Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 XIII. Sir Ned.

 

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Mein lieber Gott, — Ich brauch' dich weiter,
Als hier auf diesem Funken: Welt;
Drum überseh' ich still, ja heiter,
Und seh' mit an: was dir gefällt.
Doch sag' ich hier im Sonnenlicht:
Wie mir geschehn, gefällt mir nicht!
Als Menschen kann ich mich verachten;
Dieß Ich, der Geist ist zu betrachten!
Als Mensch erklimm' ich eine Leiter,
Drum bin ich still — ich brauch' dich weiter!

        Diese Worte hörte Silvati am Morgen wie aus der Erde herauf. Ihm däuchte, als ob er über Geräusch einer Sage und über Hammerschläge erwacht sei. Er sahe jetzt, daß, wie in vielen Kaufläden, hier eine Oeffnung im Fußboden, von einem Drathnetz überspannt, war; die Stimme, besann er sich jetzt, war des Sherifs Stimme, der wahrscheinlich hier drunten in seiner Tischlerwerkstatt für sich arbeitete.

 

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        Da drehte sich leis ein Schlüssel im Thürschloß, und leis trat eine weiße Gestalt, ein Weib herein. Gewiß dachte sie nicht, daß zwei Männer hinter den so eben rasch zugezogenen Vorhängen in den Betten schliefen oder wachten, da das Zimmer sonst immer unbewohnt war. Selbst die leichte Bewegung der Vorhange schrieb sie vielleicht der Luft zu, die von der wieder verschlossenen Thür heran geweht. Sie stand, sahe zu Boden, und strich sich mit dem dritten und vierten Finger langsam die linke Augenbraune. Deutlich war ihre Absicht auf den Mann unter ihr gerichtet. „Er versucht seinen Sarg, oder Alceste's!“ erzählte oder klagte sie gleichsam Jemand da draußen im Himmelglanze, und doch nur so leise, als wisse sie wohl, selbst in der äußersten Ferne höre der Jemand ihr Flüstern gewiß.
        Silvati sah mit Erstaunen durch einen kleinen Spalt, dem er die Augen nahte, das schöne Weib. Zu der wundervollen Gestalt und dem, im Beschauer Mitleid über sich erregenden, Cypris-Wuchs einer Schottin, die weiß wie geschneit und frisch wie eine volle Rose im Thau vor ihm stand, hatte das dreißigste Jahr, in welchem sie zu stehn schien, wie ein Bildhauer, der sein Werk zum letzten Male übergeht, noch versucht, in ihr Antlitz die feinsten Züge hineinzulegen, und um es auch seelenvoll zu machen, einigen Kummer und stolzen Verdruß in dem Wurfe der Lippen anzubringen — den die Seele des Weibes aber nur ungern ertrug!

 

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Sie hielt das Köpfchen seitwärts, die flache Hand von sich ab, als wolle sie hören; und Silvati und vielleicht auch der Mohr, hörte zugleich mit, was der Sherif jetzt sprach, zu seinem. Ich, oder einem Vertrauten.
         „Sollen wir immer lieben? Wir sollten vielleicht! Aber können wir immer lieben, noch lieben, wenn der Gegenstand unserer Neigung es nicht mehr werth ist? Wenn seine leichtsinnige Thaten zuerst, und zuletzt sogar seine Worte — denn bei schlechten Menschen kommen die Thaten vor den Worten — bezeugen: er liebt uns nicht mehr, denn er achtet uns nicht, ja wir mögen sogar wissen, daß er uns untreu ist, und den Unseligen sehn, der uns sein Herz geraubt. Ach, wir können nicht mehr lieben! Sagen, was man liebt, ist verworfen, und sagen: wir lieben es noch, ist ein Widerspruch — denn die Seele ist der Mensch, nicht der schöne Leib! und wir liebten, weil wir achteten, vergötterten, irdisch und himmlisch glücklich zu werden hofften durch sie! — O Cynthia!"
         Lady Cynthia war immer blässer geworden. Und eine andere Stimme sprach wie von der Decke herab: — „Dafür wird ein Anderer glücklich!“ Ein Anderer! wiederholte sie. Aber Sir Ned fuhr in seinem Gespräch aus dem Sarge fort: „wir stehen dann erstaunt! wir erröthen über ihn, vor ihm! wir erblassen über uns, vor unserem Unglück. Aber die Liebe ist ein Engel — himmlisch und frei, und als

 

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ein Engel steigt die Liebe von uns zum Himmel empor, oder rettet sich wieder in unser Herz, wo sie war, ehe wir sie lösten und der Geliebten aneigneten. Wir weinen, wenn wir bedenken, wie selig wir waren, wir weinen, wenn wir sehen, wie elend wir sind durch den Betrug; aber wir weinen nur so lange wir uns einen Unwerth andichten, der nur in der Seele der Tauschenden liegt, nicht in Uns.“ — „Da liegt er nur eben!“ sprach wieder wie höhnend die Stimme von Oben darein, als wären es die tiefsten Gedanken Cynthia's.
        „Dann zürnen wir, bis die Seele sich schämt, bis wir vergeben — und wir vergeben Dem leicht, der einem reinen Gemüthe unwiederbringlich verloren ist! Wir fassen uns, in der Fassung erlangen wir Ergebung, Milde, Frieden. Und in der Seele voll Ruhe, voll heimgekehrter Liebe sind wir selber im Stande, der Verbrecherin anzugehören, ihre Reue zu glauben, sie aufzuheben, und wieder an die wunde Brust zu drücken — aber sie lieben? Wir haben geliebt, und der Traum ist geträumt. Liebten wir noch, wir müßten, wir würden uns selbst verachten! Nur ein Herz, das sich nicht besiegen kann, verdient seine Schmach! Die wahre Liebe verdammt zwar nicht, auch den Räuber nicht; aber sie hält sich rein, und liebt nicht mehr — aus Liebe! die reine Seele ist von der unreinen geschieden, welche die Liebe gebrochen, und unser Herz! Mehr, bedarf es ja nicht! Der Mitleidige traure, bedaure, aber wer mit dem Treulosen untergeht, hat nie die Liebe gekannt —

