Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 XI. Verrat aus Mitleid.

 

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        Allmälig verhallte das Geräusch der Stadt; es blieb zurück, wie wenn Jemand vom Meere landeinwärts geht, oder wenn die Wogen zur Ebbezeit zurückweichen. Endlich war es ganz still hier draußen im Freien, wo nur noch einzelne Häuser standen, welche die Abendsonne zu goldenen machte, die hohen Schornsteige, Dach, Mauern und Fenster. Thirza deutete auf ein kleines einsames Haus mit kleinem Gärtchen. Mr. Rose zog an der Schnur, die von des Kutschers linken Arm in den Wagen ging, und er hielt.
        Thirza stieg aus. Vor Freuden wollte sie rasch an der Thür mit dem Ringe pochen, aber sie erschrak fast und klopfte nur leis mit dem Finger. Silvati stand hinter ihr. Eine alte betagte hohe Frau that auf und lächelte zufrieden.
        Meine Großmutter! sprach Thirza zu Silvati; und hing an ihr zärtlich, als ob sie Jahre von ihr entfernt gewesen.

 

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        Die milde Alte reichte dem Doctor die Hand, er hielt sie fest, und stand, sich von ihrem Anblick erfüllend; ja er wünschte, Er sei der alte gefangene Seligo, ihr Mann, der zurückkehre, und dachte, wie dann dieses alte Gebild in des Greisen Augen lieb, einzig und köstlich sein würde! Die frühere Erbitterung ward Wehmuth, da er sie sahe, und zugleich an Ben-John und an Mirza dachte, mit einem Gefühl der Schuld das ihn betaubte. Er fuhr langsam mit der Hand über das Gesicht, holte darunter schwer Athem und trat, von Thirza leis geführt und gezogen, in das Abendsonnen-helle, wie flammende Zimmer. 
        Die Frau, die schlief, ein schönes Weib noch von mittlen Jahren, mußte Thirza's Mutter sein, das sah er an ihren Zügen. Sie hat drei Nächte gewacht! flüsterte Thirza — mich ließ sie nicht! seufzte die Tochter, denn sie sagte mir, das könnt' ich noch nicht! bis ich — —  Ihr sollt' ich das lassen; denn den Mann Pflegen könne nur sein Weib; sie sei ihm die liebste; doch, mein Gott, bin ich nicht des Vaters Tochter? Bitten Sie nur die Mutter nachher. Setzen Sie sich hier zu dem Vater; er merkt Sie nicht; so liegt er immer angekleidet, als wenn er gerufen werden sollte, bereit aus dem Sofa, und sieht in den Spiegel, bis er ihn nicht mehr halten kann; dann sieht er sich die Kleidchen und das Hütchen der Schwester an, der kleinen Weintrinkerin, wie er sie schilt, auch das Weinglas hat er verlangt, da steht es neben ihm.

 

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Silvati setzte sich zu dem kranken Doctor, dessen Gesicht er schon aus der Falschmünzenverkstatt kannte. Er war ein Mann mit mildem wohlwollenden Antlitz, seine braunen Augen träumten sich gleichsam in den Spiegel vor ihm, und seine Lippen allein verriethen bisweilen eine tiefe Wehmuth, indeß seine blassen Wangen sie fortwährend offenbar zur Schau trugen. Jetzt sah' er in die milde rothe Sonne, und ob ihm die Augen gleich zuletzt in dem Strahl vergingen, ja feucht sich füllten, so ließen sie doch nicht von ihr ab. Das Blaukehlchen, das bis jetzt auf des Kindes Hütchen gesessen, flog neugierig herab, setzte sich auf den Stock in Silvati's Händen, sahe ihn mit zur Seite gehaltenem Köpfchen mit seinen schwarzen Perlenaugen an, wie bang und Jemand suchend, aber die große Natur überwältigte schon mit einem Rosenstrahl der Sonne seine kleine Brust, und es sang, und sang so innig, so laut, daß Thirza zu weinen begann, und hinausging. Die Großmutter hatte die Hände im Schooße gefaltet, Mißtriß Grace, eine Gracie an Gestalt und Bildung, schlug die Augen auf; Silvati lächelte sie an und deutete ihr, ruhig zu bleiben, und sie blieb so.

