Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 XII. Der Mohr.

 

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        Nun wollen wir eilen, sprach Mr. Rose zum Doctor, damit Sir Ned nicht von mir sagt, ich sei gut nach dem Tode zu schicken! oder es uns nicht geht, wie jenem Mitleidigen, der einen mitleidigen Arzt geholt, und unterweges von dreißig viel schlimmeren Kranken verweilt, erst im Jahr und Tag nach Hause kam, und sich entschuldigte: „Ein guter Weg ist niemals um“ — Aber Sie sind verwandt mit dem Sherif, wie ich wohl weiß?
        Unsere Mütter sind sogar Schwestern gewesen, erwiederte Silvati, vielleicht aber nicht eben so löbliche; denn jede Familie, in die sie durch Heirath gekommen, schon mit diesem ihrem Schatze zufrieden, hat sich nicht mehr um den Andern gekümmert. Aber Sie sind auf einmal so blaß geworden, Mr. Rose! Oder seh' ich auch bei dem Laternenscheine so aus? Sind Sie krank?

 

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Ich hin auch bei Sonnenschein so! lächelte Jener.
        Aber in den zehn Minuten sind Sie auch so gar hager geworden. Was ist mit Ihnen geschehn? Auch Ihre Sprache ist so verwandelt!
        Mr. Rose verwunderte sich aber nur mit Silvati, und sagte: nun ich bin gewiß, der ich bin: der Kammerdiener Sir Ned's. Aber das ist noch mehr zu verwundern, daß ein Kammerdiener die höchste Person im Lande ist; denn Sie wissen, für den Kammerdiener gibt es keinen Helden, keinen König, keinen Minister, und dergleichen; also für mich — keinen Sherif! Sind wir Kammerdiener also nicht glückselige Personen, beneidenswerth als die einzige Secte der Freien im Lande? O, wenn die ganze Welt Kammerdiener wäre! großer Gedanke! Oder wenn wir mehr Gemeingeist hätten, und nicht so gemeinen Geist! und doch bleibt ein pensionirter alter Kammerdiener noch der Rechthaber in seiner Stadt, und oft der Faiseur, oder Verfertiger aller Geschäfte dann wie zuvor, der wie eine Schwadron Schwadroneurs schwadronirt. Doch die Wahrheit bei Seite, Sir Ned hat mich nach Ihnen gewiß in der Voraussetzung gesandt, daß ich Ihnen einige vertrauliche Mittheilungen über ihn machen solle — und ich verstehe! Also Ihnen und Ihm zu dienen: Er ist ein eigner Charakter; ein tugendhafter Mann, wie ein Sommer in Sibirien, in welchem die Blumen erst im Juli plötzlich alle auf einmal,

 

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blühen, die Früchte in vierzehn Tagen  reifen, und vor dem hereinbrechenden Winter in wenigen Tagen alles Schöne und Alles, was Leben hat, flieht, und von neuem langen — ewigen Schnee bedeckt wird. — Ach! — Sie können seine Tochter Alceste, und was ihr wohl eigentlich fehle, am besten aus seinem Lebenslaufe beurtheilen! so wie in Molières's Lustspiel „die Liebe als Arzt“ der Liebhaber Clitandre dem Vater an den Puls fühlt, um das Befinden seiner Tochter zu erforschen! Denn wenigstens die ursprüngliche Verwandtschaft ist unläugbar, wenn ein Lamm keinen Löwen zum Vater hat. — Das arme Kind. — Er hat also geheirathet, um die Liebe — los zu werden, das heißt: alle anderen schönen Damen. Und seine schöne Schottin Cynthia hat sich ihm zum Weibe ergeben, um ihn los zu werden, das heißt die Quälerei seiner Werbung los zu sein — wie der Kolibri die Schlange. Indem also eigentlich Beide einander los wurden und los sein wollten, sind sie ein Verhältnis; eingegangen, das, mit dem Namen Ehe bedeckt, schlimmer wie eine Scheidung war, oder leider noch ist. Denn es kann keinen angenehmern Umgang, kein endlich liebevolles uneigennützigeres Entgegenkommen, kein so duldsames, nachsichtiges, ja in allen Puncten und Clauseln so apostolisches Lieben geben, wo dem Mann ist, als hatte er keine Frau, und der Frau, als hätte sie keinen Mann — als das Alles zwischen Geschiedenen statt findet. Als Solche haben meine Herrschaften nun vom Hochzeittage an gelebt, aber ganz in sonderbarem  