 

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er war, was er bleibt, der Sclave der Augen und Sinne. Ein Weib mit Fehlern, und ein Fehler als Weib, welcher tödtliche Unterschied!“
        — „Für Dich!“ — summte die Stimme wieder.
        Dem Mohren fiel, wie im Schlafe, ein schwarzer Arm zwischen den Bettvorhängen hindurch, und die Faust war geballt. 
        Cynthia sah es. Sie erschrak, sie wollte hinzueilen, die Vorhänge aus einander reißen; aber sie sank in die Kniee noch vor dem Bett, Arme und Kopf auf den Seffel gebeugt. Sie athmete nicht. Der schwarze Arm regte sich nicht. Und es hatte für Silvati etwas Grausendes, daß er sie so liegen lassen mußte und hören, wie der Sprecher im Unterzimmer getrost, ja freudig schloß:
        „O wie verabscheuungswürdig wäre die göttliche Liebe, wie würden sie Alle — gleich diesem Geschlecht — nur zum Spiele machen, wenn sie Menschen, die sie erheben, mit Gold uud Blumenketten fesseln und himmlisch beglücken soll und kann — dann auch zwange; das Lasterhafte und Schändliche, das sie erkennt hat, fortzugeben! Wie erbärmlich, wäre unsere Seele nur wie ein Gewand, das, einmal in die Farbe ihres Purpurs getaucht, die schneeweiße Farbe der Schaam nicht wieder annehmen, am Strahle der Sonnen-Reinheit nicht mehr rein gebleicht werden

 

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könnte; und ein Treuloser könne wie ein harpunirter verblutender Walifisch uns mit in die Tiefe des Todes reißen! — Wir kappen die Harpune — und er versinkt! Unsere Fahrt auf das Eismeer des Lebens war zwar umsonst, sie war unglücklich; aber wir kehren doch heim! Denn die Qual des Herzens zu einer entsetzlichen Wonne machen, noch den Trunkenen spielen, wenn uns eine Schlange umwunden, das ist eine Raserei nur schwacher, erbärmlicher Seelen! Und ist das Seligkeit, so unterzugehn, so verzeihe sie ein Gott seinen elenden Menschen!“
         — „Und Dir!" — scholl es zuletzt.
        Cynthia sprang auf und stürmte zur aufgerissenen Thür hinaus, hinab, und in das untere Zimmer.
        Es lachte jetzt wie vom Himmel darein, so daß Silvati noch keine so schreckliche Bauchrede gehört. Er riß seine Vorhänge auf. Da lag schon der Mohr auf einen Arm gestützt und lächelte ruhig. Silvati's Auge rollte ihn an, und hielt ihn mit unsichtbarer Kraft fest, und das Feuer im Auge des Mohren verging, doch nur allmalig an seinem, wie anderes Feuer im Scheine der Sonne verlöscht.
        Aber sie hörten jetzt nichts als Cynthia's Stimme, von Schluchzn unterbrochen, und tröstende, liebevolle Worte Sir Ned's an sein Weib, mit welchem der edle Mann sich wieder versöhnte, und still ihre neuen Schwüre hinnahm.
        Der Mohr sprang aus dem Bett und warf den Stuhl, dabei polternd, in die Versöhnung, und Schweigen war drunten und droben.

 

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Denn Lady Cythia, wohl wissend, daß ihr Verehrer gegenwärtig sei, hatte dennoch dieses Gericht über ihn ergehen lassen. Sein Inneres wüthete. Und doch lächelte er gefällig und artig nur auf den Johannistag. „Denn wetten wir Eins gegen Eins — ein Glas Blausäure gegen ein Glas Kirschwasser. Bis dahin Leben und Friede — für Beide!“
        Daß Lady Cynthia ein reizendes Weib war, konnte selber der schon in den Weinberg der Liebe verdungene Silvati nicht läugnen; aber vielleicht erst recht in der Erbitterung fand er auch Sir Christopher so schlank und männlich schön, daß er während des Frühstückes oft über dem wie nur dunkel verschleierten weißen Menschen still sich vergaß; denn er stand vor ihm wie der Antinous von weißem Marmor, der im letzten braunen Verfärben der purpurnen Abendgewölke nur braun erscheint und wunderlich schimmert. Ja er berührte zuletzt seine sanfte, sammtene schön gegliederte Hand. Aber er fuhr zurück; denn er empfand sich in das Rachegewebe dieser Menschen verwebt, und deutlich hatte Balandri aus Blut-Rache ihn selber gegen den Mohren gehetzt. Ich heiße der Mohr, sprach Dieser; aber ich bin leider.nur ein Zambo, ein Halb- und Halber. Ich hörte von meiner Mutter, es gebe wo eine Stadt, die Sachsen geheißen, ober noch so heißt — aus deren Nähe war sie ein nach Domingo gerathenes Fräulein, also sehr schön, wenn auch sehr weiß; wer aber mein Vater — von schwarzem ächtem Adel —