Von Ferne tönte das Abendgeläut einer Glocke. Sie weckte gleichsam Seligo. Er sahe den Doctor, sahe ihn an, eine flüchtige Röthe überlief sein Gesicht, und es nahm dann einen unbeschreiblichen Ausdruck an. So saß er lange. Dann sprach er

 

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noch wie für sich: also Ihnen soll ich meine Seele anvertraun! Liebe Grace! redete er sein Weib an, sieh nur, der Mensch hier will einem Menschen die Augen zudrücken vor der schönen, schönen Welt! Und ist doch auch ein Mensch! Das will er nur zerblasen wie einem Kinde die Seifenblase! und sie kostet so viel Seifenschaum, so viel lange gehaltenen Athem, und eine Pfennigpfeife.
        Es ist ja der Doctor! sprach Frau Grace, der sich zu uns armen Leuten bemüht, wie Du sonst zu Andern.
        Ach Gott! seufzete Seligo, was wird nun aus den Tausend Gesunden werden? Ich kann nicht fort, und mein Dampfreitpferd — Thirza, wenn wird es denn kommen? Er sah, daß sie nicht da war, und sein Auge blieb nun immer ängstlicher auf Salvati haften, dessen Brust wie centnerschwer beladen war; Seligo griff nach seinem Pulse. Gott, Sie sind krank, Mydoctor! und wie krank, sehr krank! lief er erschrocken und setzte sich auf; Sie sind auf dem Wege zum graden Tode, und kommen zu mir? — Ich, ich bin nicht krank, ich bin nur unglücklich, so etwas besonders unglücklich — Sie wissen? Aber Sie! Retten Sie sich! Ich will Ihnen beistehn!
        Die wunderliche Rede erschreckte Silvati; er hatte die Schuld, die Sünde, den Geiz, die Liebe noch alle, wie frisch blutend im Herzen. Jetzt standen sie ihm vor Augen, als Ben-John, als Mirza,

 

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und als er selbst; denn Seligo hielt ihm den Spiegel hin.
         Silvati war blaß und verstört. 
        Herr College, Doctor, sagte Seligo, Sie wissen doch den großen wichtigen neuen Unterschied zwischen Unglück und Krankheit? Nein? Nicht? Ei! Nun! Also! Das Allersonderbarste und Herrlichste für den Arzt, ja für alle Menschen, selbst für das Parlament Merkwürdigste in der Welt ist: daß der Doctor nicht zu Kranken, sondern nur zu Unglücklichen gerufen wird! Denn der dann vor uns liegt im Bett, oder auf dem Sofa, zum Beispiel wie Ich, das ist wahrhaftig nicht der Kranke! das ist nur der Unglückliche, der Sündenbock. Der Kranke war oft und lange zuvor etwa die Frau — ich meine nicht meine Grace, schaltete er ein, und reichte ihr aus der Ferne die Hand zu — die ihren Mann bis aufs Blut geärgert; die Tochter — ich meine nicht meine Thirza — die durch ihr Unglück ihn tief gekrankt; der Sohn — Gott sei nun gedankt: ich habe leinen — der ihm Schande gebracht und gestorben! Oder der Mann, der sein Weib nicht geachtet — wie Andre oder Anderer Weiber. Der wahre Kranke ist oft schon zwanzig, dreißig, vierzig, ftmfzig Jahre todt, der den Unglücklichen heut durch die Folgen danieder geworfen; der Kranke ist oft tausend Meilen fern, der einen trostlosen, unmenschlichen, oder Hiobsbrief schreibt; oder es ist der Nachbar, der durch seine Fahrlässigkeit las Haus anzündet, daß die Muttter

 

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mit dem Kinde an ihrer Brust erschreckt. Sie aber sind krank, recht krank, und werden Unglückliche machen, recht Unglückliche, denn Sie sind erst in die Krankheit verfallen, gestern, oder heut; denn Sie müßten recht gut sein, wenn Sie schon eine Woche, einen Monat, ein Jahr so krank wären!
Seligo fühlte vor Angst ihm noch an den Puls, und Silvati ihm.
        Frau Grace erhob sich, und machte der wunderlichen, erstarrenden Scene ein Ende, indem sie sagte, und gewiß nicht bedachte, was sie sagte, denn sie sprach: Nein, lieber Mann, Du hast es nur vergessen — Du! Du bist ja der Kranke! und dieser ist der Gesunde, der Doctor!
        Ich krank, rief der arme Mann bebend; krank! — Er ward todtenblaß und sprach ohne Ton: Ja, Jal da hängt ja das Hütchen! Ei mein Kind, mein schönes Kind, mein liebes Kind! Ia, ja! ich bin kranl?, recht krank! Aber nein, nein, nein! Gott sei gedankt: ich bin nur unglücklich — nicht krank! — da, da, da, da steht ja das Weinglas!
        Er wollte es fassen. Die Hände zitterten ihm vor Freude, er ließ es fallen, und es zerbrach. Dann bedeckte er sein Gesicht mit den Händen, sank zurück und verstummte.

