Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 XIV. Überraschungen.

 

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        Der Mohr schwieg lange, zornig, drohend, murmelnd, und machte Pläne, oder führte den alten Plan ingrimmig weiter. Endlich sagte er schnell zu Silvati: der Sherif hat Ihnen nicht undeutlich seine Tochter angeboten, wenn Sie dieselbe gesund oder nur krank bis zum Mar bringen können; nun? wie? —
        So viele täglich am Altare vorüber gehn, so gelangen nicht Alle dahin! entgegnete Silvati; Alceste kaum, und ich nicht. — und um sein Inneres nicht zu verrathen, sahe er nieder.
        In Umanak sind die Weiber — Geld! meinte der Mohr lächelnd.
        Wo ist das? —
Umanak ist überall! Das Geld steigt und fällt dort im Preise, es cursirt sogar — als Weiber; ein Geldkasten ist ein Harem oder essendes Capital, voll sogenannter Hexen-Thaler; ein Reicher, ein Sultan.

 

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Die Schönste ist eine Guinee, die man um ein und zwanzig Schillinge einwechseln kann, oder auswechseln. Er zahlte gewiß ein großes Jahrgeld an den verwitweten Bräutigam! Geben Sie ihm nur Hoffnung, so glaubt er schon, sie lebt.
        Wie sie lebt — stirbt er!
        Sie meinen: wenn sie stirbt, lebt er? frug noch der Mohr und schwieg in sich versinkend.
        Silvati trieb aber, zu Thirza's Vater zu kommen. Er fühlte die Gluth und Ungeduld in den Adern, die einen Kunstliebhaber kein Auge zuthun läßt, der gestern mit Andern ein kostbares Gemälde eines großen Meisters, das unerkannt bei einem Antiquar aussteht, gesehn und um wenige Groschen kaufen kann; nun weiß er, daß es ächt, daß es ein Schatz sei; früh um sechs Uhr, wenn der Laden geöffnet wird, kann ein Freund ihm schon den Engel wegkaufen, und früh um fünf Uhr pocht er schon an der Thür, weil er vorgiebt, verreisen zu müssen, und halb im Schlafe langt ihm der Mann das kostbare Bild heraus; er besieht es — es ist ein anderes. Hi, sagt der Mann, das andre ist gestern noch spät um achtzehn Groschen weggegangen, ich profitirte zehn! — Aus bloßer Einbildung von solchem Verdruß eines Kunstliebhabers, wäre Silvati jetzt lieber geflogen. Wenn er dem alten Dr. Seligo entdeckt, daß er auf Sicht und sein Gesicht vierzig tausend Pfund reich wird, sollte seine baldige Erbin nicht erben? — „Umanaker!“ tadelte er sich selbst;

 

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hast Du nicht Thirza, Thirza obendarein, und Thirza Dich? Ach, Jene — als sie reich war, gehorte sie Ben-John; nun sie arm ist — „ist sie fort“ — wollte er sagen, aber der innere Ironist sprach statt dessen zu ihm: „ist er todt,!“ Und damit hatte er stechend gesagt, daß die Unterlassungssünde — „Mord“ sprach der Ironist — vergeblich von ihm begangen worden, um Sie zu erhalten, als er sie scheinbar verstieß. Er seufzte ihr nach, die vielleicht schon das Schiff betreten, daß sie in die Heimath flüchten sollte. Er mochte nichts denken. „Vergessen!“ meinte der Ironist; in Mirza's Armen vergessen, in Gold und Freuden!“ Aber die Thränen standen ihm hinter den Augen; sie fuhren sausend; er sahe den Schwarzen neben sich an, als ob er ihn entführe, und dachte: wer dieser Schwarze sein könne „oder solle!“ schloß der Ironist.
        Der Wagen hielt vor Seligo's Thür. Der Mohr frug Silvati, wer hier sein Kunde sei? — Dr. Seligo! war die Antwort. — Aha, sagte der Mohr, das ist der unpartheiische Doctor, der sein eigenes Kind nicht verschont hat! — sagten die Aerzte.
        Auf Wiedersehn am Johannistag! entgegnete Silvati entrüstet und rachevoll. Der Mohr drückte ihm freundlich die Hand, und versprach ihm, mit Dank seinen nasenweisen Wagen wieder heraus zu schicken.
        Silvati trat ein. Aber er fand das Zimmer Seligo's verschlossen.