 

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gewesen, das sei — — in die Luft gesprengt! Aber ich muß meine Depeschen abgeben wegen der Betcur von Miß Alceste; lächelte er, und entfernte sich allerverbindlichst.
        Einige Zeit darauf ward Dr. Silvati hinüber in's Schloß zu Sir Ned geladen. Auf dem Wege dahin zählte er zwölf angekommene Wagen, die angespannt geblieben. 
        Sir Ned hieß ihn ruhig und freundlich in seinem Zimmer willkommen, während es daneben im Saale summte wie im Bienenstock. Es sind die Aerzte, erklärte er ihm, mit meiner Tochter, die heut' mitten unter ihnen wandelt! Lassen wir sie indeß. Ich bin, auch ein Mensch, man kann selbst nicht mehr lieben und sorgen, wenn man eher stirbt, als die Geliebten. Theils mit Absicht, theils durch Ohngefähr wissen Sie nun, woran ich hauptsachlich leide. Ben-John hat einen sehr discreten, sehr denkenden Arzt meinetwegen gefragt. Finden Sie nun auch dessen mir verschriebene drei Mittel hinlänglich?
         Und welche? frug Silvati, an den alten Seligo denkend.
        „Ergebung, Gelassenheit, Vernunft;“ antwortete Sir Ned; das sind ohngefähr unsere altenglischen drei Aerzte: Dr. Diet, Dr. Ouiet und Dr. Merryman. Diese hat er verschrieben, aber woher ich sie verschreibe, das eben — —

 

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        Da trat Mr. Rose ein, und meldete Sir Ned's Anwald von London, mit wichtigen Nachrichten. Der Sherif ging zu ihm in's Nebenzimmer, aber er ließ die Thür offen. Und so hörte Silvati, daß diesen Morgen Sir Ben-John plötzlich gestorben, daß ihm zwar Hülfe gewesen, die er aber in der ersten Viertelstunde nicht gefunden.
        Silvati war, er hör' es donnern, eine Furcht befiel ihn, und ein Grauen vor ihm selber; denn Er hatte die Viertelstunde versäumt. Aber Mirza war frei!
        Daher hörte er nun erst doppelt erschreckt, daß das arme türkische Mädchen entflohen sei; daß das liebe schöne unschuldige Kind nun verlassen und jedenfalls wirklich arm geblieben; denn Sir Ben-John sei ohne Testament verstorben, und Sir Ned sei also sein nächster, alleiniger Erbe, und vergebens vielleicht liberal. Denn da das Geld von dem Vater Ben-Johns stamme, so habe der jetzige Erbe nun auch die Verpflichtung zu übernehmen, unter welcher auch er nur als Sohn es besessen, nämlich: dem in seiner Blüthe dahingegangenen Weibe, das Clarissa geheißen, aber nie und nirgend begraben worden — auch nirgendwo aufzutreiben sei — ein prachtvolles Denkmal zu setzen, zu welchem zehn Jahre lang die Zinsen vom Capital verwendet werden sollten.
        Silvati war außer sich. Mirza arm! — ein Wetterstrahl! Mirza entflohen! arm und entflohen!

 

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— Ein Donnerschlag, daß er betäubt war und zitterte. Alle seine theuer erkauften Hoffnungen also dahin! Und der alte Blinde, und der herrliche alte Vater Seligo, sie waren vielleicht schon verhungert, oder daran zu verhungern in ihrem verschwiegenen Kerker; oder war dieser nun gar mit Wasser erfüllt. Daß Thirza, die gute Tochter, schon einen Theil an diesen Begebenheiten haben könne, siel ihm nicht ein. Darum hörte er, wieder auflebend, daß in der Bank vierzig tausend Pfund deponirt lägen für einen alten Mann, dessen Bildniß, Größe, und andere genaue Kennzeichen Ben-John zugleich mit dem Gelde vor Kurzem erst an die Cassirer gezahlt. Einen Empfangschein habe er verweigert anzunehmen, im vollen Englischen Zutrauen zu der Bank, die nie verfehlt, sogar falsche Anweisungen auszulösen. Käme der Mann nicht, und nicht binnen sechs Monat, dann sei die Summe verfallen. Darüber habe nun er eine Akte ausgestellt.
        Indeß jene nun riethen und nicht errathen konnten, wer und wo der alte Mann wohl sei, wußte ihr Silvati seinen Namen wie seinen Ort und kannte ihn selbst durch Ben-John. Und Thirza stand in ihm auf wie ein Geist, und flüsterte: suche nur den Großvater, dann hast du mich. — Sir Ned aber war höchst betreten über das andre ihm zugefallene ungeheure Vermögen, und sagte dem Anwald: wie Gott strafen kann durch Segen, das will Niemand sehen! Ein Kind ist ein Sorgenkind. Nun habe ich nur noch größere Pein,

 

