Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 XVI. Die Bewahrschule.

 

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        Am anderen Morgen erhielt er einen Brief aus London. Er war von Frau Mill. Sie schrieb, wie sie sagte, ganz außer Athem: Der alte Doctor Seligo sei bei ihnen im Hause und zu ihm gewiesen, sie wisse nicht woher? Er wolle zu den Seinigen, zu seinem Sohne, zu seiner Frau, und wisse nicht wohin? Und sie auch nicht! Das Haus sei total in Allarm, denn schon ein alt Schock (a Score oder zwanzig steinalte Doctoren seien dagewesen und hatten ihren steinalten, wie aus dem Grabe gekommenen Herrn Collegen bestaunt. Da sei einmal ein heiliges Schrecken in sie gefahren! Das Erstaunen habe ihre alten Kinnladen so in offenen Ruhestand versetzt, daß sie mit den letzten sechzig Flaschen Clairet, dem Mühlstein-großen Chesterkäse und einem hundert Real-breads (Milchbroden) glücklich und ohne Schande für sie und das Haus des Mydoctor Hammer durchgekommen. Nun aber, bei größerem Andrangs

 

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junger Doctoren, stehe Schande bevor! dem Käsewagen und ihr und ihm! Er solle also kommen. —
       — „Auch Mirza bittet!“ — stand von ihrem Händchen geschrieben, auf Englisch, unter Frau Mill's Hühnerschrift.
        Also der alte Seligo! rief Silvati mit Hast; achtzig Jahr alt! „wenn es hoch kommt!“ hat der alte Bäcker gesagt! — und der alte Doctor müßte die edle Seele nicht sein, sein Sohn müßte nicht todt sein, wenn meine Thirza nicht die ihm von Ben-John vertestirten acht und vierzig tausend Pfund Sterling, bald zur Hälfte, und bald ganz erhielte! O wie war ihm Thirza so lieb! Wie fühlte er sich glücklich, seiner Kunst auf immer ein freudiges Lebewohl zu sagen.
        Aber da stand ja noch ein Postscript!
        In diesem freute sich nun Frau Mill, daß Mydoctor einmal eine Mutter gehabt! Denn nun habe sie kommen können, sei da, und habe ihrem Kinde alle gesparte Mutterpfennige mitgebracht, welche in die Tausende der Guineen gingen! Der Brief habe sie selbst fast mit dem Schlage gerührt! aber auch gleich den Nachbar Kaufmann bewegt, ihr a Conto zu geben, was sie zur Ehre des Hauses nur etwa gewünscht; denn der Nachbar wisse, daß sie nie über eine Krone im Werth gelogen. Zuletzt meldete sie, daß sie den Brief von seiner ehrwürdigen Frau Mutter erbrochen, den ein Kaufmann ins Haus gesandt.

 

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        Da that ihm Mirza so leid! denn er hatte nun Geld. Mit der New Rocxet, die vom Hause aus in Galopp fährt, flog er in wenigen Stunden nach London, voll von dem doppelten Glück und dem doppelten Unglück; aber die Schuld an Seligo dem Sohne machte sein gutes Herz zum Schuldner der Tochter — der kindlichen Thirza.
        Frau Mill empfing ihn mit tieferer Verbeugung, als beim Abschied. Mirza glühte und lächelte wieder wie je. Der alte Seligo begrüßte ihn, ernst und bewundernd, als sei Silvati lebendig aus dem Grabe gestiegen, nicht Er, mit der Würde auf seinem Antlitz, welche die Erscheinung eines Menschen, sein Dasein Iedem einflößen sollte, der weiß, was ein Mensch ist. Nur nach den Seinigeu fragend, zitterte eine Thräne an dem alten Augenlide mit grauen Wimpern. Und, Silvati sagte ihm, mit Brustbeklemmung: Weinen Sie diese Thräne, alter Vater! — Ihr Sohn ist hinüber!
        Das Wort ließ ihn eine Weile verstummen, und, ein Schauer vor der flüchtigen Welt durchrieselte ihn; dann sprach er nur: Ein Kind muß zufrieden sein mit dem, was es auf Erden findet — und Ich — mit dem, was ich wiederfinde! Aber Dir wünsch' ich nun auch zu sehen! und bald! Denn von meinen Tagen blitzen die letzten über meinem Haupte!
        Sie werden den Ersatz bewundern, den Ihrem Herzen die Natur geleistet! begann Silvati darauf mit Herzklopfen . . . .