 

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Aus dem kleinen Kämmerchen rechts gegenüber aber trat ihm sein Weib, Frau Grace, entgegen, und sagte ihm leise, mit freundlich warnender Bewegung der Hand, als wolle sie einen nur leicht Schlummernden nicht stören oder gestört sehn: der Vater ist nun bei seiner kleinen Tochter!
         Silvati verstand schon aus ihren Worten, ganz klar aber aus ihrem klaren ruhevollen und tiefbefriedigten Antlitz, daß er gestorben, und sagte bestürzt: Ich begreife das nicht! Diese Schnelligkeit! Schon! Es ist unmöglich.
        Die Mutter aber lächelte und meinte, ihn mißverstehend: die Reise ist schnell! Der Himmel überall! Heute wirst Du mit mir im Paradiese sein, sprach — — 
        Sie konnte nicht vollenden, denn Wehmuth löste sie auf, wie Thauwind, der vom Himmel stürzt. Und so stand sie vor ihm ganz in der Gestalt ihrer Tochter Thirza, nur ohne die Frische und Fülle; selbst Thirza's Gesicht war das ihre, nur daß der himmlische Regisseur des Erdentheaters für ihre jetzige Rolle es ihr alter und blässer geschminkt; indeß doch im Auge die Glut geblieben; in dem gesenkten Haupte der eifrige Geist voll Liebe und Treue, voll reiner großer Gefühle, so' daß sie nicht ein Weib war, das litt, sondern ein Gebild aus einer unendlich fernen Welt, die Tochter aus einem überschwenglich reichen sichern Hause, wohin sie immer zum Vater heimkehren könne, wenn sie nicht mehr aus Liebe leiden wolle. Silvati legte im Geist sich drinnen an die kalte Stelle des armen und so geliebten Mannes,

 

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und dachte: wenn Thirza, dein Weib, so weinte — um dich! Und Thirza war still vor ihn hlngetreten, und weinte leis, und um sie, die der Schmerz zum Engel verklarte. Das ist eine Blasphemie, daß der Tod der Natur Schande macht, und Sterben dem Menschen; wie viele Verklärungen mahlt nicht die Natur täglich, sondern führt sie lebendig aus in ihrem wunderbaren Reiche, das nur Lieblose wunderlich nennen!“ dachte er.
        Beide führten ihn schweigend hinein. Die Großmutter blieb ruhig im Großvaterstuhle sitzen, und nur ihre Augenlider grüßten ihn sanft. Und so gewiß und leibhaftig sie vor ihm saß, so gewiß war ihre Seele weit, weit entfernt und abwesend, und der Leib nur ihr Schatten, der wie von einem droben ruhig schwebenden Falken still bei den Ihren auf Erden zu sehn war. Thirza knieete zu ihr hin; ihr Nahen und Anblicken, Silvati's Erscheinung erweckte sie nach und nach, aber bang, denn sie mochte des alten Seligo, ihres Mannes, gedacht haben. Kommt er nun vielleicht auch wieder, so ist doch meine größte Freude dahin, weil er den Sohn ja nun doch nicht mehr findet! klagte sie. Käme der Vater nun nur nicht gar diese Tage! Ja ich muß nun wünschen, daß er vorausgegangen, und mein Sohn nun ihn lieber findet!
        Thirza sahe Silvati an, und bewegte verneinend, zum stillen Zeichen, den Kopf; daher durfte, er jetzt der armen Großmutter nichts sagen, denn er hätte nur ihren Schmerz vergrößert;

 