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entweder: daß das viele Geld meine Alceste nicht zur Herrin haben soll, oder meine Alceste die vielen Schätze nicht zu Dienern; das kann ich jetzt in der Bestürzung nicht unterscheiden! — Er wird hier in unsere Gruft begraben. Besorgen Sie Alles.
        Silvati, voll Reue und Schmerz, Trost und Hoffnung, war nicht in der Stimmung für ein Consilium, zu welchem er nun in den Saal gerufen ward. Er nahm schweigend zu Unterst an der großen Mahagonitafel seinen Platz. An jeder Seite derselben saßen sechs Doctoren; ihm gegenüber gleichsam als Präsident des Doctoren- Rathes: sein Herr Balandri, oder Pholop. Neben Silvati saß der Mohr, welcher eine neue kleine Schnelldruck-Maschine vor sich auf dem Tische stehn hatte, und gewandt so schnell damit druckte, als Jemand oder ein Doctor selbst in Eifer und Streit nur sprechen kann und sprach. Silvati sah, während dem Gespräch, mehr dem wundervollen Arbeiten dieses herrlichen Werkes zu, als daß er hörte. Bald nahm er dem Mohren den ersten aus einer Seite bedruckten langen Bogen ab, und las setzt nur wie im Traume den Eingangsbericht: Daß Sir Ned unbekannterweise und ohne den Namen des Kranken zu nennen, vier und zwanzig Stöße, vierjähriger Recepte von vier und zwanzig Doctoren, jeden Stoß Recepte besonders, an vier und zwanzig andere Aerzte gegeben habe, und zwar zuerst die Recepte des Doctors Nr. 1 allein an Einen: Nr. 25. — Die Recepte des Zweiten an Einen Nr. 26;

 

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die des Doctors Nr. 3 an Doctor Nr. 27 und so weiter; bis die Recepte des Letzten Nr. 24, an den Secondair-Arzt Nr. 48.
        Hierbei habe er gegen die reichlichste Bezahlung von Jedem der Herren Nr. 25 bis 48 zu wissen verlangt: was dem Patienten gefehlt, und eine aus den mitgetheilten vierjährigen Recepten verfaßte Krankengeschichte begehrt und erhalten.
        Dadurch sei das unverhoffte Resultat herausgekommen, daß seine Eine Tochter zu vier und zwanzig Patienten geworden sei, und daß er von Einer Krankheit nun vier und zwanzig und ganz contraire Krankengeschichten erhalten habe. 
       — Zu dieser Bemerkung bemerkte der eine Doctor des gegenwärtigen Consiliums der Zwölfe: „daß dieß möglich sei. — —
       — „weil es wahr ist!“ schob eine Stimme ein, welche wahrscheinlich wieder der Mohr einem Andern in den Bauch legte, denn Niemand öffnete den Mund.
       — „und leicht möglich, fuhr der Sprecher fort, weil selbst alle Völker, alle Confessionen, selbst jeder Glaubensartikel erst Einer sein könnte und würde, wenn, er mit Einer Ansicht, oder Einer Stimmung aufgefaßt werden würde, und daß jede Differenz ganz willenlos sei, und wenn Kampf und Streit auf Tod und Leben daraus entstehe! Uebrigens sei nichts schwerer, als eine Krankheit

 

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und Krankengeschichte, aus einem Häuflein Staatsschuldscheinen die Staatsschuld nachzuweisen, und nichts leichter, als Tod oder Leben nach der Kunst daraus zu beweisen, da Arzneimittel gleich Buchstaben in der Buchstabenrechnung seien, die Verschiedenes in verschiedenem Sinne bedeuten könnten, dürften und sollten.“ 
        „Also ist auch nichts Ungewisser als die Heilung einer bestimmten Krankheit durch bestimmte Recepte“ legte die Stimme wieder einem Andern in den Bauch.
        Während die Zwölfe nun stritten, las Silvati den jetzt gedruckten Bericht weiter: Sir Ned habe dann die vier und zwanzig Stöße Recepte der Primairen Herren Aerzte unter den vier und zwanzig Aerzten nun gar auch noch wechselnd umhergehen lassen; und so habe er für eine Krankheit fünf hundert sechs und siebenzig Krankengeschichten erhalten, wobei aus Menschen aller Geschlechter, auf Laster aller Arten, auf Gebrechen jedes Alters Bezug genommen worden; ja ein argdenklicher Geschichtschreiber habe ein Falsum vermuthet — und einige Recepte für Bewohner der Menagerie im Tower bestimmt gehalten, oder für ein edles Raçe-Pferd, und sich beleidigt gefühlt, als bloßer Menschen- und nicht Thier- oder Pferdearzt.
        Die Recepte mit den Krankengeschichten wurden nun vorgelesen, nachgedruckt, und jetzt sämmtlich wiederum vom Consilium der Zwölfer verworfen, da sie sämmtlich wohl wußten, daß Miß Alceste allein die Leidende sei, die an einem Tischchen, mit

 

