Ja der gute Apotheker meinte, so würde Jede, glauben „die zwanzig Tropfen“ in seinem Glase zu haben, das heiße, sie zu trinken, und vielleicht vor Einbildung sterben! — Aber es blieb so. Nur meinte der Mohr, daß kein Geistlicher wenigstens das Mittagsmahl vor dem Tode verbieten könne, lud ein: in der Arena am Tische gefälligst Platz zu nehmen, wünschte gesegnete Mahlzeit, setzte sich, und vertröstete bei den kalten Dauerspeisen auf das — warme Dessert! Da er aber bei Wenigen auch nur wenig Appetit bemerkte, schlug er ihnen reines Kirschwasser indessen vor, der

 

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Trunk komme im Trinken, manche Doctoren tränken ja gern, man wisse, warum? des Vertrinkens wegen, und um perfect zu sein, da die nicht mehr Nüchternen fröhlich sagten: Nun bin ich perfect. Ein bekanntes Sprichwort!
        Mehrere folgten seinem bitteren Rath, und es kam Geist und Feuer in die Gesellschaft. Und als der ängstlichen glühenden Braut, die das Giftfläschchen vom Mohren empfangen, genug von dem Geiste über sie gekommen schien, um nicht so genau beachtet zu werden, zupfte sie ihren Freund Hain am Aermel, und Beide standen auf, und gingen bei Seite in eine der Logen, um je zwei und zwei Gläser zum Duell einzugießen, und in Eins auch zu tröpfeln.
        Und der Mohr rief ihnen nach: Du mit dem Fläschchen voll ächtem Aqua vitae des ächten nicht so erbärmlichen Lebens, Respectsperson! und Du, Doctor, wahrer Freund Hain, nur noch mit Haut und Haar und Kinnbacken — gieße nur ja nicht ein und zwanzig Tropfen ein, sonst sterb' ich! an die zwanzig Duellstatutmäßigen habe ich mich seit dieser Gelegenheit gewöhnt! Denn von dem bloßen Ein und zwanzigsten bin ich gestern bald gestorben. Die zwanzig aber will ich erst jetzt versuchen, Cynthia!
        Um Himmelswillen, allerliebster Freund Hain, flüsterte die Braut ihm in's Ohr: Nur jetzt lachen Sie nicht, wenn sie Alle blos Kirschwasser trinken werben, höchstens — wen es nun treffen wird

 

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— ein Paar Tropfen Schlaftrunk! Lachen Sie ja nicht! Sonst muß ich mit dem Gifte herausrücken, denn der Mohr will vor allen Andern gern Lady Cynthia kränken, wenn er schwarz und weiß, und todt und verdammt vor ihr liegt, darum hat er es ihr geschrieben, was vor ist, hier! — und lieber Freund Hain, ich bin Braut! bedenken Sie, was Alles noch nicht in dem Namen liegt, und was der Name Klimm hineinlegen kann! Der alte Apotheker hat erst ein junges liebes Weib genommen, und hat ein allerliebstes kleines Magdalenchen! Auch Silvati thut mir leid, und da ich ein Weib zwar, doch zum Glück auch Lieutenant bin, so kann ich sagen: mir thun alle Männer leid, o vom Herzen, so recht vom Herzen, oder im Herzen, zum Herzen! — Sie sehen, oder hören, das desperate Kirschwasser ist stark! ich habe bei Tische nur genippt, was man so nippen nennt bei Soldaten. Der Mohr ware unerbittlich! Verstecken Sie also das Giftfläschchen hier drunten, wo man die Bühne dreht, und zertreten es derb, wie den Kopf einer Schlange. Morgen danken sie Alle Gott! und uns für unsere Täuschung!
        Freund Hain nahm es heimlich zu sich, und die Braut tröpfelte nun nur Schlaftropfen in die gefüllten Gläser. Freund Hain brachte nun die bedenklichen Krystalle, die er, je zwei und zwei, hinstellte. Das Losen darum bestand in einem blinden Zugreifen nach den ununterscheidbaren Gläsern, und doch beharrte der Apotheker darauf, man solle erst würfeln. Wer sich zuerst Ein Glas von den

 