 

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        Silvati hatte sich während dieser Scene sogar gesammelt, oder trieb ihn die Unruhe aufzustehn. Die Großmutter nöthigte ihn nun, sich an dem Tische niederzulassen, und ihrem Sohne die passenden Mittel zu verschreiben. Mein armer Sohn, sprach sie mit Thränen, ist nun ruhig, und willig, sich hellen zu lassen. „Krank,“ Frau Tochter, dürfen wir aber bei Leibe und Liebe, ja bei dem Leben nicht zu ihm sagen! Sie wissen ja, das Wort krank heißt bei ihm: schuldig, fehlerhaft, irrend und lieblos. O mein Gott, er weint noch still! Und nun bitte ich Sie, Herr Doctor, sprach die Großmutter zu Silvati weiter: Fallen Sie ja nicht in seinen Fehler, in das Mitleid, wodurch er das liebe Kind geopfert! Curiren Sie ihn um Himmels willen, ohne Mitleid, aus purer Kunst und Wissenschaft! Mitleid ist das größte Laster für den Arzt, sagte mein seliger Mann — wenn er selig ist! Es hemmt ihn, klar zu denken, und übermannt ihn.
        Silvati sahe die alte herrliche Frau an, die ihren Mann selig genannt. Er wußte das besser, und — lächelte über die Welt. Und doch war wiederum Alles so schön, so lieb, so rührend, was er hier sah, daß er fortlächclte, aber ganz anders und freundlicher. Da lächelte die Alte auch! und nun wollte er gar weinen, doch sparte er sich es auf bis nachher.
        Er hatte den Sinn der Worte des Alten verstanden.

 

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Er versenkte sich nun, wie er meinte, tief genug unter das kleine Zimmer, darin er war, ober erhob sich hoch genug über Wolken und Sterne darüber, um kühl und gelassen zu sein. Er trat gleichsam zum Schöpfer des Menschen im Geiste, und sahe nur Einen Menschen vor Augen, das Vorbild, nach dem er ihn einst gebildet, wie Alle sein sollen, gesund, heiter, schön, wie ohne Alter, in seiner Kraft und Fülle. Neben dieses Göttergebild stellte er nun Seligo den Sohn, wie ein Traumbild, und verglich ihn prüfend genau mit des Schöpfers Meisterstück, und zählte, und wog und erwog, was ihm dazu fehle? oder was zu viel, was Geist- oder Leib-Entstellendes und Bedrükkendes an ihm sei. So scharf unterscheidend, schien er's zu finden. Aber der Geist, der es fand, war selber wie in einem Nebel, das Herz wie im Aufruhr. All' sein Wissen lag wie ein klares Gefild im Sonnenglanze vor ihm; aber Er, der wählen, der wie auf der Goldwaage auf ein Haar wägen sollte, er sahe nicht klar. Sein Auge war von einem innern Flor bezogen, und seine Hand bebte noch leis, als er schrieb. Thirza war leise wieder genaht, Sie sah mit ihren unschuldigen Augen ihm zu — ja in seine! Er empfand, daß er schon liebe, aber auch: daß er nun Mirza Nicht werth sei zu besitzen — Mirza, die ihn geliebt, ja durchschaut — und Thirza sah ihm noch so unschuldig in's Auge! so dankbar! Ihr Wesen war Freude und Hoffnung.

 

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Er gab ihr das Recept — und Goldstücke. Sie erröthete wohl. Aber nur ihre Augenlider, die sich schlossen, bedankten sich sanft bei ihm, nicht ihr Mund. Die Mutter drückte ihm die Hand.
        Seligo hatte sich aufgerichtet, und sahe dem zu. Herr College, sprach er, nur Eins. Wenn ich denn sterben muß, und ich muß, so bitte ich Sie um die einzige Gnade, daß ich noch heute, längstens morgen sterbe!
        Du bist sonderbar! sagte Frau Grace.
        Ich dächte, ich wäre recht wie gewöhnlich, was die Menschen gut nennen, meinte er dagegen. Sehen Sie, Herr College: Uebermorgen sind die sieben Jahre um, für welche ich meinen eigenen Kopf bei der Phönixgesellschaft versichert. Es wäre also sehr rechtschaffen gedacht: ich stürbe noch.in den sieben Jahren, dann bekämen die Meinen die goldene Asche für mein theures Haupt, denn ich hatte es hoch versichert; sterbe ich aber drei und zwanzig Stunden, ja nur drei und zwanzig Minuten später, so sterb' ich umsonst, oder gratis, ja es verlohnte dann kaum mehr der Mühe! Die Gesellschaft ist, was man sagt: eisern, der Phönir wird ein Basilisk, sieht die Meinen bitter an, und sie verwandeln sich in Bettler! Sehn Sie nur die drei Engel — sie werden Bettler! Und ist meine Mutter auch alt, so schwör' ich bei Gott: sie ist ein alter Engel, ein uralter, ewiger — und nur so alt in der vergänglichen Menschengestalt.