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Stickerei beschäftigt, wie ein Bild von Guido oder Albani als eine blasse Äurora der künftigen Welt, in weißem Kleide vor ihnen saß, um in ihrer Blässe noch einiges Colorit dagegen zu haben — nur manchmal ihr geduldvolles Antlitz erhob, die Männer anlächelte, erröthete, und wieder ihr Köpfchen von einem himmelblauen Bande umwunden, das ihre blonden Haare hielt, zur Arbeit beugte. Lady Cynthia aber sah niemals auf, sondern las ober schien zu lesen. 
        Silvati las nun die Bogen aus der Schnelldruckerei weiter, Nummer eins der gegenwärtigen zwölf Nummern hatte eine Seereise, etwa eine Reise um die Welt als letztes Mittel empfohlen. Nummer zwei gleichsam eine wahre Wohl- oder Wall-Fahrt in die gesundeste Gegend der Erde, das Gebirge Nilgherri; oder in die türkische Provinz Herzogewina, wo nie ein Arzt gewesen, und die Leute doch steinalt würden; was er zum Ruhme Gottes gestehen wolle; wogegen Nummer drei bemerkt: daß es nicht genug sei, an gesunden Orten krank anzukommen, sondern hinreichend: zeitlebens zuvor gesund allda gelebt zu haben. Nummer vier hatte einen schönen Bräutigam vorgeschlagen, weil unter allen Standen- eine Braut vor Hoffnung am seltensten sterbe; ja Nummer fünf gerathen: Alceste in die frische Erde zu graben. Das Wort hatte Nummer sechs, einen offenen Wahrheitsfreund, bestimmt zu sagen: „Und Erde darüber! Denn waren wir Aerzte noch Aerzte, wenn wir

 

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Alles heilen könnten? Mit Nichten! bann erschlüge uns mit Recht — wie unseren Altvordern, den Aesculap — der Blitz des Zeus. Wir versuchen blos, zu erfahren, wo Gott sich nicht merken lässet. Und ehrlich gestanden, habe ich die meisten Krankheiten so verdient und noch als so billige Strafe frivoler Fehler und schrecklicher Thaten der Menschen gefunden, daß mich geschaudert hat, mich in der Nemesis Handwerk zu mischen, ihr Verfahren zu stören, zu hemmen, aufzuschieben, wohl oft aufzuheben, daß ich mich heimlich einen abscheulichen Schuft genannt, wo mich die Familie einen Abgott nannte.“ — Nr. 7, fromm angeregt, hatte nun von der Gerechtigkeit und Legitimitat der Krankheiten gesprochen. Nr. 8 von der Nützlichkeit und Weisheit-Schule derselben. Nr. 9 vom hohen Werthe der Gesundheit. Nr, 10 von der Unmöglichkeit: dieselbe Vorsitzender Miß wiederzugeben. Nr. 11 hätte doch des recht ehrenwerthen loyalen Sir Ned, des Sherifs, und dessen abnormen Vermögens und der vortrefflichen Mutter, der hochachtbaren Lady Cynthia wegen gewünscht, es möchte noch irgend eine Weise geben, oder binnen Kurzem erfunden werden, der schon so kostspieligen Miß zu helfen, auch wenn das Mittel nur einen Penny koste. Und schließlich hatte Nr. 12 sich edel erboten, Diesen sogleich mit Freuden aus seinen eigenen geringen Mitteln zu tragen — aber er desperire!

 

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Der Präsident hatte nun alle nach der Reihe, durch leises Kopfnicken zur Desperation, gleichfalls desperiren lassen, und war dann, um Miß Alceste doch nicht natürlichen Todes sterben zu lassen, mit seiner Armenarznei aus Brest, oder gradezu, um, der Regel der Aerzte zuwider, das kräftigste hülfreichste Mittel zuerst anzuwenden, mit der Betcur zu Felde gezogen.
        Wie er aber schlau und hinterlistig die Aerzte zur Desperation gebracht, so brachten sie ihn nun offen und redlich zu nichts Geringerem.
        Silvati fing jetzt erst an, wirklich aufmerksam zu werden, und blickte zum Präsidenten als einem der neuaufgestandenen schlauen und, wie er wußte, falschen Feinde seiner ganzen Kunst und der lehrenden und ausübenden Meister derselben, mit scheinbarer Gleichgültigkeit hinüber. Denn er hatte die Frage an das Consilium gestellt: was halten Sie von der Bet-Cur?
        Darauf hatte die offene, wahrheitliebende Nr. 6 — wie sie dabei ausdrücklich bemerkt: nur aus Güte und Gefälligkeit gegen Sir Ned und sein solides Haus, geantwortet: „daß sie als Cur zu spät angewendet werde. Wenn der Mann, der eine Frau, die nicht sein ist, anbetet, dann von ihrem Manne erstochen wird, — also incurabel ist — vorher lieber aus seine Kniee gefallen, und gebetet: einen Bund mit seinen Augen zu machen; wenn der Dieb, der gestohlen hat, und gebrandmarkt oder gehangen wird — also incurabel ist — vorher lieber das siebente oder auch zehnte oder diese beiden

 