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Beiden nehmen solle; Einige hätten durch die Augenwimper geblinzt! Denn dem Apotheker war jetzt das Leben außerordentlich lieb geworden, zum Beweise, daß grade der Gute nicht ohne Noth gern stirbt; denn alles das Gute, was er gewiß noch thun würde, das Herrliche in der Welt, was er eben am klarsten sieht, beklemmt ihm die Brust. Und so bekam er vom Doctor Hetzer ein Glas, und noch eins von Silvati, als von seinen beiden Gegnern; Silvati vor ihm und dem Mohren, und der Mohr von Silvati' und Klimm desgleichen zwei. Hetzer und Klimm aber jeder nur eins.
        Keiner trank, und Hetzer versicherte, es sei keine Clausel in ihrem Statut, bis wann das Glas geleert ober nur angetrunken sein solle!
        Klimm betheuerte ungern, daß der Johannistag nur bis Nacht punct zwölf Uhr dauere!
        Es ist ein nachahmenswerther Gebrauch der Aerzte, die Juden sind — begann der Apotheker —
        — Sie wollen sagen: der Juden die Aerzte sind! verbesserte Hetzer —
        Also jedenfalls ein herrlicher Gebrauch, fuhr der Apotheker fort, daß sie jedesmal ein Gebet vom römischen Rabbi Jacob Zephalon beten, wenn sie Jemand Arznei geben, geschweige wenn sie selbst welche nehmen.
        Zum Beweise, daß ich nur ein Mohr bin, sprach Sir Christopher — da!   Ein Glas ist leer!   Die Erde hat einmal die Pest

 

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— das heißt immer und wir armen Sünder werden sie nicht beschwören, bezaubern und belügen! Denn nicht jede Gans rettet das Capitol, besonders die jetzigen Gänse nicht, weil es der Tod in Besitz genommen.  Ja die Sonne ist selbst nur ein  altes übrig gebliebenes, noch nicht garausgebranntes Licht aus einer alten Todtenhöhle, welche wir armen — Erdschlucker so gefällig sind, „die Welt“ zu nennen. Wär ich der Mond — der alte Todtenkopf, ich machte ein noch viel grinsenderes Gesicht — etwa so eins! Seht! War es recht? Denn blos das ist kein Spaß — Alles sterben sehn, und selber nicht sterben. Also Silvati — ich habe Deine Gesundheit getrunken, nun trinkst Du meine, am liebsten aber die Gesundheit der Welt, der alten Schlange mit immer neuer Haut! denn wenn die Welt unverwüstlich gesund ist, und lebt mit allen ihren bunten Flecken, den weißen, grünen, gelben, rothen und schwarzen — als wie ich einer zu sein die Ehre habe — dann bin ich auch keine bloße Haut, sondern selbst Schlange.  Trink!  tröste Dich dort mit den gemalten Weltgericht, wozu die Teufel die bösen Häute, unter ihren Mohrenhänden anschwellend, hervor aus den Gräbern ziehn. Sie ziehendich auch einmal.Klimm's fleischernes Bein ziehen sie auch wieder mit heraus.  Die Kerls können hexen! Gentlemen all, trinken Sie! Angestoßen! ich leere mein Zweites und — Letztes.
        Das gebe der Himmel! wünschte der Apotheker.

 

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        Ehrliche Haut! sprach der Mohr zu ihm. Du guter Kerl, gut — nach den Giftbaum zu schicken, damit Du doch einigermaßen geschickt genannt werden kannst, wir Beide sind ja Freunde! also sage ich Dir: was Du hast, das hast Du an Geld und Gut. Nun aber stirb, nebst Collegen; denn es hat ein Arzt einen neuen Bettelstab in Deutschland — ein kaum mehr mögliches Werk allda — einen neuen Bettelstab erfunden für alle Eure lieben Hände, und ich wünschte: ich könnte auf Deine feisten Kniee fallen, und Deine wonnigen Hände wie ein Paar Fettschwänze über dem Kopfe aller Apotheker und über alle Apotheken zusammenschlagen! Du bist einmal geschlagen; darum stirb! das heißt: trink! — Und Silvati? wie sitzest Du da? wie ein leibhafter Diener aus einer leibhaften Schlafrockhandlung voll selbst verfertigter Schlafröcke für Andre — ich meine, alle Deine Kranken! o Doctor! Hast Du keine Schlafröcke — selbst verfertigt? Also! — Hast Du kein Gewissen? Gewiß! also stirb, das heißt: trink!
        Jetzt trank Silvati ein Glas für die Mutter, in der Seele weinend. Und in dieser Stunde der Gefahr sein Liebstes auf Erden deutlich in den Schmerzen darum erkennend, und die arme aufgegebene und verlorene Mirza vor Augen sehend, wie den Kern eines Kometen oder den Kern des Himmels — die milde leuchtende Sonne, in die alles Licht des Aethers zusammengeschossen war, und sie nun eben ausmachte — gelobte er sich: wenn er sich jetzt nicht selbst einen Schlafrock tränke — wie sein irrer Geist sich ausdrückte —