 

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        Silvati dachte jetzt blos, daß bald der Großvater Seligo, aus seiner Gefangenschaft erlöst, zu den Seinen eintreten, sie Alle entzücken und mit Gold überschütten werde. Er dachte die Freude. Und Seligo der Sohn, der ihn mit seinen durchdringenden Menschenkenner-Augen jetzt lange ansah, sprach erfreut: College! es freut mich, Sie bessern sich sichtbar! Vielleicht hilft Ihnen der Herr über die Krankheit. Hülf' er nur mir auch heute, längstens morgen, ihr Kinder! bittet das! sonst habet Ihr nichts, und mich obendrein! so bedenkt doch Kinder!
        Blaukehlchen war auf das Hütchen des Kindes zur Ruhe gegangen, die Sonne zur Ruhe. Der fallende Nebel hatte die Gegend umflort; es war düster, ja finster. Der Kutscher draußen hatte die Laternen schon angezündet. Silvati tröstete den armen Seligo, drückte ihm sanft die Hand und schied. Alle Drei wollten ihn hinaus begleiten. Aber Seligo hielt seine Grace, und die Großmutter las die Glasscherben auf, in die sie getreten. Und so ging nur Thirza mit ihm. Im Hause brach sie in Thränen aus. Und da es dunkel war, stützte sie voll Unschuld die Stirn an seine Schulter, und frug, leise bekümmert, nach dem Schicksale des Vaters. Silvati umschloß den jungen Engel und hielt sie so, die das kaum empfand. Er brannte ihr zu sagen: der alte Vater Deines Vaters lebt!
        Das weiß ich ja, sagte sie fromm.

 

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Du meinst den im Himmel! Thirza, nicht wahr? Sie schwieg. Ich aber meine den, sprach er hingeriffen, den Du gewiß nie gekannt, den nur menschlich alten Vater, den verschollenen Doctor Seligo — er lebt! Sage das der Großmutter! —
        Und schnell wollt' er scheiden, um den armen Leuten zum Trost nicht Alles zu verrathen. Aber er fühlte sich im Dunkeln wie von Geisterhänden umklammert. Es war die Großmutter, die ihn ergriffen und festhielt; aber sie konnte vor Schreck nicht sprechen. — Er lebt? frug Thirza, und drückte Silvati an die Brust.
        Von der Hoffnung habe ich nur gelebt! schon so lange! seufzte die alte ehrwürdige Mutter. Aber so hat es mich oft schon geäfft und gerufen! Ich fürchte mich wegzugehn; denn wenn ich Licht bringe, ist der Bote verschwunden! dann steh' ich allein, und weine nur wieder.
        Ich verschwinde nicht! Ich hab' ihn gesehen; ich komme wieder! sprach noch Silvati mit Hast, und riß seine Hände los aus der Hand der verwaiseten Gattin, und Thirza's.
        Sie ließen ihn gehen; und seinen Worten glaubend, stützte die Eine sich an der Anderen und Beide weinten leise und schwiegen. Doch Thirza durchfuhr ein Gedanke, der, zu erfahren: wo er lebe! Frau Mill erschien ihr fast sichtbar. Sie mußte ja so in die Stadt mit der Vorschrift. Sie küßte die Großmutter froh und eilte davon.

 

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Hoffnung, doppelte Freude um Vater und Großmutter erfüllte sie wieder; und so erlaubte das gute Kind sich auch wieder, an sich zu denken. Und so war ihre heimlichste, lispelnde Freude im Herzen: — Er nannte mich Du! Ia, als sie eine Freundin traf, die nach Hause ging, sagte sie ihr statt des Grußes: „Er nannte mich Du!" und entfloh ihr vor Schaam der ersten Liebe.

 

 
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