Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 XV. Die Mutter ist gekommen.

 

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        Daß nun Mirza bei ihm war, erschien ihm ein schmerzliches Glück, unaussprechlich und rein, wenn sein Herz noch rein, seine Hand noch frei war! Und auch so war ihm himmlisch wohl, denn der Mensch fühlt sich dann erst ein Mensch, und besser und edler, als die ganze Natur um ihn, mit dem Himmel voll Gestirne, mit der Erde voll schöner Wesen, wenn das Geschöpf ihn liebt, das er liebt. Dann hat er seine Welt, sein Herz, sein Leben! Wenn er es früher an die Welt verlor, wenn er gleichsam in Gedanken in sie zerflossen, noch als ein Schatten umher, schwebt, so erhält er es jetzt zurück; es hat Kern, es schlägt Wurzel, und will aufwärts nach dem Himmel blühen. Ihn aber hatte sein Schicksal gleichsam in eine niedrige Kluft geworfen, in welcher er sich nicht aufrichten konnte. „O Mirza,“ sprach er zu sich selbst, „wärst Du nicht in der Natur,

 

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Du Allerschönste, der wärst Du nur nicht jetzt in meiner Jugend zugleich jung und schön, und liebtest Du mich nicht — wie leicht, wie froh wollt' ich mein Leben ruhig beglückt erdulden, der ich vor Dir, durch Dich nun muß verzagen! Doch auch — wärst Du nicht in dieser Welt, wärest Du nicht in meiner Jugend zugleich — wüßt' ich von solcher Schönheit zu sagen? Wonach sollte die sterbende Seele ringen? Ich hätte den Frühling nur in der Nacht gesehen, die Sonne nur während ihrer Verfinsterung, öd und schaurig! Ich hätte das Meisterstück der Welt, das Weib nicht gesehen — denn ich hätte Dich nicht gesehen! Denn nur der Liebende sieht das Weib in ihrer Göttlichkeit und Glorie! Die Lieblosen sind blind, sie sehen nur belebte Gebilde, nur Leiber, und ein ungeliebtes Weib ist keines, oder noch keines geworden, denn die Liebe erweckt sie erst, und schafft und schmückt sie, wie die Sonne den Rosenbaum mit tausend Rosen! Drum war es doch besser: ich sahe Dich! Und das Göttlichste ist und war mir ja immer: durch Dich vergehen!“
         Und so vermocht' er es nicht vor Eifersucht, sie zu verstoßen, sie — ihre holde Gestalt — einem Andern zu gönnen, ja nur sie erblicken zu lassen. Wie ein Geheimniß wollte er sie behalten; er wollte sie fortlieben durch schweigendes Wohlthun, sie frisch erhalten durch seine immerfreundliche Gegenwart,

 

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sie sollte ihn lieben, um ein Weib zu sein; wenn ein liebendes und selber geliebtes Weib — ohne Mann, noch oder schon ein Weib ist; denn gehören wollte er Thirza Seligo. Sie war sein, ja er war ihr, aus, Schuld, aus Pflicht, aus Achtung, Bewunderung, Wehmuth, ja aus Stolz ein Mann zu sein, und aus Trotz: sein gesprochenes Wort zu erfüllen, aus geheimem Wunsche reich durch sie und mit ihr zu sein, um seiner Kunst in lebendigem Stoff zu entsagen, deren Ausübung ihn schon so elend gemacht. Jene Worte des alten Seligo: „seinen Muth zu bewahren aus Liebe zur Menschheit“ surrten ihm kraftlos im Haupte, und er pries alle jene Künstler glücklich, die, in leblosem Stoffe waltend, nie ein Unglück stiften können, nur herzinnige Freude erregen, nur Dank und Ehre verdienen, und mit unbeladenem Gewissen rein und begnügt aus. der Welt gehen! Und darum hieß er sie wahre Künstler. In lebendigem Stoff sei nur Einer Künstler und Meister, Restaurateur und Retoucheur— der himmlische Vater! Und diesem empfahl er auch sich zur Wiederherstellung und Ausrichtung; denn er log vor ihm wie ein zerbrochener und zerstückter Chiron, aber elender, denn er wußte — wie ihm geschehn, nicht, sondern wie er gethan!
        Sein neuer Entschluß, der unmenschlichen oder übermenschlichen, blos göttlichen Kunst zu entsagen, höchstens blos reiche Leute zu curiren, die, wenn sie ja starben, den Ihrigen noch genug hinterließen, oder nur mit, der höchsten Vorsicht und