 

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seine Mirza — sein, weil sie ihn einzig liebte, ohne Rücksicht auf Anderer Bräute (als etwa der Thirza Seligo) Vermögen, glücklich zu machen! Dazu hielt er sein bloßes Leben und Dasein auf Erden noch gut genug, gleichviel, wie seine Seele sei; denn die Frauen — meinte sein irrer Geist wieder — liebten ja Männer oft, welche die ganze übrige Welt heimlich, ja laut verabscheue! Und er wolle sich selber nur heimlich verabscheuen, ihr aber ein immer und nur um so sanfter und weicher liebendes Herz zeigen — schenken, bewahren! Und mehr als das Herz werde auch Mirza nicht wünschen, die auch nicht mehr sei als ein Weib.
        Er hatte getrunken. Und nun mußte Klimm trinken, oder wie der Mohr es nannte: in sich selber mit Kirschwasser schießen, wie er sich geschossen. Miß M'Aulay und Freund Hain hatten die Tücher vor den Augen, und obendarein sich auf das Gesicht gelegt, und weinten vor innerem Lachen; nur daß der Braut die Gefahr des Verrathes auch ängstlich in's Herz stach. Hetzer nahm nun sein Glas, und redete so zum Apotheker: Sie haben gesagt, ein gewisser Herr Stilling habe nur Erlaubniß erhalten, blos in den lebensgefährlichsten Fällen zu practiciren — und wir alle wären nur solche — Stillinge! Aus Desperation liefen die Menschen zum Doctor, aus Desperation müsse er curiren, und so werde er bezahlt für seine Desperation — so will ich denn trinken aus Desperation,

 

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auch pure aus weiter nichts. So! hier steht es leer. Nun desperiren Sie, jämmerlicher Herr Schimmelpfennig! Und so mußte auch dieser Revange geben.
        Darauf ward eine Stille in der Capelle, die je länger, je drückender ward, so tief, daß man von draußen den Wellenschlag des Meeres am Ufer hörte, und ein und zwanzig Kanonenschüsse, mit welchen ein ankommendes Schiff Gottes feste schöne Erde salutirte, und die ein und zwanzig Kanonenschüsse, mit welchen die Erde für ihr so lautes Lob in gemessenen Zwischenräumen dankte, gab der Sixtinischen Capelle eine so ernste Feierlichkeit, wie ihr Urbild selber wohl nie gehabt.
        Endlich fuhr der Apotheker gespenstisch am Tisch in die Höhe, wie ein Eremit in einer Klafter Holz, und sprach unter Thränen: Mein Gott — Ich — ich  glaube — meine Herren — ich schlafe ein! Mich hat das Giftglas getroffen! Und aus seinem noch jetzt Menschenfreundlichen Herzen setzte er hinzu: Freuen Sie sich, lieber Doctor Hetzer — Sie leben! Ach, hätten Sie doch Weib und Kind, da könnte es Sie erst recht freuen — denn — mein Gott — ich habe Weib und Kind — und — denn — mein Gott — ich kann mir Ihre Freude — träumen — schlafen! Schlafe ich schon? meine Herren, haben Sie die einzige Güte, sagen Sie! schlafe ich? träume ich? red' ich im Traume? Wecken Sie mich gefälligst auf!