 

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eine erwachsene schöne gute Enkeltochter wird Sie an ihre kindliche Brust drücken! O Gott!
        Der Alte sahe ihn an, aber er drängte nur desto mehr, und der alte Mann stand wunderlich reisefertig, so alt und silbern in den neuesten Kleidern.
        Silvati durchlief nun erst mit feuchten Augen den Brief der Mutter, und er sahe, daß er aus dem Bade war aus der Gaststadt zur Stadt London, ja aus dem Zimmer Nr. 108! daß seine Mutter jenes kranke Weib sei, die so geduldig den Stock in ihrer Hand gedreht! die heut Abend schwitzen sollte für ihre Guineen! — und er hielt sich die Augen zu.
        Sein Entschluß war schleunig gefaßt. Den Greis führte er zu den Seinen in die Bewahrschule, weidete sich an ihrer Freude und hieß ihn dann zur Bank fahren, um sein Sostrum — die Belohnung für acht und vierzig jahrelanges Nichtcuriren — dort zu heben. Frau Mill und Mirza nahm er mit zu Mutter und Schwester. Vielleicht verliebte sich dort im Bade ein auf Abenteuer gegangener reicher, schöner, junger, thörigter Lord in das auffällig schöne morgenländische Mädchen. Vielleichtn . . . doch er war außer sich, und glühte vor Angst und Entzücken. Ehe Alles bereit war, sandte der alte Seligo noch einen schon fertigen Vorbereitungsbrief an sein Weib, um sie nicht zu erschrecken.

 

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        Das Haus ward verschlossen. Bald saßen sie in dem Wagen. Bald hielt er. Der alte Mann sahe gerührt auf die großen goldenen Buchstaben über dem Portal: „BEWAHR-SCHULE“ und sprach: Ich danke dir, mein Gott! Die Welt ist dein! Du waltest in den Vernünftigen und Guten. Wie weit, wie gut ist schon deine lebendige Welt! Bedauere Niemand die Vorwelt! Die berühmten Könige, Priamus, Alexander, August, Constantin und Carl, sie waren doch nur bedauernswürdige göttliche — Sauhirten — aus dem einfachen Grunde: weil das Volk erst nun zu Menschen wird! Kinder sind einst das Volk. Wer Kinder bewahrt, bewahrt das Volk. Und hier werden tausend Aerzte einst unnütz gemacht. O wie freue ich mich! — Ich habe die Bewahrschulen vorgeschlagen! und hier steht eine ausgeführt! und wer waltet darin? mein Weib! meines Sohnes Weib — und seine Tochter! — Wie heißt denn die Witwe? frug er Silvati, 
        Grace!
        Und die Tochter? 
        Thirza! 
        Es ist doch gut, wenn ich ihren Namen weiß, sonst erschiene ich ihnen doch gar zu fremd! lieber Alles gut gemacht, was Andre bös gemacht!
        Der alte Mann, ob gleich noch kräftig wie Moses, und Glanz auf Stirn und Antlitz, konnte vor Rührung kaum sehen, daß die Treppe keine Stufen hatte, und hob die Beine regelmäßig, bis er nur

 

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lächelte und sich freute, und wie ein Träumender an den gepolsterten Wanden hinauf schlich. Durch das große Krystallauge in der einen Thür sahen sie jetzt im Saale gleichsam ein Meer von kleinen, reinlichen, rothwangigen, fröhlichen Kindern. Das Weib dort, sprach Silvati, die eben vom Caroussel in der Mitte di« prachtvollen Muscheln abnimmt, und die schönen tropischen Vögel aussteckt, das ist Mistriß Grace — Ihres seligen Sohnes Witwe.
        Und nach einer Weile, als er sich satt gesehn, sprach der Alte: mein Weib!
        Aber durch das große Auge in dem andern Saal erblickten sie Mirza, die in der Mitte anderer Kinder wie eine Zauberin vor einem Stamme stand, der, wie sie ihn mit ihrem Stabe berührte, immer andere große Blumenbuchstaben hervortrieb, welche die Kinder mit Jauchzen nannten. Hier mußte Silvati hinein und der Greis ihm folgen. 
        Silvati nahte ihr, sie lächelte ihm zum Gruß. Sie horchte: daß ihr Großvater morgen kommen werde. Sie blickte hin. O mein Gott, da ist er ja! rief sie. Die Kinder verstummten und traten um den Greis, der Allen nur seine zwei Hände hinreichen konnte, statt hundert. Mirza aber zitterte, schwankte und flog in den Nebensaal zu ihrer Mutter. Nach einer Weile kamen sie Hand in Hand, und der Engelstrom der schönen Kinder sanft ihnen nach. Die beiden

 