 

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Vorbauung zu Werke zu gehen, dieser Entschluß riß ihn aber allmähllg in eine vollständige Tragödie, welche das Schicksal ihm durch, ihn angelegt. Eine Lebensart, wählen, heißt die Maske irgend eines Gottes, ja oft die eines Thieres vornehmen, die aber dem Menschen mit dem Leibe zusammenwächst, so, daß er nachher, nicht mehr aus dem geplagten Thiere, dem Satyr, dem Hyperion, dem Vulkan, oder Mars nach Belieben, herausfahren kann; und eine neue, glücklichere Lebensart, wählen, dazu ist das Carneval des Lebens zu, kurz, das Festspiel in dem Argentina-Theater der Erde, zu gedrängt; er geht hinweg, um. sich anders anzuziehen — und es ist aus!
        Thirza Seligo sogleich zum Weibe zu nehmen, erlaubte ihre Betrübniß nicht, die zu solchen Freuden nicht paßte, über welche der Mensch und das Weib alles vergißt, und vergessen — und ein neues aus sich gegründetes Leben anfangen soll. Thirza Seligo aber trauerte selbst, mit dem rothen Bande auf dem Hute, zu arm, um ein schwarzes zu kaufen, ja zu tief betrübt, um zu merken, was sie trage. Und so war ihm diese Verzögerung lieb, während welcher er im Stande war, durch Lady Witt-William, ihrer Mutter, eine Bewahrschule kleiner Kinder in Westmünster zu verschaffen; denn der wahrhaft Betrübten Wunsch ist: Gutes zu thun, und andere Menschen solch Leid zu ersparen, wie sie es empfinden. Und so waren die drei Frauen indessen wohl versorgt, und hatten, mit. ihren drei hundert kleinen rosigen Engeln vollauf zu thun.

 

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Myladi, als Vorsteherin, hatte ihm diesen Gefallen heimlich, und zum Danke gethan. Denn ihr Gemahl hatte aus Verdruß über ihre Schein-Cur, den ganzen Vorgang mit Nennung des Namens ihres Doctors — Silvati — in die Lanzette setzen lassen, was ihn zum Gespött machte. Dagegen war nichts zu thun. Aber zu seiner anderweitigen Legitimation verklagte er, den Engelsapotheker, durch welchen Seligo der Sohn geopfert worden. Dieser wieß die Verwechselung des Giftes mit Silvari's Medicin im Gedränge des Abends nach; und obgleich auch Derjenige gestorben, welcher zum äußern Gebrauche das Gift nicht erhalten, so ward dennoch der Apotheker nur zu drei Kronen oder vier Thaler Preußisch Ordnungsstrafe verurtheilt, „weil Irren menschlich sei.“ Der Apotheker wollte aber nicht einmal seinen Provisor verabschieden, weil er Silvati sagte: sonst immer gute, brauchbare Menschen muß man eines Fehlers willen grade behalten, nicht wegjagen, denn sonst erndten Andre, nicht wir, den Nutzen davon: daß sie sich doppelt hüten, einen neuen Fehler zu begehen, und den Eifer: den alten gut zu machen. Silvati war darüber empört, bediente sich der äußersten Ausdrücke, und der sehr brave Engelsapotheker, Herr Schimmelpennig, ein sehr corpulenter Mann, forderte ihn, und gleichfalls auf den Johannistag, auf welchen Herr Schimmelpennig selbst schon von, einem Doctor Hetzer gefordert war, welchen er als Apotheker und Vertreter des Volkes im Lanzenkriege bis auf das Leben verwundet hatte.