 

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Es zieht mich hinunter — ich muß . . . gute Nacht, gute Nacht, liebe Frau, schlaft wohl! und Du, mein liebes Kind, stehe ja gesund auf, und decke dich ja nicht auf! die Nacht ist lang und kalt! Nun schlafen Sie Alle recht wohl!
        Er hatte schon längst unter diesen Worten gesessen, und schlief nun, bemühte sich aber immer noch, die Augen mit Gewalt aufzumachen.
        Der spricht aus der Schlafstube, oder ist er ein Schlafrockscandidat! Wer deckt sich in der Erde auf! Seine Furcht ist eitel! — lächelte der Mohr.
        Der Apotheker aber klagte jetzt leise murmelnd: Mein liebes Weibchen, jung hätte ich dich heirathen sollen, als ich ein junger, Dir lieber Mann war — aber mein Gott, da warst Du ja noch nicht einmal jung! wie man sagt. Also doch bester — ich habe alt geheirathet, da bekam ich doch Dich! und jung! Und Du, mein Töchterchen, mein Kind, mein Magdalenchen, wie gern hätte ich Dich groß gesehen! nun aber sterb' ich Dir vor der Zeit; aber besser, Du hättest doch eine kurze Zeit, ja nur eine Minute lang einen Vater, als gar keinen! das war schlimmer für Dich, als daß Du nun mein schweres Vermögen erbst! doch wir sterben ja Alle in der Zeit, und jede Zeit ist die wahre: die Sonnenzeit, nicht bloße Stadtuhren und Post-Zeit. Der Junius ist der gesündeste Monat im ganzen Jahr. — Wir haben Johannis — und doch muß ich — schlafen. Vorhin noch nicht! Aber nun — nun schlafen Sie Alle recht wohl! —

 

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Auch der Mohr fuhr erst jetzt auf und rief, mit der Faust auf deu Tisch schlagend: Cynthia! wollte ich sagen: Lumpengesindel hier! was hilft mir es, daß ich keine Schmerzen habe — wenn ich schlafen muß! — Er gähnte und rollte die weißen Augen. — Die Johannisnacht ist die längste in meinem Leben, das heißt in meinem Tode, so lang wie mein Tod! — Ich glaube, ich schlafe nicht? — Und schlafe ich heut' nicht, dann versprech' ich mir: im Leben gar keine Rücksicht auf gar keinen Menschen mehr zu nehmen, geschweige auf sonst Wen, oder sonst Was!
        Dabei hatte er sich selbst mit der rechten die linke Hand geschüttelt; aber er erschrak, ja er ward bleich, denn durch die Fenster der Capelle fiel auf einmal wirkliches Sonnenlicht auf das Weltgericht, so grausam wie Michel-Angelo's harte Seele die Welt gerichtet, und der colossale Christus schien zu leben, und mit einer rasch zuckenden strengen, ja wie grausamen und unbarmherzigen Bewegung seines herkulischen Armes alle Sünder auf ewig von sich zu stoßen. Der Mohr setzte sich, dämmerte ein, und murmelte furchtbar und furchtsam: Nein! aber nun, nun schlaft Alle recht wohl!
         Freuen Sie sich mit mir, lieber Silvati, jubilirte Hetzer, daß ich so gut wie gar nichts bin, nämlich nur Einer von den vierzig tausend täglich Betrunkenen in London, und ein bloßes Atom unter den zahllosen täglich sogenannten Seligen oder Perfecten in den drei vereinigten Königreichen! Ob alle Andere sterben, was kümmert das mich?

 

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— Ja! wenn ich der einzige Uebrige wäre, der wahre Universal-Erbe aller Erben welch' ein Gedanke! — Dann wollt' ich leben! 
         Ich danke für dieß dann! verspottete ihn Silvati. 
        College, offen! fuhr Hetzer fort; bei meiner Praxis hat mich immer die Nützlichkeit des Todes getröstet. Denken Sie, Bester, wie reich ist Tapponi auf dem Plère la Chaise durch sein bloßes Pariser Bureau d´agence mit allen Requisiten! Er ist ein Fürst der unterirdischen Heerschaaren! Wer lebt nicht, als weil Andere nicht mehr leben? tröstlicher Gedanke! Wer hat Etwas, als weil Andere Nichts mehr haben? vortrefflicher Einfall des ewigen Grundherrn! Selber die lieben Kranken — o was nutzen sie Andern, — (auch außer uns) was für Gutes können sie noch thun und an sich haben? Wie viel Liebes und Gutes empfangen! Das kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden! Sie können lehren — und wie! als Beispiel dienen — und wie! Sind nicht die Blinden in Japan sogar Archive? Himmel, wenn ich ein Archiv wäre! oder eine medicinische Bibelapthek! Kurz, wie gesagt, ist denn das Leben nun gar so viel werth! Es ist eine Lumperei —
        — Für den Lumpigen! entgegnete ihm Silvati empört; aus achtzig Jahren ist schon was zumachen!
        Was denn? wo ist denn ein Resultat? Zu der Wiege? im Sarge? Kein Mensch weiß Eins!