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der Trost wäre Strafe gewesen; er verschwieg also, daß er gleich heute noch nach dem alten Seligo forschen werde.
        Der eben Gestorbene, in dessen Studierkämmerchen er sich befand, hatte nur drei Bücher hinterlassen, deren eins Silvati gedankenvoll aufgeschlagen. Es war den Gründern der neuen Universitat gewidmet, und enthielt die Beweise zur Stiftung einer Professur der medicinischen Enthaltsamkeit. Es wies ausführlich und genau nach, wie viele tausend Kranke ohne Medicin gelebt, und wie viel Millionen mit Medicin gestorben; so daß die Sache in sechs tausend Jahren einmal einer allgemeinen Untersuchung, und gründlicher Tabellen werth sei; indem ja die bloßen Nachweise über die Verfassung des Armenwesens blos hundert und funfzig tausend Guineen zu drucken gekostet. In dem zweiten Manuskripte lag sein Anhaltungsschreiben: Professor der medicinischen Gefahr zu werden, um zu lehren, was der Arzt in gewissen Fällen, oder in allen, nicht thun und nicht geben soll. Das sei die erste und beste Professur! — Und sonderbar, gleich im ersten Beweis-Falle hatte Seligo seine eigene Krankheit geschildert und dem Papier anvertraut, wie Ibykus die Kraniche sich zu Rächern angerufen; denn Silvati sahe, daß er ihm grade das Gefährliche, das Tödtliche in seinem Recepte verordnet, und nun fiel es ihm selbst bei.
        Er sank mit dem Gesicht auf die Blätter, der Himmel brach über ihn ein, und lange nachher erst konnte er weinen und weinte von Herzen.

 

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Er wollte sich schnell entfernen. Aber so wollten die guten Frauen ihn nicht gehen lassen; sie dankten ihm herzlich für alle seine Güte, seine Hülfe und Treue, ja gerührt dankten sie ihm für sein Mitleid, für seine Thränen.
        Er war außer sich, er klagte und stammelte aus angstvoller Brust: es habe hier ein Versehn, ein Verhängniß gewaltet, und bedauerte die Verlassenen tief und beinahe zärtlich.
        Beruhigen Sie sich, sprach Frau Grace, wir haben den Trost: er starb als Mann! und was ein Anderer gern und gelassen thut, darüber dürfen ja wir nicht verzweifeln!
        Aber ich! dachte Silvati.
        Und ihn tröstend, fuhr sie fort: das Wirken bei Leidenden, die Genesungen, die Todesfälle, machen den Arzt eisern und fest in dauernd hoher und reiner Ansicht des menschlichen Lebens. Wie können ihn Säcke Goldes reizen — und es gibt nur Einen Dr. Tracy — die er so oft von den nackend dahinfahrenden vergebens umarmt sieht! Orden — die der Kranke abthut, oder abgethan, wenn er sich hinlegt, daß sie ihn nicht drücken, Und die Er die Erben zurücksenden sieht; schöne Frauen — die er so oft beweint daliegen sieht, häßlicher durch ihre Sünden und deren Folgen als die alteste Frau; Kinder — die nur wie aus Wasser zu Gestalten gefroren, zerfließen im Krankenbette, und dahin sind! Gebete sogar — die die Sünder nicht beruhigen.

 