 

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Gegensatz von Andern: also geschieden, daß sie Tisch und Bett nicht zuerst verstießen, wie Anfänger in der Ehe-Chemie oder Scheide-Kunst. Denn daß sich ein Paar scheidet, ist auch eine Kunst, die wenigstens mein Herr Sherif noch nicht begreift, geschweige gelernt, am wenigsten aber üben mag. So schwer mag sie sein; erst sauer, dann bitter, und immer Sünde und Schande, als ein Beweis, daß Keines von Beiden recht vernünftig denkt, recht mild fühlt, und recht sanft beurtheilt, als ein Beweis, daß Keines von Beiden die jetzt in aller Welt so höchst nöthige Kunst gelernt: mit Unvernünftigen umzugehn; denn mit Vernünftigen — das können ja selbst die Unvernünftigen, und ist ein pures Kinderspiel! Solchen Ehe-Stillstand segnete ein sehr kränkliches Kind — der leibhafte Sherif, nur als Mädchen; und nicht ein Kranker seit lange — sondern Zeitlebens. Bah!
 
        Nun, nicht allein nun, sondern von Kindheit auf ist seine einzige Tochter Alceste krank, und mit aller menschlichen, oder nicht zu wenig zusagen, aller ärztlichen Kunst, die vielleicht auf 6,000 Guineen Goldwerth veranschlagt werben kann, ist das Mädchen nun bis in ihr dreizehntes Jahr gebracht. Der Vater schreibt sich die Tochter in jeder Art zu, und setzt sie auf seine Rechnung, oder hat sie ihm die Nemesis als Facit darauf gesetzt — ihr leidendes Aussehn bei himmlischer Schönheit, ihre Schmerzen

 

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bei englischer Geduld, ihren wahrscheinlichen Tod, den Er verdient hatte, und den nun sie für ihn stirbt! Und er stürbe ihn lieber für sie, wenn das einst nicht blos jener Alceste einmal in der erbärmlich langen Ewigkeit voll sterblicher Menschen vergönnt gewesen. Daher ist ihm nur wohl, wenn sie recht krank ist, wie eben heut, eben jetzt, wenn seine Sorge Thätigkeit hat, seine Höllenangst Natur-Liebe ist. Dann ist er gesund. — Fühlen Sie meinen Puls, Herr Doctor! 
        Soll ich nun gar am Kammerdiener fühlen, wir dem Herrn ist! bemerkte Silvati, sehr aufmerksam, eine Ahnung fassend.
        Scheint sie aber gesund, fuhr jener fort, dann ist er krank, liegt hart und fest danieder und seufzet — und er mit Recht: „Die Krankheit macht dem Menschen Schande. , Aber entschuldigen Sie ihn, denn er entschuldigt auch, andere Leidende nicht. Jede Tugend, sagt' er, hat ihre eigene Unschuld, nicht blos die Liebe. Wer seines Herzens Reinheit getrübt, ist nicht mehr ganz unschuldig, und wenn ein kleines Kind nur einmal gelogen. Wer also keine andere Sünde keiner andern Art begangen, nur Der soll ihn steinigen, wie den Pharisaern geheißen war. Daß es aber so viele „Unschulden“ gibt, das macht ihn noch strenger in Rücksicht auf jede. Besonders aber schämt er sich, krank zu sein; und diese

 