 

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Und so stand nun auch dieser Vorfall in der Lanzette. Nicht weniger aber das ganze Protocoll von Sir Ned's Schlosse, und daß Silvati so klar für die Gebetkur gestimmt. Seine Nachforschungen nach dem alten Dr. Seligo regten auch diesen Fall auf; und so bekam er öffentlich zu lesen „daß ein Arzt so genau wie ein Beichtvater nicht nur den Kranken, sondern auch di« Krankheit, wie Alles was er im Hause sehe und höre, verschweigen müsse.“ Ja die Maske mit weißer Nase auf seiner Kutsche brachte ihm jetzt einen Beinamen zu. Was er in öffentlichem und völligem Mißcredit, der durch die stillen Posaunen — die Zeitungen — in wenigen Tagen wohlbegründet worden, nun noch bei wenigen Fremden verdiente, wandte er heimlich Thirza, ihrer Mutter und Großmutter zu, so daß auch Frau Mill mit ihm nicht zufrieden war, welcher die stille, sanfte, immer blässere Mirza im Hause leid that.
        Es kommt kein Mensch! barmte Frau Mill jetzt wieder des Morgens am Fenster; kein Mensch kommt, als wenn, schauderhaft zu sagen, ganz London gesund wäre, was Gott ewig verhüte in seiner Barmherzigkeit! Aber er ist immer der gute alte Vater, der für alle seine Gewürme sorgt, denn ich habe in dieser Frühstunde schon dreißig Wagen mit Morgenopfern oder dem täglichen Frühstück an den Mexikaner Vitzli-putzli, das heißt: den Tod gezahlt — lauter gewiß Curirte, gewiß, gewiß, aber nicht von Uns,

 

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nicht von Mydoctor Silvati. un sind Sie der Kronprinz, der, zur Regierung gekommen! fuhr sie fort, der erkannte Kronprinz! Denn wenn dessen erste Machtthat auch nur ist, einen, Orden zu vertheilen, oder ertheilen, oder einen alten verdienten Minister abzusetzen, der seinem, Vater — als seinem damaligen Herrn, und nicht ihm schon, ganz treu ergeben gewesen, so fällt dem Volke der Muth bis in die Schuhe — wie bei dem Doctor, der dem Tode sein Compliment abgestattet, und vor dem Hause des Apothekers das Lied hat singen lassen: Vor dem Tod' kein Kraut gewachsen ist! und nach dem Tode wächst auch keins, als für uns doch noch etwa Schierling — oder bloßes Zugemüse. Mydoctor ist praktisch, und ich bin eine alte geschlagne Person! total!
        Silvati sahe das selbst. London war ihm verleidet. Er beschloß, in das Bad zu gehen, wo im Sommer über wenigstens wieder siebenzig tausend Badegäste zu erwarten standen.. Da wollte er sein Heil versuchen, noch so viel zu erwerben, daß er, bei schuldiger Mäßigkeit und Einschränkung, nichts mehr zu verdienen brauche durch anderleuts Leben. Aber dazu mußte er nothwendig seinen, Namen, wechseln. Er schrieb einige Versetzungen desselben gedankenvoll auf das Papier vor sich hin, als: Salviti, Siltiva, Lastivi, Stavili, Vastili, Livasti, Valsiti, Valtisi, Tavilis, Valitis — bis ihm Sitival gefiel; Doctor Sitival! So wollte er heißen, und so hieß er denn nun im Bade.

 

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        Seine Mutter war gekommen, auch seine Halb-Schwester, Silvia, und mit ihr der Bruder der Lady Cynthia, Sir Godolphin, der eher nach Canada gegangen, als sich Sir Ned, den er gar nicht kannte, mit dieser verheirathet.
        Der nunmehr Dr. Sitival gefirmelte Dr. Silvati wohnte mit seiner Mutter und Schwester nun, ohne es zu wissen, in demselben ungeheuer großen Gast-Hause, einer wahren kleinen Gast-Stadt „zur Stadt London.“ Seine Fenster hatten die Aussicht auf die See, und wenn er über die Schiffe hinaus in das Meer, oder in den Himmel sah, die in unverwüstlicher Gesundheit und Leben athmender Frische ihm in die Seele lachten, fiel ihm aller Muth, nur ein Arzt zu heißen. Daß es je Menschen gegeben, die krank gewesen, schien ihm ein Mährchen! ein Räthsel! oder in dieser vollkommenen Natur, wo selbst der Thautropfen ein Meisterstück ist, wo das Veilchen sich selber zur Welt bringt, und ohne Mutter gedeihet und lebt, schien es ihm der vernünftigen Menschen eigene Schuld, wenn nur ein Kind seinen Fuß an einen Stein stoße. Doch da sie fast alle durch ihre Leidenschaften anstoßen an die Gesetze der Welt, wie die Käfer im Mondenschein an die Zäune stiegen, daß sie zur Erde fallen und stumm sind, — sprach er — gib mir nur so viel durch ihre Fehler, daß ich nicht mehr davon leben darf, wie die Menschen alle, wo immer die Hälfte von Hunger und Durst, von Frost und Hitze, von Liebe und Haß der anderen Hälfte lebt! 