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Wie kann ihn das Alles rühren! Aber wohl: ein redliches Leben! Denn der Redliche fürchtet allein den Tod nicht, und alle Andern sind furchtsam zu sterben, furchtsam vor dem Tode, furchtsam vor Gott, oder dem Teufel, oder voll Angst die Welt zu verlassen. Dem Redlichen war sie nur ein Ort zu wirken, sein Leben eine Zeit dazu, und die schlechteste Zeit, die bösesten Menschen die arge Welt — die allerwillkommenste, da er sie in Jahrtausenden später vielleicht nicht mehr so segensreich gefunden. Und er, der Redliche, würde länger redlich sein, wenn er lebte. Das weiß und fühlt er; ,und wie Gott will, lebt oder stirbt er, ruhig, ja muthig und freudig, denn Er allein darf hoffen: größere Kraft, schöneren Wirkungskreis, glücklicheres Gelingen zu seinem alten, uralten, guten Willen zu empfangen. Und das wird mein Seligo! ja ich würde mich nicht wundern, wenn er mir in seiner Gestalt als fruchtbare Sommerwolke erschiene, oder als belebende Sonne aufginge, und sie zu mir hernieder lächelte mit seinem Gesicht! Denn milder, liebender kann sie nicht sein, nur daß sie größer, sicherer ist am Himmel — wenn auch noch das! Denn so war er, und lebte er schon als Mensch mit zwei leeren Händen, in Noch und Kummer; ja er sprach oft selber: die Sonne da oben zu sein und hernieder zu lächeln ist keine Kunst, aber ein Mensch sein und hinauf zu lächeln — das! und ich weiß, es ist auch heut' der Sonne ein Kinderspiel zu lächeln, gegen sein Lächeln wie er da liegt; und ihr Untergang eine Freude gegen sein Untergehn;

 

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— aber ihre sanften Purpurwolken, ihr goldenes Beit kann ihr nicht so weich, so leicht sein, als ihm die Erde! 
        Silvati hielt diese seligen Worte kaum mehr aus; er knirschte mit den Zähnen, und ihn fror, daß er schauderte.
        Du sprichst Wunderbares, liebe Mutter, sagte Thirza, die ihres Silvati schmerzliche Angst sah; sprich doch die Wahrheit! sage: er ist vor Schreck gestorben, als Mann und Vater! Er hatte sich abgedarbt, er ging in seinem schlechten Rocke jahrelang, damit er nur den Beitrag an die Lebensversicherung richtig bezahlen konnte, wenn die Zeit kam. Und nun — nun!
        Sie konnte nicht weiter — Silvati trösten.
        Nun, sagte die Mutter, nun ist er vor Schreck gestorben, weil die Police oder Versicherung auf sieben Jahr schon vor acht Tagen abgelaufen war, und wir, seine Erben nun, was man sagt keine lachenden, sondern weinende Erben sind, die aber nicht sich, auch nicht als Bettler beweinen, sondern ihn, der durch Krankheit: Gedächtniß, Fassung und Muth verloren! Denn wie nahm er so gern die Medicin noch kurz zuvor eh' er das unselige Papier verlangte, ob er gleich sagte: „Der Trank ist Gift! ich will Dir es nur sagen!“ — Und doch nahm er ihn schnell. Aber auch wenn die Medicin Gift gewesen — er hat keins genommen, er nicht, nur der irre Wahn, die vermeinte Liebe!

 

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Sie hatte sich aber durch diese Worte selbst so bewegt und gerührt, daß sie das Kämmerchen verließ. Thirza, die viel gewacht, hatte sich sanft an die Großmutter gelehnt, die Augen geschlossen, und lächelte jetzt so rasch entschlafen, wie ein müdes Kind zu Nacht. Mit ihrer Hand hielt sie die Hand ihrer Großmutter und in die Tiefe des Schlummers sinkend, schien sie sich wohlgcsichert an ihrer Hand wie an Tag, Schmerz, Welt, Güte und Liebe noch festzuhalten.
        Silvati saß nun lange still, und seine Augen ruhten auf ihr. Und so rang sich ein Entschluß in ihm los. Wer einen Freund, eine Frau haben will, bedachte er, ächt und wohlthätig, lieb und wohlthuend, wer einen solchen Gewinn schon immer im Voraus als eine stärkere Leibrente gezahlt haben will, der muß dafür freudig und gern das ganze Capital seines Lebens einsetzen! Und so sprach er leise zu der alten würdigen Frau: Ihr habt nun Niemanden — nehmt mich zu Euerer Stütze! Ich bin schuldig, Alles zu thun, zu leid . . . .
         Schuldig? — entgegnete sie; aber wenn meine Tochter eine Bewahrschule kleiner Kinder bekommen könnte, das wäre ein Glück für ihr Herz. Sie haben vielleicht Verbindungen mit Einer der hohen Vorsteherinnen. Dann wäre uns Allen auf immer geholfen!
        Ihnen Allen? auf immer? frug Silvati, und sein Blick ruhte auf Thirza.