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Schaam ist die göttlichste in der Welt! und jedes Mädchen, jeder Iüngling, jeder zum ersten Mal rechtschaffene Kranke schämt sich vor dem Arzt aus Selbstgefühl und. reiner Naturfurcht. Nur practicirende Sünder reden mit ihrem Arzt wie mit dem Beichtvater oder dem Teufel, höllen- und feuerfest vor dem Gewissen, als wenn das Nichts wäre, daß sie schon bei lebendigem Leibe vor Angst kochen und vor Schmerzen braten. Durch die Krankheit der Tochter aber glaubt der Vater sich selbst verrathen und blos gestellt. Darum schämt er sich nun auch selber, krank zu scheinen, und zu sein, geschweige todt — besonders zu zeitig todt, was immer eine geheim-offenbare Schmach ist, und eine Verdammnis durch die Natur! Und gewiß bei ihm! Denn er hat zwei Uebel an sich, und läßt jedes von einem besondern Arzte heimlich heilen, ohne Vorwissen des Andern; und hofft doch, daß sie ihn nicht durch entgegengesetzte Mittel aufheben sollen — in den Himmel! Ja, er hat seinem treuen Kammerdiener, seinem Halbbruder, Auftrag gegeben, wenn er, nämlich der Sherif, einst zu sterben kommt, seine Krankheit zu verschweigen, ihn fern und ungewußt wo zu begraben, und seinen Tod zu leugnen. Denn er schämt sich nun gar ein Mensch zu sein, ein so erbärmliches Ding, das athmet und stirbt, das einst — gewesen ist, und nach dem man umsonst fragen kann — weil es ihm so schlecht bekommen, ein Mensch zu sein! Doch die Frager vergessen ja selber, bald zu fragen, aus dem einfachen

 

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Grunde, weil die Todten nicht neugierig sind, und zu Spott und Satyre gar keine Anlage haben, als krypto-gamische Engel. Haben Sie einen Sommervogel nach der Chrysalide fragen gehört? und — Raupen mögen fragen! — Er hat also Unrecht! Nicht wahr, My-Doctor? 
        Nun hatte der Unbekannte im Wagen wohl in der dritten Person vom Kammerdiener gesprochen — der war's also nicht! Aber er hatte auch nicht vom Sherif durch „Ich“ geredet, so daß Silvati nicht wußte, woran, an Wem er war, oder wer an ihm. Er äußerte jetzt seine Zweifel, die zur Beklemmung wurden, als Jener sprach: Freilich! Wer und was beweiset Ihnen, daß überhaupt der Brief vom Sherif acht gewesen? daß Mr. Rose acht ist, und es könnte Sie nichts verhindern, zu denken, Sie selber würden geraubt!
        Silvati dachte an Ben-John. Konnte Der nicht Vorsicht brauchen? und hatte er nicht Seligo verrathen?
        Doch ich will Sie nicht lange in Zweifel lassen! sprach Jener.
        In diesem Augenblicke geschah ein Pistolenschuß. Die Pferde wurden gehalten, das Geschrei des vom Bocke gerissenen Kutschers war deutlich und weit vernehmlich Mr. Rose's Stimme, und wahrscheinlich saß der vorige Kutscher jetzt im Wagen. Silvati faßte ihn an der Kehle, um sich seiner zu versichern, und ihn fragen,  und

 

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ihn unthätig zu machen. Aber der arme Mann schrie: Ich bin ja der Sherif! Nicht Sie — Wir sind angefallen! Leider nur, hab' ich kein Viaticum bei mir! Haben Sie Nichts?
        Nichts! sprach Silvati, der den Herrn für einen Ausforscher hielt.
        Nichts! — leider gab ich es weg!
        Keine Pfund-Noten? Nur keine falschen Räuber-Banknoten, die bei Tage sichtbar falsch, und daher erlaubt sind zu kaufen und zu verkaufen, um die Räuber abzufinden, die die Polizei nicht —
        Jetzt ward der Wagen aufgerissen, und die Männer heraus. Meine Herren, denn das sind Sie jetzt, sprach Silvati's Begleiter, ich bin der Sherif von dort dem Schlosse. Ich bin wahrhaft gerührt, daß Sie Menschen so erschrecken müssen, wie ich erschrocken bin, und es betrübt mich sehr! Aber ich habe von Gelde nichts bei mir — durchsuchen Sie unsere Personen zum Beweis, aber ich bitte, etwas schnell, sonst erkälte ich mich.
         Es geschah?  Sie fanden Nichts und murrten.
        Nun also! sprach der Herr; Meine Herrrn, so bemühen Sie sich, die schönen Pferde umzulenken, setzen Sie sich gefälligst in den Wagen, Einer macht den Kutscher — —
         Ach, Sherif! sprach eine Stimme darein. 
        Es thut uns leid, daß es Euch getroffen, Sir! sprach ein Andrer; aber wenn Ihr selber Ischarioth mit dem Geld-Säckel wärt —