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Frauen zerflossen in Thränen, weil sie allein den alten Vater wieder sahen, und nicht ihr Vater. Sie hielten ihn umschlungen, und in der Stille hörte man nur die kleinen Kinder weinen, die da so was Trauriges und Rührendes vor sich geschehen sahen.
        Endlich sprach Frau Grace: Vater! hier ist doch seine Tochter! Sie ist jetzt mehr der Geist des Vaters, als sie selbst! Und sie ist versorgt — sie ist eine Braut! und hier der gute Silvati ist unser Sohn. Und wie sich Thirza bei diesem Einwande, und wie er sie an sich drückte, sich gleichsam an ihm verbarg, segnete sie der alte Vater.
        Aber Niemand von ihnen sahe, daß Mirza aus dem Wagen heraufgekommen, still eingetreten, und jetzt gehört und gesehn. „Da verschwand ein Weib! ein blasses Weib!“ riefen die Kinder, und nur Silvati erkannte noch Mirza. Er zitterte und fühlte sich wie zerrissen in seiner Seele — für sie!
        Der alte vorsichtige Vater, der jetzt erst sah und erfuhr, daß die Seinigen nicht das Briefchen erhalten, welches er, um sie vorzubereiten auf seine Erscheinung, an sie voraus gesandt — da es eben jetzt erst der Bote abgab — bat wohlmeinend: Kinder! laßt mich nun gehen! Sprecht zur Mutter, ich komme morgen wieder, und ich komme gewiß! Sie muß alt sein und schwach!
        Frau Grace und Thirza baten ihn, sie doch nicht schon wieder

 

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zu verlassen! — nach dem Augenblick! Silvati rieth aber dem Vater, jetzt indeß in die Bank zu fahren, und seine acht und vierzig tausend Pfund von Ben-John zu holen. Der Alte war überrascht, und hörte das Nähere wohl an, aber er wollte nicht nach dem Gelde. Thirza rieth doch. Und während dieses Anstandes, als ob er jetzt blos nach dem Gelde nicht weggehen solle und zögerte — kam seine Frau aus dem Garten von den kleinen Kindern, selber ein kleines Kind auf dem Arme.
        Der alte Mann blieb mit äußerster Fassung ruhig stehen, weil seine Seele Kraft hatte, mit Mäßigung, ja mit Stille über diese erschütternde Scene zu kommen. Und so gab er ihrer und seiner Freude die fromme Weihe durch das Wort: „Ich danke dir, mein Gott!“ und er hob die Hände zum Himmel, und streckte sie ihr nicht entgegen. Dann stand er sie anlächelnd, die er jung und schön verlassen, und die von dem Laufe der Alles reifenden und vollendenden, ja tödtenden Sonne verwandelt, nun alt, aber auch mit dem alten schweren Herzen vor ihm stand. Sie aber war indeß ihm nur zwei Schritt näher getreten, hatte sich vorgebeugt, ihm nahe, ganz nahe in's Auge zu sehen. Sie lächelte auch, unaussprechlich. Ihr Kinn zitterte, ihre Augen starrten, sie setzte sich, immer den Blick auf ihn. Tochter und Enkelin knieeten zu ihr, der Greis hielt ihre Hand. Aber Silvati sahe wohl, daß sie nicht mehr athmete, daß ihr Gesicht sich zum letzten Male verwandelt. Und das kleine

 

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Mädchen, immer noch auf dem Arme der Großmutter, setzte wahrscheinlich die kurz vorher an sie gethanen Fragen fort und sprach: Großmutter! liebe Großmutter, nun kannst Du mir ja sagen! Du weißt schon! „Wie weit ist es denn in den Himmel? Sieht man dort den lieben Gott? — Großmutter!“ — Aber sie lächelte nur so fort.
        Und so blieb sie. Sie hatte genug gesehn von der Welt, ihr Herz hatte alle irdische Freude wieder — im Uebermaaß, und sie hatte es nicht ertragen. Das Kind fürchtete sich bei ihr, und verlangte fort. Seligo nahm es. Die Frauen erschraken. Hülfe war vergeblich.
        Und unter den stillgewordenen Kindern mit dem Kinde aus dem Arme wandelnd, sprach der Greis, sich zum Troste, zu ihm: Mein Kind! glaube mir, hier um uns ist auch der Himmel. Hier waltet der himmlische Vater auch. Du wirst ihn auch hier sehen, wenn Du wirst Augen haben —
        „Augen?“
aber näher kannst Du ihm nirgend kommen, als nahe, so nahe bis an seine Brust, wie Du mir jetzo ruhst mit Deinem Köpfchen. So wird die Großmutter ruhen, so ruht sie, an ihm, in ihm.
        Dann saß er still. Und lange nachher sagte er leise zu Silvati: Mußte ich wieder der Tod sein? Aber siehe, wir Aerzte sind es nicht allein. Menschen sind es den Menschen, Freude und Leid, und alle Werke Gottes. 