 

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        Auch ihr indessen, bis . . . .
        Wenn es in dieser Stunde Zeit wäre, an Andres zu denken, so dürfte ich sagen, daß dieses Indeß ganz überflüssig, und mir eine unnöthige Ewigkeit wäre, sprach Silvati, entschlossen, allen Ersatz zu leisten, den er auf die willkommenste Weise nur leisten könne, und in die Nacht der Trauer die Morgenröthe der Hoffnung fallen zu lassen. Und so fuhr er durch seinen guten Willen getroster fort: Der Mensch muß nicht glauben und wünschen, etwas Gutes ohne und über, ja außer seiner Pflicht zu thun — er muß es bescheiden zu seiner Pflicht machen, damit es zu nichts wird, als zu unserer Natur, ja zu unserem Dasein, und ich hätte dann bloße heilige Pflicht und unbezahlbare Schuld durch . . . .
        Thirza? sprach die Großmutter für ihn aus, sahe ihn lange an, und seinen Drang aus innerstem Herzen im Laute seiner Worte, in jedem Zuge seines Gesichtes und in den fruchtglänzenden Augen so deutlich und klar erkennend, harrte sie, daß er weiter, zu Ende rede. Da er aber fortschwieg im Gefühl der Unschicklichkeit und des unzarten Dranges, sagte die verständige Frau: Sie schweigen, weil die Stunde eine ernste ist, die dem Himmel gehört! Warum? denn wehe dem, der im Leichtsinn, im Taumel der Lust über sein und Anderer Leben bestimmt! So wird er nicht immer gestimmt sein, und alles Ernste, Kindliche und Herzliche, geschweige das Bittre des, Lebens wird künftig nicht in seine ersten Entschlüsse passen

 

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und ihm nur Reue oder Unzufriedenheit bringen. Das Leben im Ganzen und Großen ist heilig und ernst, mein Sohn, nur das Einzelne ist lustig, eng, klein, schlecht und erbärmlich. Den Entschluß aber, der aus dem Ernst gekommen wie der Ihre, wo Himmel und Erde klar vor Ihnen liegt, wie hier das liebe Kind, den kann das Leben nur täglich bestätigen, da es täglich durch seine Bilder den Ernst uns wieder hervorruft, und treu und gut. Ja heut' in dieser Stunde, wo Sie zu mir sprechen, sehe ich meinen verlornen Seligo wieder vor mir in Ihnen, und wie ich damals die Hand ihm reichte, so reiche ich Ihnen hier Thirza's Hand.
        Silvati erröthete schaamvoll über und über, denn die dankbare Großmutter legte wirklich Thirza's Hand in seine, die er hielt, und die sich in seiner nicht regte. Die Großmutter sprach zu seinem Ohre ganz leise: ich kenne das liebe Kind! Wer ein Herz aufgeschlossen wie eine Muschel, der soll die Perle nehmen — einmal gesehn, wächst sie nicht mehr! Die Neigung ist kein Vergleichen, die Liebe ist ein Ergreifen des Gefundenen und zwischen dieses, was soll ihr jahrelanger Zweifel und Schmerz? Gleich glücklich werden, das ist das größte Glück — Und bei ihr wird es für jetzt nur Ruhe, stille Freude, Glauben an die Welt, und süßes Hoffen sein, und zugleich für uns Alle. Ist das Nichts? Sind Wir Nichts? Haben wir armen Leute Nichts? Und ob sie schläft? ob ihre Hand gelöst von Friede

 