 

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So muß sich der in den Leib gebannte Geist in die große Tratmühle der Erde verdingen! so sich erniedrigen! Mich aber erlöse, Natur, vom Tratrade der Menschen. Oder ist das in dem England der Erbe nicht möglich, so deportire mich lieber in eine deiner wüsten Inseln im Aetherocean, in dein Neu-Himmelsland!
        Er hatte kaum ausgebetet, als der Aufwärter in sein Zimmer trat.
        Sie haben mir Auftrag gegeben, Herr Doctor Sitival, Ihre Charte in die Fremdenzimmer zu legen; und so begehrt denn eine Dame nach Ihnen, die gestern dort mit dem Schiffe gekommen; vielmehr verlangte Sie die Tochter derselben, denn ihre Mutter ist krank. Diese Tochter aber scheint eine Braut, denn der junge Mann, der sie begleitet, wohnt noch im Zimmer daneben. Wahrscheinlich sind sie über See mit einander bekannt worden. Bemühen Sie sich also gefälligst in das Zimmer Nr. 108, da hinüber!
Er ging, von dem Wärter begleitet, und als Dr. Sitival gemeldet. Bei seinem Eintritt erfolgte eine Weile Stille. Endlich hielt ihm die sitzende Dame die Hand hin. Er erkannte seine Mutter nicht, die er als Kind schon vergessen. Seine Schwester war ihm unbekannt, da sie eines andern Mannes, als seines Vaters Tochter war. Selbst daß der Wärter die Dame ihm Mistreß Mayolini genannt, wie ihr zweiter nun auch gestorbener Mann geheißen, konnte ihm keinen Aufschluß geben.

 

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Und wenn es menschlich gewesen wäre und nicht barbarisch, geschweige göttlich, so hätte es scheinen können: nicht die Fürsehung, sondern die bloße kalte Vorhersehung wolle hier der Mutter für ihr Unrecht am Vater durch seinen Sohn vergelten lassen. Denn auch die Mutter erkannte ihren ohne sie fern großgewachsenen Sohn nicht, den sie bei der Scheidung von ihrem ersten Manne als kleines Kind seinem Vater gelassen; und wenn er auch nicht seinen Namen verändert, wußte sie denn, daß er ein Arzt geworden? daß er nun hier in der Seestadt lebe, und vor ihr stehe?
        Ihr Sohn aber erklärte ihren Zustand nur für leicht katarrhalisch. Die Mutter aber sagte ihm bang, um ihr Leben besorgt: mein Mann ist todt; und hauptsächlich meines einzigen Sohnes wegen, der in London noch leben soll, bin ich herüber gekommen; die Jugend verschwendet ihre Neigungen — das Alter erspart dagegen oft Worte. Ach, ich habe ihn lange, lange Jahre nicht gesehen! Als ich von ihm schied, erreichte er kaum meine Hand — ach, die ich ihm damals versagte! Aber in den langen Jahren habe ich lange Gedanken gehabt, und ich weiß nicht, es wird erst, wie im Ey, ein kleiner Punkt in unserem Herzen warm und rege, ich mochte auch sagen hell, und dann immer größer und reger und heller, bis gleichlam die geheime Wahrheit ans allen unseren früheren Lebensverhältnissen in uns Frauen lebendig

 

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geworden, und Tag und Nacht uns im Herzen pickt — im Mutterherzen, lieber Doctor! Und so habe ich meinem Sohne gespart; und was ich gespart und geerbt und redlich zuvor hier mit meiner Tochter Silvia getheilt, das bring' ich nun dem entbehrten wie verstoßenen Sohne; denn eine Mutter verstößt, wen sie verläßt! Nun will ich Den wieder erwerben, dem ich mich wieder nahe; und so soll mit das Gold im voraus die Gunst und Neigung des Sohnes erkaufen, wenn er einen Blick darauf thut, denn ich will nun bei ihm bleiben! Die Tochter ist versorgt und versprochen mit Herr Godolphin; will mich der Sohn aber nicht, so zieh' ich zu meinem Bruder auf sein Schloß. Einen Bruder kann man ja nicht verlassen, auch wenn man fortzieht. Doch was red' ich! Sie werden bestätigt finden, daß ich meinen Sohn nicht wiedersehen werde! Und das Geld — weil es von mir ist — wird nicht in seine Hände kommen. Aber das ist mir schon Recht! Ich gestehe selbst, ich bin schwer zu heilen, weil ich innerlich leide; darum thun Sie mir leid, lieber Doctor!
        Mutter! sprach Miß Silvia. Der Herr Doctor sagen ja, Ihre Krankheit sei unbedeutend, und leicht gehoben, und er will ganz sicher gehen!
        Die Schwester blickte ihm dabei mit schmelzenden Augen und wehmüthigen Bitten der Seele an.
        Also sicher wollte er gehen. Er bedauerte das arme Weib, das so gut schien; er beneidete den Sohn, an welchen so eben, durch