 

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Doch wann, o wann wirb solcher milde Sinn im menschlichen Geschlechte walten, daß Alles sanft verläuft auf Erden? Wann wird der Mensch so hoch und göttlich sich empfinden, daß seine Kraft ihm Ruhe gibt, daß er mit Mäßigung vielleicht mit Lächeln: Schrecken, Entzücken, jede That der Menschen, jedes Ereigniß der Erde überträgt! Ach, nur wann die Seele im Himmel wohnen wird, dann wird die Erde Erde sein! Aber siehe, mein Sohn! Was einst des Menschen Thränen stillen wird? Wir alle weinen nur sanft, so sanft, so süß um sie, weil sie ihr Leben richtig ausgelebt! Weil sie Alles ausgewartet auf der Erde! Weil Nichts ihr Neues kommen konnte, als der Tod! Die Menschen sollen nicht Menschen beweinen. Alt soll Ieder sterben und lebenssatt, wie Hiob. Stirbt der Mensch aber alt und zufrieden, dann sehen wir den Greis auch selber mit innerem Frieden dahinsinken — und wir weinen wohl, aber Thränen des Segens, wenn er in die Erde, den Augen verborgen wird. Wir empfinden dann heiligen Dank für den Himmel, der ihm gegönnt: sein Leben richtig auszuleben — das bedeutet die Thräne an unseren Augenwimpern! Und bedeutet sie noch Etwas, blinkt noch eine andere Farbe wie im Thau darin, so ist es die heimliche Sehnsucht: dasselbe schöne Menschenziel zu erreichen, und die nicht ungegründete Furcht: nicht gewiß, es auch zu erreichen. Aber da werden um junge aus dem Leben gerissene Todte ganz andere Thräncn geweint, von jungen hülflosen Gattinnen, von

 

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rosenwangigen Kindern, die der Vater kaum gelehrt zu essen, zu trinken und sich zu kleiden, aber noch nicht: das auch zu erwerben. Da werden andere Thranen geweint um schuldig dem Gesetz der Welt zum heiligen Opfer Gefallene — um Unschuldige, die durch Anderer Fehler und Verbrechen auf Schlachtfeldern und Hochgerichten begraben werden — Alle vor der Zeit dahin gegangen, oder dahin gesandt — aber zum Glück: in die Heimath! zum Vater! Von diesen Thranen erlöst nun der Arzt im Menschen die Menschen! Und die Todten werden mit Dank zum Segen begraben, zu ihrer Seligkeit und zu unserer — wie hier mein Weib. Ach, und doch ist nur Der wahrhaft selig, der den Sterblichen keinen Kummer hinterläßt. Denn wäre sie selbst auch vor Freude gestorben, wenn ein unsittlicher rachsüchtiger Wille — der Mensch Ben-John — ihre Freude nicht übermenschlich gespannt! Doch der Leibende ist der Unschuldige, und der Unschuldige immer der Glückliche Darum Frieden über ihr!
        Ihre Worte ergreifen! sagte Silvati, sie schneiden der Zeit Wunden aufs Blut! und Uns! ich will sie nicht vergessen. Vergessen Sie nur nicht vor Ablauf der Frist die Bank!
        Ihretwegen! Herr Sohn! lächelte Seligo. Ich will Sie in die Lebensversicherung aufnehmen! Aber daß es Ihnen einmal nicht zu schwer wird, umsonst zu curiren — will ich hin in die Bank, bis zum Johannistag.

 

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        Der ist morgen! erschrak Silvati unter dem Wort. Denn am Johannistage war sein Duell!
        Da kam Frau Mill herauf, und holte Silvati. Er schied darauf mit schwerem Herzen von Braut und Brautmutter. Die Großmutter reichte ihm keine Hand mehr! Aber im Wagen vermißte er Mirza wie Frau Mill sie droben schweigend vermißt. Sie fuhren noch einmal nach Hause. Alles zu. Sie fuhren nach Ben-Johns Hause. Alles zu! Wieder nach der Bewahrschule, wo Silvati vorgab: nur eine Kleinigkeit verloren zu haben! Aber sie fand sich nicht. Und so kam er erst Nachts nach dem Bade, das weit entgegen den Weg ihm erleuchtete: denn in dem Orte war Feuer, und auch das große Gasthaus am Meere brannte, worin er seine Mutter wiedersehen sollte.

 

 
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