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und Ruhe, so willenlos der meinen in ihre nachgab? — ihre andere Hand aber drückte ja stark die meine, und jetzt schlägt sie sanft die Augen auf zu ihrem Leben!
        Und wirklich so war es oder schien es; denn Thirza sah, daß ihre Hand in der seinen lag, und sie zog sie nicht weg, sondern, wie noch im Schlafe, legte sie sanft die andre darauf; dann schloß sie wieder die Augen, und schien so fort zu schlummern, aber ihre Wangen wurden rosenroth, und an ihren Augenwimpern sammelte sich eine Thräne, wie ein Thautropfen an der Knospe einer Braut in Haaren.
        Als nun die Mutter herein kam, sprang Thirza auf, fiel ihr um den Hals und weinte laut. Dann küßte sie ihre Lippen, und sprach fast unhörbar: Nun ist Dein Leben versichert! dann eilte sie hinüber, wahrscheinlich zum Vater, um ihm noch Alles zu sagen, als könne sie ihm noch Freude machen, von ihm noch Segen erbitten, oder doch die kalte Hand auf ihr heißes Haupt legen.
        Die Großmutter sagte der Mutter nur ein Wort, und da das sanfte Weib bewegt und unwillig-willig mit gefalteten Händen vor sich niederlächelte, so gelobte Silvati sich ihnen — und das wohlerkannte kostbare Gebild, das ihnen aber unbekannte unschätzbare Bild war sein. Seine schuldige, erschütterte, von Güte, Liebe und Schönheit wie überschüttete Seele, gedachte jetzt daran nicht. Denn er war nur ein Mensch, kein Unmensch.

 

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Er ging dann hinüber zu Thirza und ihrem Vater. Aber nicht lange danach wankte er erbleicht, verstummt und doch fast entzückt aus dem Zimmer. Er hielt die Medicin in der Hand wie ein Siegeszeichen, er hatte sie gekostet, und sie war das lautere Gift. Er hatte also nicht gradezu umgebracht; der Engelsapotheker allein hatte das durch ein Versehen verhindert; und so war der redliche Arzt durch drei bis vier Tode gestorben. Er konnte den Seinen, diesen armen guten unglücklichen Frauen durch die Entdeckung, die Gerichte, das Entstellen, ja nur Stören des nun Ruhevollen nicht noch größeren Schmerz erregen wollen — und doch nur vergeblich. Er gab alle sein von Sir Ned empfangenes Geld der Großmutter zu dem Begräbniß, hielt Mutter und Tochter, schwermüthig anblickend noch eine Weile an der Hand, und ging dann zu Fuß in die Stadt.
        Zu Hause angelangt, ging er verstört, wie er war, in ein anderes Zimmer, und worüber er sonst entzückt gewesen, das war ihm nun ein Schreck, ein Stich in das Herz.
        Mirza stand vor ihm. Die Entflohene war bei ihm, zu ihm hatte sich das arme fremde Kind gerettet. „Und nun!“ sprach er wie ein Betender. Was er gewollt, war geschehen, und wodurch geschehen! Die er allein und hülflos stehen lassen, um sie zu erwerben — da stand sie nun erworben, aber sie stand nun ganz anders allein und hülflos.

 

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Und wie sehr mußte sie ihn lieben, daß sie ihm so viel vergeben, wie sie gewiß geahndet; aber sie hatte es ihm vergeben, weil er sie liebte. Daran dachte er und zitterte vor ihr in tiefstem reinsten Bewußtsein, das unberührt und unberührbar von Schuld und Fehl des Menschen, nie glücklicher, aber auch nie unglücklich, in immer gleicher Unschuld und himmlischer Schönheit, als Engel oder Schutzgeift in jedem Menschen wohnt, und treu und göttlich ihn nie verläßt bis zum Tode; er zitterte in diesem reinen Bewußtsein des Daseins, das alles Gute und Edle aus des Menschen Leben aufnimmt und bewahrt, mit sich vereinigt, in das himmlische Wesen verwandelt und so zu dem Menschen wird, der er wollte sein, und nun ist, und nun fähig unter Seligen zu wohnen, zum Himmel schwebt. In diesem Kerne schauderte er, wie ein vom Blitze getroffener Baum, nun noch einmal darum, daß sie jetzt, jetzt erst da war. Er hatte keine Kraft, sich zu halten, er sank hin — aber Mirza hielt ihn nicht. Denn in seinem Auge war kein Leben, kein Entzücken, sondern Jammer und Tod ihr erschienen. Sie sah ihn düster an, ihr Auge verging, ihr Herz schloß sich. Sie entfloh in das Cabinet und verriegelte die Thür. Von ihrem dumpfen Schluchzen in die Kissen hörte er nichts.
        Als er endlich zu sich gekommen, stand Frau Mill vor ihm. Und so hatte er noch einige Ueberraschungen auszustehen. Aber so außer sich zu sein vor Freude! sprach sie.