 

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den Commissionair der Lady, der Brief nach London ging, um sich die Erbschaft bei Lebenszeit zu holen. Mich erhöben die Paar grünen Säckchen aller Curen, auch dieser; sprach er bei sich. Die Dame war reich, zehn Besuche betrugen zehnmal mehr als einer. Die Natur hätte ihren Zustand vielleicht in drei Tagen von selbst gehoben; sie baten aber, sie drängten, und so hoffte er ihn — durch die Kunst ergriffen und geleitet — sicher und gewiß in drei Wochen zu heben! Auch die Stimmung der Dame war zu erwägen, und so verordnete er einen Aderlaß am Arm, ja er wollte der Mühe sich selbst unterziehen — denn Mirza hatte kaum Brod zu Hause — und übermorgen zu Nacht sollte die Dame dann nur einige Tassen Fliederthee trinken. Er hatte inne gehalten, ehe er das ausgesprochen; aber beide Mittel schienen nicht nur vor allen Facultäten, sondern vor jedem Gericht selbst dem Jüngsten zu verantworten.
        Und so ließ er der Mutter am Arme zur Ader; er ließ sie dazu husten, auch reden; er gab ihr einen langen leichten Stock in die Hand; und das gute Weib drehte mit ihren Fingern langsam den Stock, hatte Freude über das fließende Blut, sahe ihre Tochter freundlich und froh an, und sprach: nun hoff ich, meinen Sohn wieder zu sehn! Wie wird er sich freuen! über die Mutter und über Dich. Eine Mutter bleibt immer die Mutter, das heißt das beste Weib auf Gottes Erden. Und wie wirst Du dich freuen über einen Bruder!

 

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Davon hast du, armes Kind, gar keinen Begriff, keinen Gedanken und kein Gefühl. Freilich hast Du das durch mich entbehrt; es verflacht sich aber auch leicht und oft bei vielen gemeinen Schwestern, und denk' ich mir, habe ich Dir nicht alle Tage einen Tag Deines Bruders — wie eine Guinee — gegeben, so erhältst Du den Bruder nun wie eine ganze Erbschaft Guineen, gleich groß, gebildet, vernünftig liebend, kurz einen gemachten Mann, einen ganz vollständigen, in der Welt gar brauchbaren Bruder! Bist Du mit ihm, statt eines kleinen Bruders zufrieden, der dir ja doch auch aus den Händen gewachsen wäre, meine Silvia? Ich bitte Dich, sprich Ja!
        Und die Tochter sprach lächelnd und zärtlich, Ja!
        Und wirst Du seine liebe Schwester fein? Ich bitte Dich, sprich Ja!
        Und vor Zärtlichkeit und Wehmuth ganz leise lispelnd, und die Mutter küssend, sprach die gute Tochter ja, ja, ja! Wenn er mich nur lieb hat!
        Sitival war sehr gerührt von allem Diesen, und drückte dem guten Mädchen die Hand, die sie ihm wieder drückte und schelmisch schüttelte, als sei er schon der Bruder.
        Silvia's Bräutigam, der Bruder der Lady Cynthia frug ihn noch, als er Alles geschickt vollendet, wovor sich die Kranke hüten solle?

 

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was hinzutreten könne? worauf Acht zu haben sei? — und er erwiderte fast scherzend: zum Beweise meiner beruhigenden Aeußerungen will ich nicht wieder kommen! Denn wo die Doctoren alle Tage, oder des Tages schon zweimal kommen, da ist gewiß auf Einem der beiden Theile — Noth! Und so ward er denn reichlich beschenkt entlassen.
Kapitel_16

 

 
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