 

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Herr wir müssen! Es ist das erste und letzte Mal!
        Schon gut; sprach der Sherif. Nun aber schnell, Kinder, sonst kann Euch ein Unglück geschehn, wenn Ihr mit Unmenschen kämpfen müßt, die da glauben, weil Jemand Silber und Gold geraubt, muß man ihm Eisen und Blei in den Leib schießen.
        Bravo, Sherif! riefen Alle. Der Wagen, sprach er noch schnell, kostet vier hundert Pfund, und meinen schönen Pferden thut nicht die Schande an, sie unter sechs hundert Pfund loszuschlagen!
        Mr. Rose aber, der an einer Hecke lag, schimpfte die Straßenräuber (die Highwaymen) nur Schleichwegräuber (Bywaymen) da er einen Seitenweg eingeschlagen. Dann klagte er, daß er den Arm gebrochen.
        Der Sherif bat sie nun, seinen treuen Kammerdiener bis in das nahe orthopaetische Institut der Madame Romescot zu fahren.
        Sherif, Ihr seid ein ehrlicher Mann! wissen wir, sprach der Eine, setzt Euch ein. Sie führten Mr. Rose herbei. Drei setzten sich zu ihnen ein, und ein Vierter fuhr sie eilend zum Institut. Dort hielt der Wagen. Leute kamen heraus. Der Sherif stieg schweigend aus; aber Mr. Rose brummte Einiges in den Bart, ja er wollte „Diebe!“ schreien, wenn ihm der Sherif nicht an den bösen Arm gegriffen, so daß er vor Schmerzen schrie; dann ward er von ihm und Silvati hineingeführt. Die Diener baten die übrigen Herren, gefälligst auszu-

 

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steigen, aber sie entschuldigten sich, kehrten um, und fuhren hinaus in die Nacht.
        Die Nennung des Namens Mad. Romescot machte Silvati begierig, vielleicht auch den Unbekannten, Herrn Balandri, hier in der Anstalt zu treffen. Aber nur der Sherif ward einige Zimmer tiefer in das geheimnißvolle Haus geführt; er selbst blieb mit Mr. Rose im Parlor, oder Sprachzimmer. Silvati beklagte sich, daß er nur ein Doctor sei, also kein Chirurg, der ihn verbinden könne. Mr. Rose aber verwünschte das Haus, weil er hier keine Hülfe finde, und sprach: Ueber der Thür steht die heilige Dreifaltigkeit gemalt, mit der Unterschrift: Bitte für Uns. — Wahrscheinlich also bei ihr selber! oder bei der Maria darüber, welche der Maler fromm genug vergessen hat. Hier in dem Hause, oder vielmehr unter offenem Himmel, im sogenannten heiligen Haine, wird jedes Uebel an unverständigen Kindern nur durch die Betcur geheilt. Mit Erwachsenen, also Verständigen, läßt man sich hier nicht ein, auch sagt man, werden nur gesunde Kinder gemiethet und bezahlt, und die, weil mit dem Beten das Fasten verbunden ist, dann freilich blässer und eingeschüchtert wieder entlassen werden, und zwar gesund, wie die Aerzte selbst bezeugen müssen, in deren Gegenwart das geschieht. Indeß wissen Sie, in den Rechnungen sind immer die Ausgaben richtig bis auf den Penny, aber die Einnahmen sind in quali et quanto nicht richtig documentirt. Er brach ab, wahrscheinlich Mad. Romescot selbst, brachte endlich ein Tuch, um den Arm in die Binde zu legen.