 

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Nicht wahr, ich habe es Ihnen zu Danke gemacht, daß ich Jemand die Nacht in's Haus genommen —: das bildschöne Mädchen — das Ihnen so sehr am Herzen zu liegen schien — mir aber nicht schien, sondern bei mir Ihnen wirklich daran lag! denn Frau Mill hat Augen! Sie leistete mir auch total Quarantaine für Alles im voraus, durch ihre acht Sachen! Denn es sind mehr als nur sogenannte Siebensachen, die sie jedoch nur alle am Leibe trug; ich meine den Schmuck!
        Da sie sahe, daß Mydoctor sie traurig anblickte, änderte sie den Ton und klagte: das arme hülflose Kind, das in der Fremde, mitten in London wie in einer Wüste unbekannt, hülflos und in Todesangst war, was ihr Alles geschehen könne! das arme Kind kam zu Ihnen als zu seinem einzigen Freunde, da Samson, der Türke, der letzthin hier war, Ben-John erstochen, entweder weil er von seinem Glauben wieder abfallen wollen und Mirza mit dazu verleiten, oder wohl gar aus Eifersucht, weil Ben-John nun Mirza endlich wirklich heirathen wollen! Nun ist er dafür gestorben, da schleunige Hülfe bei der Verblutung Noth Hat. Das können Sie nun ja wissen!
        Silvati wollte beinahe die Medizin austrinken, an der Seligo gestorben, aber der Stöpsel ging nicht heraus.
        Ich will Tropfen holen! sprach Frau Mill; aber Sie erholen sich ja, und ich habe Sie viel zu lieb für alle Medicin!

 

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Und sehen Sie, Mirza sagt gewiß aus Eifersucht: Thirza sei hier — wollte ich sagen, bei Ben-John gewesen, nämlich zuerst auf der Policei, und habe Ben-John's Haus vom Keller bis zum Boden genau aussuchen lassen. Man hat auch wirklich die Falschmünzer-werkstatt entdeckt — aber nur das leere Nest! Die Vögel sind ausgeflogen gewesen.
         Welche Vögel? frug Silvati mit Hast.
        Je nun, nicht Vögel! lachte sie; aber Mirza sagt, gleich die Nacht darauf, als Sie, als nämlich Mydoctor, das erste Mal in Ben-Johns Hause gewesen, habe sie heimlich belauscht, daß ein blinder, und ein alter Mann, mit silbernem Barte sei heimlich, heimlich fortgeführt worden, auch ein alter Bäckerbursche, und zuletzt ein großes, großes Stück gediegenes Silber oder gar Diamant.
        Clarissa! in ihrem Krystall-Sarg; fuhr Silvati auf, und im Innern sprach der Ironist zu ihm: auch Seligo! die vierzig tausend Guineen!
        Genug für heut! und für immer! dachte er hinter dem ersten laut zu Frau Mill gesagten Worte und eilte in sein Zimmer. Frau Mill frug nach, ob er nicht ein Hühnchen, ein Hähnchen, oder dergleichen Gutes genießen wolle? oder doch eine Schaale ächten Heusaamen-Thee? Samson hat mit Mirza entfliehen wollen — und hier am Hause ist sie ihm entflohn! —

 

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Aber er ging zu Bett, und bat sie nur, Mirza wohl zu verhalten, und alles Gute ihr zuzusprechen.
        Ein Glas Wein kann besser reden als ein Doctor! will viel sagen, lächelte Frau Mill. Sie wissen, mir thut ein Gang in den Keller nicht leid. Gute Nacht!

 

 
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