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Gebote gebetet, dann ist in solchen, ja vielleicht in allen, ich sage in allen Fallen vielleicht, die Gebetcur gewiß an ihrer Stelle und noch zu rechter Zeit. Aber nachher, wenn der Leib Theil genommen an der Seele, dann machen alle Andachtsbücher, ausgebetet oder auswendig gelernt, den heiß in die kalte Themse Gesprungenen nicht gut wieder lebendig. Wir sprechen hier nur von Incurablen. Curable curiren schon Wir!“
        Und wie zu den Reden im Parlament, war hierzu im Parenthese bemerkt: „Gelächter; Gemurr; Dr. Pholop ruft: Hört! Hört!“ 
        Jetzt war auch Dr. Silvati endlich um seine Meinung befragt worden. Denn man hatte vor ihm, als neuem Arzte, also wahrscheinlich von ganz neuen und tieferen Kenntnissen oder doch größerer Ansicht und Arroganz eine gewisse Scheu gezeigt. Er aber, ganz in sich vertieft, hatte gar nicht gehört, daß man ihm das letzte, oder das Ehrenwort gegeben, wodurch er im Stande war, nicht in alle früher gegebene und früher widerlegte Aeußerungen zu verfallen, sondern aus den zwölffachen Kenntnissen der Uebrigen konnte er nun eine Art dreizehnte Weisheit, wie ein Recept, zusammensetzen, und von Jedem Beifall erhalten, als der Extract aus Zwölfen, der von Jedem das Beste und Wahrste enthielt. Sir Christopher bemerkte aber, daß er das Blatt fortwährend vor dem Gesicht hielt, und so verlautete dann, mit Silvati's täuschend nachgeahmter Stimme gesprochen, eine schlüßliche Antwort:

 

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wenn ich nur eine Ahndung von jener Cur habe, wobei Patient selber sein Arzt ist — und also gar keine Cur statt findet — so müßte sie auch eine bête-Cur sein. Denn was, freilich modificirt — wie ein Centner Glaubersalz für den Elephanten — nicht auch dem lieben Viehe hilft. Pflanzen und Bäumen, Vögeln, Fischen und vierfüßigen Thieren, das ist keine Cur. Denn ein Rabe hat Augen, und kann also blind werden, ein gejagter Hirsch contract, ein Pferd vernagelt. Aber wie ist z. B. dem herrlichen Elephanten sogar ober dem sprechenden Papagei aus diese Weise zu helfen? Und die Thiere sind von einerlei Meister erschaffen, und ohne gesündigt zu haben, (da nicht alle — außer besonders dem Affen — Aepfel belieben,) doch aus dem Paradiese verwiesen, wodurch sie jedoch keinen Nachtheil haben, denn sie leben wie noch darin. Die Thiere leben aber vernünftiger, in Rücksicht ihrer Gesundheit, als selber die Menschen, wenigstens doch als Natursclaven, und so sind sie frei von Krankheit bis auf die Unglücksfälle, und die Unbilden der Atmosphäre, und sterben, wie die Menschen sollten, alle vor Alter, oder nur im Menschen- und Naturkriege. Denn der Natur als Wolf schmeckt die Natur als Schöps vortrefflich und noch englischer — das heißt gar nicht gebraten und ganz savoureux! Denn der Mensch, das heißt tausend immer neu anrückende Millionen Menschen, führt auch den Naturkrieg, aber nur mit dem kleinen Unterschiede:

 

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mit Vernunft und Liebe als das liebe Vieh, und weit systematischer, man möchte sagen mit Perkin'schen Dampfkanonen, wie Milton dem Satan ertheilt, und führt ihn im Großen, wie die jährlichen Londoner Todtenlisten von hundert tausend Ochsen, zweimal hundert tausend Kälbern, dreimal hundert taufend Schöpfen, und einer Million Enten, Hühnern, Indianern (Truthühner) und Gänsen beweisen. Der Mensch führt den Krieg aber auch bequem, gleichsam durch Schlächtercompagnien und privilegirte Handwerker; und er führt ihn angenehm durch die Zukunft der Braten-, Back-, kurz: Mundköche oder Magenverderber, die alle Aerzte auf dem scharfen Posten des Lebens erhalten, nur höchstens Ablösung erlauben, und die Städte zu Hospitälern machen, und ohne welche Magenverderber die halbe Welt gesund wäre und nicht verstimmt, da der Magen der Stimmhammer der Seele ist, und der Bauch der Resonanzboden. Daher schließe ich: daß die Cura quästionis auf Magenverstimmer und die Geschöpfe angewandt, die der Herr am —ten Tage erschaffen, vornweg und vorher ihre vollkommene Nichtigkeit hätte, wenn dieselben sammt der edlen Zunft der Fleischhauer auf ihre Kniee fielen und beteten, daß die lieben Ochsen und Gänse alle fein gesund bleiben möchten! Denn dann geschäh' es. Nach dem Tode hilft keine, konnte er nun eine Art dreizehnte Weisheit, wie ein Recept zusammensetzen, und von Jedem Beifall erhalten, als der Ertract aus Zwölfen, welcher von

 

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Jedem das Beste und Wahrste enthielt. Gleichsam in dieser Crisis stand Lady Cynthia auf, näherte sich Silvati und überreichte ihm ihr Buch, um daraus die roth angestrichene Stelle der Vorrede, die Dr. Pholop gemacht, jetzt vorzulesen. Und leise sprach sie: Es ist das Buch der Indischen Heilkunst, der Karen Bibak, den mein Mann aus Indien mitgebracht und mit Sehnsucht übersetzt hat und drucken lassen. Und so stand denn Silvati verbindlich auf und las wie im Traume: — — „Und so lernen wir denn aus diesem heidnischen Werke schon, daß alle Kranke und Gebrechliche, Stumme, Lahme, Taube, Blinde, Einäugige, Einhändige, kurz gradezu Alle und Jede, ihr Unglück nur selber in einem frühern Lebenszustande verschuldet haben.“ —