 

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        Jede Stunde ist Eins! jeder Gedanke! auch dieser, daß ich Dich zur Thür hinaus werfen würde, wenn der Käfig hier noch eine hätte!
        Hoho! lachte Hetzer, und rückte näher zu ihm; Freund Hain und Miß M' Aulay schlafen, aber Klimm, der Architect, blinzelt noch mit den Augen. Siehe, College, wenn ich sagte: daß die Lebendigen nicht so viel werth wären, so sollte das nur dem Worte vorreden: daß die Todten gar nichts werth sind, wenn nicht funfzehn Guineen! — und dafür hat uns — pro Mann, der Mohr an die Auferstehungsmänner verkauft und dieser Tage das Gold schon verjubelt! Denn wenigstens die Hälfte von uns wird nicht mehr weggehen. Aber wir Andern müssen uns vorsehen, denn sonst kommen wir auch auf's Theater; denn die jungen Liebhaber desselben haben die Herrn Theater-Lieferanten gelehrt: mit dem Scalpel umzugehen, und wenn wir nur einschlafen, würde man kein Merkmal von Gewalt an unsern stillen Personen merken!
        Silvati saß wie gefroren von Angst vor den Männern; aber er konnte sich nicht mehr des Schlafes erwehren, den er sich aus dem zweiten Glase getrunken. Dagegen beklagte nun Klimm seinen Hintritt, den er in allen Adern zu spüren glaubte, und wollte sich vor demselben noch wenigstens einem Menschen entdecken; und hierzu war nun Niemand mehr da, als Doctor Hetzer.

 

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        Rede, Klimm! daß ich wenigstens nicht einschlafe, versetzte dieser schon horchend, denn es war dunkel geworden und ein furchtbares Schloßenwetter prasselte an die Kuppel, und schlug auf die Scheiben derselben, welche allerhand Portraite,in der Decke bildeten, jetzt aber kaum Schatten waren. Hatten wir nur Licht! stöhnte Hetzer.
        Was Licht! lallte der Architect. Ein Erzbaumeister wär' ich geworden, hätte ich meine große Pyramide auf dem südlichen Berge bei London aus lauter Londoner Einnehmern erbaut!
        Was? Woraus!
       Jeder Quader zu meiner Pyramide ware ein Crystallsarg gewesen, und in ihm die Büste jedes Einwohners, aus seinem eignen Knochenglase gegossen! Das waren in sechzig Iahren schon ein Paar Millionen Quadern! und eine Pyramide! Und oben darauf eine einzige Gaskugel zur Erleuchtung der ganzen Stadt und des Stromes! Und einen Schirm über diesen großen nahen verbesserten Mond, hundert Fuß im Durchmesser. Denn, mit Erlaubniß zu sagen, auch die kahle Luna würde Uns viel besser scheinen, wenn der Himmel über ihr einen Lichtsturz angebracht! Denn beim Saturn hat er mit dem Ringe schon einen dunkeln Gedanken von meiner Idee gehabt! Nun imaginiren Sie sich, welches moralische Licht von meinem Mausoleum herab meine Leuchtkugel verbreitet, die ganz London gewarnt —

 

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besonders des Abends! und Herz und Verstand erleuchtet mlt Unsterblichkeitsgedanken. Oh! quaIis artifex pereo! welche Wunder sterben mit mir!
        Du weinst. Klimm, Erz-architect!
        Darüber nicht sowohl, als über das Loch, das berühmte Loch! Es hätte Klimms — Schacht geheißen, so lange Klimm todt war! Nun werde ich todt sein, und es wird nicht so heißen, ja nicht einmal sein!
        Rasselte es nicht an der Thür? fragte Hetzer und schauerte zusammen. 
        Laß rasseln! lallte er weiter, und höre mein letztes Wort. Sieh, die Erde ist eine Seifenblase der Kinder Gottes, ein hohler Komet ohne Kern, der, wer weiß, in welcher Campagne den Schweif verloren, eine Pommesinenschaale! Durch die Schaale nun hätt' ich ein Loch abgetäuft, einen Senkbrunnen, etwa zwanzig bis dreißig Meilen tief! hätte den Goldkern oder die Erdgeister gefunden und ich war, ich, Harry Hardy Klimm, war der größte Engländer! und England war im Besitz des Zolles, und der Dardanelle zum Reiche des Aladius!
        Beide erschraken jetzt. Denn des Apothekers Azor, als Hund nur mit Sträuben, und darum nicht recht vergiftet, sprang jetzt auf den Tisch, bellte, winselte, wartete vor seinem Herrn auf, kratzte an ihm mit der Pfote, leckte ihm die Hand, boll auch die Andern an, die schwiegen und schliefen in der Finsterniß.