 

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        Zwei Einspänner waren vorgefahren. Der Sherif kam mit einem langen Herrn, der ernst an Silvati vorüber ging. Aber seine ganze lange Figur war die des Unbekannten. Der Mohr ist aus Süd-Ost zurück, sprach Sir Ned, der wird Dich verbinden! Komm nach, mein Rose! Und Dieser war mit Silvati kaum eingestiegen, als der Sherif mit Balandri schon weit vorausrollte.
        Sie fuhren nun eine Weile stumm Jenen nach, bis der Unmuth Mr. Rose's ausbrach. Sir Ned ist zwar der bravste und unglücklichste Mann von der Welt, auch nicht so erfahrungsfest, daß er nicht alle seine Schwächen wohl einsähe, und oft sogar gestünde — wie er auch eben heut bei der Verwechselung unsrer Personen gewiß gegen Sie gethan; aber sie fortzuschaffen, das fällt ihm nicht ein! Denn — da hat uns Gott den Mohr, Sir Christopher, in das Haus geführt und gebannt, ja es ist von ihm wie vom Satan besessen, seit er sich in unserer, freilich schönen Lady Cynthia weißen vollen Nacken verliebt. Hätte sie lieber das kleine Feuermahl darin behalten! Nun brennt sie ein anderes Feuer; ob sie gleich dabei ein rechtschaffenes treues Weib ist, wenn Eine das bei abgefallener Seele und Liebe bleibt. Wie Cynthia im Schlosse bei Sir Ned -— so sitzt die braune gespensterhafte Larve der Wasserlibelle noch starr, fest und treu auf dem gelben dürren Buchenblatte, während das

 

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schöne lebendige Wesen selbst — ihr Geist — in allen Lüften umherschwirrt. Da der Mohr nun, ihren Leib nicht verführen noch entführen kann, so verwünscht er den Sherif. Und wahrhaftig, ich muß sagen: Verwünschungen haben eine Kraft bei dem Verwünschenden, nämlich die: das Böse zu wollen und gelegentlich wirklich in's Werk zu setzen. Selbst eine Hexe ist selten ganz ohne Schuld verbrannt worden — wenn sie behexen wollen, und nichts ist mir daher rührender als die vielen schönen Neujahrwünsche, die doch einen guten Willen zeigen — wollen! Aber der Mohr — ich fürchte, er gießt mir Gift in die Wunden! und wenn auch Balsam, so hat doch jeder Rechtschaffene Scheu: einem Schurken Dank schuldig zu sein. Sagen Sie mir, Herr Doctor, was wird, wenn ich mich gar nicht verbinden lasse? Wer heilt den Hasen, Löwen, Tiger, die Vögel, Fische zu Millionen! oder nur Katzen, die oft vom Dache fallen!
        Die Natur heilt die Ihren, und Alle, auch die Menschen; versetzte Silvati. Nur Alles wieder in die richtige Lage, wie's die Natur gemacht hat. Weiter Nichts! Einem gestorbenen Kinde können alle Chirurgen mit allem Balsam Peru's*) nicht ein gebrochenes Glied curiren. Daraus ist viel zu lernen! Ich glaube das, jammerte Mr. Rose. Aber eben an der Lage liegt es! Nun fahren Sie gefälligst besser zu! Die, schönen Pferde, den neuen Wagen so an die Räuber wegzuwerfen!
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 [*) Perubalsam,  . . .]