         Und mit Silvati's täuschend nachgeahmter Stimme geschahe die Einschaltung, wie aus dem großen Spiegel heraus: — „„nicht allein in seinem, sondern auch seiner Aeltern und Nebenmenschen früherem Lebenszustande — schuldet worden ist.““

        Der Mohr lächelte Silvati an fortzufahren, der nun weiter las: „durch die Kenntniß aus diesem Buche kann Jeder nun nicht blos jene unrechte sündliche Handlung mit Namen und Umständen nennen.“ —
        — „„Auch Miß Alceste konnte das!““ schaltete wieder die Stimme ein. —

 

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        „Sondern auch Den, welcher um Rath fragt, durch Bekanntmachung mit der Sühne, welche die Sünde aufhebt.“
        — „„im Abgrunde der Vergangenheit!““ 
        — „von seinem Uebel befreien.“
        „„Was jetzt und in dieser Gestalt des Menschen für — die Allmacht nur ein Kinderspiel wäre!““ sprach der Spiegel sehr heiter.
         „Befolgt der Kranke mit Vertrauen die Vorschrift, so vergönnt ihm Gott alsbalde Genesung. Sühnmittel aber sind Almosen, Gebete und Bußen.“
        „„Die nur dazu helfen: andern Menschen, und vielleicht sich selbst in seinen Kindern dereinst: reines Leben, untadelhafte Gestalt zu verschaffen,““ bemerkte, die Stimme schlüßlich.
        Silvati schämte sich, und war hocherröthet; aber der rothe Strich war noch nicht aus. Lady Cvnthia sah mit gespanntem Blicke — die Hände gefaltet, ihn an; und so las er noch die Paar Zeilen: „Sollten wir also sogar nur hinter den Türken zurückbleiben? hinter den Bek-Taschi oder Derwischen, die Frühling und Herbst ihre Klöster verlassen, um zu heilen, göttliche Worte auf ein Papier schreiben, und das Wasser, darein sie getaucht worden, trinken lassen, Gebete für Andere thun, und Drohungen gegen die bösen Geister die Dives — lateinisch: die Reichen, denen die Bewachung der in und auf der Erde gehäuften Schätze vertraut ist? — Mit Nichten! Aber wir wissen und haben das Alles besser!

 

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Denn bei uns ist es Lehre: daß Gebete, als die einzigen wahren Heilmittel durch Sühne, keine Kraft haben, ohne die Macht der Kirche.“ —
        Der rothe Strich war aus, er setzte sich nieder.
        Bravo Silvati! Bravo Herr College! erscholl es; ja, Sie sind unser Mann, und wir Aerzte sehen, welche nicht unsere Männer sind, nein, unsere Feinde! Aber wir wissen nun, und ein Wissender wird nicht anders als wissentlich betrogen; und so gütig sind wir nicht.
        Silvati bemerkte erst recht aus dem Zusammenhange, was sein Vorlesen bedeutet; denn so eben erhielt er seine gedruckte — Rede mit der Parenthese „Beifall,“ und „hört, hört, hört!“
        Dr. Pholop, der Präsident, sahe Silvati jedoch ganz ruhig, ja lächelnd an, und frug nur noch, im Auftrag, die letzte Frage: ob die vorgeschlagene Cur, wie etwa ein anderes Mittel, auch schaden könne?
Während nun Streit, ja Tumult entstand, in welchem kaum die Worte: „versäumte Zeit“ — „aus Verzweiflung“ — „Aberglauben" hindurch zu hören waren, trat der Sherif ein, der, wie der Sultan, hinter seinem Gitter, dem Divan beigewohnt. Er lud die Herren alle zur Tafel ein, wodurch plötzliche Ruhe entstand, und die Diener öffneten die Doppelthür zum Speisesaale, aus welchem der mit Silber und Krystall servlrte Tisch gleichsam als weißer Katafalk der Thiere zu

 

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ihrer Todtenfeier hereinlockte. Der Steno-Typ oder Schnelldrucker schloß sein Werkstättlein, und das Consilium unterschrieb das gedruckte Protokoll noch in Eil. Dem Sherif schien wohl, daß er vierzehn Aerzte im Hause habe, als eben so viele Gewährsmanner des Todes. Der Präsident Dr. Pholop, obgleich widerlegt, dennoch als Sieger, führte Mylady Cynthia hinein, die heut' entweder aus Reue schwarz gekleidet ging, oder um ihren Gemahl in Zeiten an die schwarze Kleidung zu gewöhnen, damit er nicht darüber erschrecke, wenn sie dann Trauer bedeuten werde. In argen Gedanken führte Sir Christopher die weißgekleidete Miß Aceste: Und obschon verstoßen, hielt er die Farbe der Kleidung der Lady Cynthia für den Ausdruck der stillen Trauer um ihn selbst, oder um Messe, und er drückte ihr im Widerspiele seines Haffes und seines Wunsches sehr liebevoll die zarte Hand, daß das arme Kind, ihm weich und gütig in's Auge sah.
        Der Vater dagegen war sehr froh, daß seine liebe Tochter von Einem Arzt nach dem Andern die Zustimmung zu allen Speisen erhielt, daß sie einmal wie ein Mädchen sei, sein Weib wie ein Weib, und er wie ein Mann. Die so lange entbehrte Freude veranlaßte ihn zu dem Wunsche, daß sie Alle wie in einem Mährchen, an dem Tisch in dem Saale ewig, ewig so säßen! daß Nichts in ihnen und an ihnen sich ändre, die Sonne da draußen nicht rücke, sondern ewig sein unsterbliches Kind, und sein theures

 

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Weib so beleuchte! Und vor sich niederschauend, von Jedem seiner Lieben eine Hand in der seinen, saß er begnügt eine Zeit lang still, und sprach dann gleichsam erwacht: Ich hab' es genossen — denn ich hab' es empfunden und durchgedacht.
 