 

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Trotz des Gebelles schlief auch Klimm zuletzt ein; und Hetzer suchte sich in der Tiefe der Kapelle wo zu verbergen. Denn den Auferstehungsmännern zu entfliehen, gelang ihm nicht. Er hatte zwar den Silvati hereinlassen gesehen, er war auch jetzt hinunter zu der Scheibe gestiegen, auf welcher sich die ganze Bühne, Saal und Logen, mit Zuschauern umdrehen ließ, aber nicht allein im Stande gewesen, die Kurbel zu bewegen, bis die innere Thür auf die äußere gepaßt. Und so blieb er hier drunten, halb getrostet von dem wiewohl irrigen Wahn, daß wenigstens die Hälfte von seinen Collegen über ihm wirklich hinüber geschlummert seien; sonst ware seine Angst nur noch größer gewesen, wenn er sie nicht mit Gewalt erwecken konnte, was ihm jetzt nicht einfiel; ja es schien ihm sogar nicht mehr sicher das an Freund Hain und Miß M'Aulay nur zu versuchen.
        Denn es rasselte jetzt (wohl schon um Mitternacht) nicht mehr an der Thür, aber der Hund bellte fort . . . Denn deutlich hörbar legte man Leitern an, wahrscheinlich um oben zur Kuppel hereinzusteigen! Denn ein Theil des Fensters in der Decke der nicht eben hohen Rotonde fiel herab, und Klimm fing erschreckt an zu schreien und war wieder still. Nun hörte er schnurrend eine Strickleiter herablassen. Es ward Fackellicht. Ein Mann sprang herab auf den Tisch, und beleuchtete sich wahrscheinlich die Gruppe erst, denn derselbe schwieg eine ganze schaurige Weile. Dann rief eine gedämpfte hohltönende Stimme von oben:

 

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Drehe die Kurbel! daß die Andern zur Thür hinein können! Und so kam denn die Fackel und der Mann zu Hetzern herab in seinen Versteck, welcher vor dem Fackelträger auf die Kniee fiel und um sein Leben bat, und bat ihn nicht auferstehen zu lassen, so lang' er noch lebe.
        Armer Narr! sagte der Mann ihn aufhebend. Hinweg und helft.' Warum treibt Ihr hier solche Dinge. Dann stellte er dieThüren, wozu der Doctor selbst Hand anlegen mußte. Dann gingen sie hinauf. Mehrere Windlichter erschienen nun durch den Eingang. Die Eingedrungenen aber bemächtigten sich nur des Mohren, den man behutsam forttrug, und Silvati's.
        Ueber dieses Geräusch erwachte Miß M'Aulay. Sie zitterte am ganzen Leibe. Sie blickte auf ihren Bräutigam und Architecten, dem nur das hölzerne Bein zerschmettert war. Sie gestand den Unbekannten ihre Vorsorge durch Vertauschung des Giftes mit Schlaftrunk; sie versicherte, daß diese Herren am Tisch Alle nur schliefen und Keiner todt sei. Alles gewaltsame Einschreiten sei gewiß überflüssig; morgen hätten sie lhren Tod verschlafen! Zwischen diesen Menschen sei keine andere Auskunft gewesen! Also mein Mann ist nicht todt! rief die junge, schöne, vor Entzücken wie unsinnige Frau Apothekerin; er hat mir es doch im Briefe von hier aus geschrieben! Darum komm' ich! — Und vor Freuden fiel sie

 

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jetzt der Miß M'Aulay um den Hals, da sie stumm und fast verborgen bisher am Halse ihres Mannes geweilt. Hetzer war noch immer nicht im Herzen ruhig, da er wußte, was der Mohr verhandelt, und rieth auch, die Uebrigen der Sicherheit wegen — in Zimmer des Gasthauses, in Betten zu bringen. Und so geschahe es, und nach einer Viertelstunde war die Kapelle öd' und nur monderleuchtet.

 

 
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