 

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        Ich wette, es war nur auf den Schreck abgesehen — vom Mohren! Aber der Sherif ist die liebe Geduld selbst, er grämt sich nur — er ärgert sich nicht, da, wie er sagt, die Blindschleiche sogar vor Zorn ganz steif wird, und springt wie Glas; wie müssen da nicht einige Galonen Galle, die sich nach und nach durch Aerger und Zorn in das Blut ergießen, nicht die Säfte verderben und den Menschen in eine große Galle verwandeln, die tausend Unheil anrichtet! Und so läßt er denn Alles dahin fahren, womit er nicht auf die Welt gekommen, und was er nicht mit aus der Welt nehmen kann, und das ist denn blutviel. Selber sein Weib wird er dem Mohren noch lassen — durch Scheidung! Aber so mag sie Sir Christopher nicht; denn er will auch das Vermögen von ihm mit ihr, und das kann er nicht erhalten und erwarten, bis mein lieber Sherif stirbt! Der stirbt aber nicht eher, bis seine Tochter Alceste stirbt; ihr Verlust brache ihm das Herz! Ich habe also meine Gedanken. Wahrscheinlich nur, um ihre vernünftige Cur zu verhindern, hat der Mohr, die Reiselust der Engländer theilend, jetzt eine Courrierreise nach Süd-Ost gemacht, zu einem Wunderdoctor, den der Pater Clement oder Doctor Pholob in einer Person, der Faiseur der Madame Romestot, empfohlen, derselbe, der vor uns mit meinem Bruder fährt.
        Zu mir gesagt — hieß derselbe Balandri, bekannte Silvati.

 

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        Wer zehn Armter und hundert Ränke im Kopfe hat, muß wohl einige Namen haben, fuhr Mr. Rose fort. Zu Andern sagt er anders! Doch verdient der Pater einiges Mitleid, denn es ist nicht geheuer in seinem Kopfe. Er ist nämlich, zuvor gesagt, der Beichtvater der Römischen Lady Cyathin, und hat sie wahrscheinlich nicht ohne Versprechen ihrer Treue absolvirt. Unser würdiger Chirurgus Christopher hat ihm darum nach einem großen Blutverluste frisches, warmes Blut von einem Schaafe in die Adern gezapft, — aber er beklagte sich nachher heimlich gegen mich mit schlauem Lächeln, daß ihm der Schäfer ein drehiges Schaaf**) dazu in die Hände gespielt, um der guten Schaafe Sir Ned's zu schonen. Daraus wird nun Vieles klar. Denn da der Mohr nun zurück ist, und Sir Ned den Pater Clement oder Doctor Pholop schon mit sich führt, so wird Morgen also bei Uns wahrscheinlich Consilium von zwölf Aerzten über die Betcur sein. Denn mein Herr thut nichts ohne Rath, nichts unüberzeugt, und nur in zweifelhaften Fällen — wozu denn freilich fast Alles gehört — thut er grade: das Aergste, aus einem gewissen Spott über Andre und sich, der ihm schon den schönsten Theil des Lebens gerostet. Ich möchte weinen über ihn! Denn wie ist er so gut gegen mich! Bruder, spricht er zu mir, armer Teufel, Du mußt mich bedienen, da es nur ein Ohngefähr ist, daß ich nicht Dich bedienen muß! Und so muß ich ihn „Du“ nennen, wenn wir allein sind, ja auch bei Tafel muß ich, zwar hinter ihm stehend, was ich mir nicht
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[*) drehiges Schaaf . . . . ]

 

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nehmen lasse, mit in das Gespräch reden, und wenn die vornehmsten Gaste der Nachbarschaft da sind, die freilich wissen, daß ich sein — — doch er hat Ihnen das ja gesagt, wie ich gehört; auch sehen wir uns so ähnlich, daß ich vorhin auf den Bock steigen, und er sich in den Wagen setzen durfte, ohne daß Sie dann morgen bei Tage gewiß gewußt — ob ich es nicht war? Auch ein? Platte bekommen wir Beide! sagte er heut' erst. Ich aber sagte: wir haben sie schon, und nicht eine, sondern zwei!
        Ich muß befürchten, sprach Silvati in Gedanken, Sir Christopher fordert mich, da ich ihn heftig beleidigt.
        Dann wird er noch sehr rechtschaffen zu Werke gehn! entgegnete Mr. Rose warnend. Aber wir müssen doch gleich zu ihm.
         Wenn die Räuber gesund waren, wären Sie nicht unglücklich, meinte Silvati, an den unglücklichen Seligo denkend, an Thirza und Mirza. Er schwieg nur, bis sie durch das Thor der Seitengebäude fuhren, die das große hohe Schloß in geräumiger Entfernung umgeben.
        Der Groom, der das schon ausgespannte Pferd herumführte, und jetzt das ihre dazu nahm, sagte ihnen, daß Miß Alceste ihren Anfall überstanden und wieder besser sei. Sir Ned erböte sich also die Ehre, den Herrn Doctor zu sehen, auf Morgen.