        Da rollte sehr schnell ein Wagen in den Hof und hielt. Silvati erkannte seine Equipage. Ein Briefchen ward darauf an Sir Ned präsentirt, der es Silvati hingab; aber das kleine sehr niedliche seidene Täschchen behielt noch Alceste, denn ein Schnäbelchen guckte daraus, ein kleiner Vogel war darin. Indessen las Silvati das kleine Billet, das mit zitternder Hand geschrieben, von Thirza war.

                    „Lieber, lieber Herr Silvati!“
        „Sie sind einmal unser einziger Trost! Mein Vater ist tausendmal kränker. Er verschweigt die großen Schmerzen, die er haben muß, wie die Gewalt zeigt, die er sich anthut. Er sagt, aber nehmen Sie dem armen Manne das ja nicht übel, hören Sie — ich bitte, und bin seine Tochter; er sagt, Sie hätten wohl gesehn, daß er sterben müsse, und hätten uns menschenfreundlich versorgen wollen, nämlich: daß er noch heute stürbe, ehe die sieben Jahre ablaufen. Kommen Sie ja! Ein Vater — und Himmel, ein solcher ist besser als Alles in der Welt, denn eine Mutter habe ich ja! Die Großmutter nicht zu vergessen!" — Und den Großvater! seufzte Silvati. —
      „Ihre“
             „treu ergebene"
            „Thirza Seligo."

 

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Das „Ihre“ war unterstrichen gewesen, aber der Strich wieder ausradirt, und nun erst recht bemerklich. In der Nachschrift stand:
        „Das arme Blaukehlchen meiner Schwester hat sich auf die Hand des Vaters gesetzt und ihn angesungen, und so groß sind seine Schmerzen, daß er das liebe liebe Vögelchen todt gedrückt! Darum schick' ich es mit. Vielleicht glauben Sie ihm mehr als mir! oder nicht?
        Eben kam Blaukehlchen auf dem chinesischen Porzellanteller zu Silvati, und, er hatte die Augen voll Thränen. Er reichte dafür das Briefchen an Alceste, und sie bat nun den Vater herzlich, Herrn Dr. Silvati fortzutreiben.
        Während er noch am Tische stand, sich zu empfehlen, stand auch der Mohr auf, goß ein Glas mit Wein voll, trank die Gesundheit Alceste's, Sir Ned's, und der Lady Cynthia, indem er auf immer Abschied nahm, und sagte, er gehe zurück nach St. Domingo.
        Lady Cynthia blieben die schönen Augen bang auf ihm stehen, sie ward immer blässer; aber sie hielt sich starr und fest,

 

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und überwand die Ohnmacht durch schweren Kampf. Sir Ned dankte ihm freundlich und herzlich für alles Gute, was er ihm je erzeigt; und da Alceste Thränen um den befreundeten Mann vergoß, so ward sein Auge auch naß, er stand auf und umarmte ihn mit aufrichtiger tiefempfundener Neigung; denn sein durch ihn unglückliches Weib und Alceste's durch ihn unglückliche Mutter hatte ja nur das Unglück gehabt, ihn besser, schöner, wünschenswerther zu finden, als er selbst war.
        Der Zambo ergriff dann Silvati unter dem Arm und sprach: Sie nehmen mich mit nach London! Mr. Rose besorgte in Eil' noch Sir Christopher's kleinen Coffer aus seinem Zimmer ins Schloß. Und während Lady Cynthia stumm dem verstoßenen Flüchtling gegenüber stand, nahm Sir Ned Silvati bei Seite und bat ihn, seinen Lebenslauf mitzunehmen, um seiner Tochter wo möglich zu helfen. Das hat der alte Seligo gerathen, sprach er, und brach schnell ab; und ehe noch Silvati eine Frage thun konte, fuhr Jener fort: Viel-, leicht hilft auch die berathschlagte Cur nicht — werden Sie unser Arzt! Ich habe einen äußerst talentvollen jungen Mann jetzt schon vier Jahre studiren lassen, blos auf Alceste, ja ich hätte das schöne Kind ihn, gern noch zum Weibe gegeben — aber da sagt er mir nun: dazu müsse er den ganzen Menschen und alle Krankheiten kennen! Denn es könne keinen Arzt für Einen Kranken geben, wie keine Sonne für Einen; wem der Staar gestochen sei, der sähe

 

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Alles-, und wer die Sonne und Alles nicht sehe, der sehe Nichts. — Uebrigens wird Ihre Mutter aus Canada kommen. Jetzt ist sie schon unterweges. Wir sehen uns also bald wieder.
        Silvati war jetzt von Anderem so bewegt, daß er schwieg, und statt eines halben Vermögens bekam er heut Wenig und Nichts. Auch die übrigen Herrn vom Consilium waren aufgebrochen, und so fuhr eine Reihe von vierzehn Wagen mit Aerzten die Straße eilig dahin, wie zu einer Schlacht.

 

 
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