 

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Er hat sich gewiß verschlossen und ist nun selbst wieder krank! meinte Mr. Rose. Aber wer ist Sir Christopher?
        Er schläft schon hier oben im Zimmer, über des Herrn Drechselstube; er will auf den vierzehntägigen Ritt drei Tage schlafen, ohne etwa die zwei Nächte dazwischen zu wachen, sagte er, antwortete der Groom.
        Mr. Rose führte Silvati die Treppe zu dem sonst nie ben ohnten Zimmer hinauf. Die Thür war offen. Der Tisch gedeckt und mit Speisen besetzt. Die große von der Decke darüber hängende Lampe brannte hell, und mit den Kleidern auf das Vett geworfen, lag, ausgestreckt in tiefstem Schlafe, der Mohr.
        Alles Rütteln und Schütteln war vergebens. Er brummte nur. Selbst ein Löffelchen Wasser brachte nur ein zorniges Gurgeln hervor, kein Augenaufschlagen. Mr. Rose konnte die Schmerzen nicht länger ertragen, und zum Theil auch aus Haß, den er gegen ihn hegte, ergriff er eine der Reisepistolen, untersuchte und schoß sie nahe den Garten zum offenen Fenster hinaus in die Luft los.
        Der Mohr sprang auf, irr und wild. Er faßte Mr. Rose, der heftig schrie, er faßte darauf Silvati, ihn wie einen Räuber ergreifend; aber er sank im Taumel noch wieder zurück in einen Stuhl, ohne den Ergriffenen jedoch los zu lassen. Um den Doctor vor den Ausbrüchen seiner Nothwehr zu sichern, bemühte sich

 

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Mr. Rose, dem Mohren sich selbst erkennbar zu machen. Er hatte aber kaum seinen Namen ausgesprochen, als der Mohr eben ihn seinen Beschleicher nannte, der ihn unterweges — — — Mr. Rose sagte ihm, er, Sir Christopher wäre ja jetzt wieder heim, hier bei Sir Ned und Lady Cynthia — über deren Namen er sich ermunterte — bei Sir Ned, und der Gentleman hier, den er nicht lasse, sei der Doctor Silvati! Der ist eben mein Todfeind! rief der Mohr, völlig erwachend. Ich bin gefordert wegen einer Lumperei! Ich fordre Dich wieder — Lump! Hier gleich, nimm! Rose, lade! schrie er.
        Mr. Rose fand jetzt Gelegenheit, ihm seinen Arm zu zeigen, und ihn um seine Hülfe zu bitten, die ihm Mydoctor Silvati nicht leisten könne. Er lachte. Und es kostete Mühe, ihn dahin zu bringen, daß er nicht erst seine Ehre wieder herstellen wolle, ehe er den Arm wieder herstellte.
        So Gott will, lebe ich doch noch morgen, oder übermorgen! tröstete ihn Silvati. — Oder noch lieber — über ein Jahr, oder zwei! verspottete ihn der Mohr. Silvati sagte ihm den Johannistag zu. Er acceptirte. Und um seine Geschicklichkeit und Schnelligkeit zu zeigen, nahm er nun seine Sachen, und that schweigend und wankend seine Schuldigkeit. Und kaum daß er fertig war, so sank er schlaftrunken wieder auf sein Bett, und schlief bald hörbar.

 

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Mr. Rose wollte den Doctor in ein anstoßendes Zimmer geleiten und ihn versorgen. Da aber Silvati noch ein weißes Vorhang - Bett hier in diesem sah und keinen Hunger empfand, bat er nur, abräumen zu lassen, und versicherte, sorglos hier zu schlafen. Aber er hing nur den Rock in die Nische.

 

 
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