Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 IX. Thirza, Mirza und Alceste

 

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        Schon nach Einer Nacht haben alle Dinge und Vorfälle ein anderes, milderes, ja gewöhnliches Ansehn, denn der Schlaf hat sie in das Meer der Träume getaucht, sie mit allen alten Gefühlen und Erinnerungen vermischt und der neue Morgen, thut wie ein Apotheker, zu bittern Latwergen quantum satis — Himbeersaft dazu, so daß der Mensch, der in den neuen blauen glänzenden Himmel sieht, und die Dinge aus der Seele darinnen sich spiegeln, ja sich bewegen und leben sieht, ja nur zu Allem lächeln kann, die Augen zumacht, weggeht, und sie gleichsam da droben läßt — im Himmel, und Gott befohlen. Dann treten die Erdgeister wieder zum Menschen, dienen ihm, und er ihnen, und sie stehen als Theemaschine und Rumfläschchen, ja als Frau Mill vor ihm und beschwatzen ihn.
        Frau Mill war wie jung gemahlen durch das Geld; denn schon über der Mühle zu Nirgendheim stand oder steht noch da, wo sie

 

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steht: Wer kann zahlen, wird jung gemahlen. Und ob es gleich viel Geld war, und sie auch rieth. Alles richtig nur halb zu bezahlen, um nicht zu sagen „halb schuldig zu bleiben“ und meinte: Mahnen ist die größte Beleidigung! und Viererlei Lebenslichter: Richter und Dichter, Creditoren und Doctoren darf Niemand total beleidigen! nein, Jeder vertheidigen, und ob sie gleich ungewiß blieb, wie wiederum diese Vier Lebenslichter sich gegenseitig mit ihrem Geviertschein leuchten und wärmen, ob putzen oder nicht putzen sollten, damit kein Nieset ihm schade, und lieber jedes dem andern Glück zubrenne, — so war das Geld doch bald alles weg, um die Zimmer, den Saal und den Keller, den Keller nur halb so erfreulich auszumöbliren, wie bei Herrn Hammer.
        Gern hätte Silvati die schöne Mirza wiedergesehn, gern den alten Seligo besucht um der „Lebensversicherung“ willen; aber der Erfolg der Cur des Ehehindernisses war abzuwarten, und so wies er es nicht von der Hand, vis-à-vis mit Mylady Will-William ganz vorzüglich zu speisen, die, um ihren Jugendfreund zu haben, sich einmal entschlossen und eingeschlossen, um in den vierzehn Tagen einmal alle ersten Theile von Walter Scottischen Romanen von pagina ♣ bis  pagina 200 zu lesen, von wo sie vorher immer gleich angefangen: und sie war so bezaubert von diesen 30 Mal 200 Seiten, daß sie dieselben auf ihre Kosten als Damenbibliothek wollte drucken ja in das Persische übersetzen lassen, als neue Suite der

 

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Feenmährchen; denn ganz homöopathisch curirten sie ihr die Langeweile. Indessen hatte er den Aufsatz gegen den Mohren Sir Christopher geschrieben, und Tages darauf schon dagegen ein Danksagungsschreiben vom Architecten Herrn Klimm erhalten, worin er ihm zugleich gemeldet, daß er Herrn Christopher auf zehn Tropfen Oleum Crotonis herausgefordert und daß er sich ihn als Sekundanten erbitte. Nach acht Tagen erhielt er eine prächtige Equipage, gewiß von Ben-John, mit Pferden und apanagirtem Kutscher zum Geschenk. Denn das fein gemalte und geschliffene Wappen auf der Wagenthür war eine sehr schöne Maske mit weißer Nase. Er fuhr darin sogleich seinen Dank abstatten, und Ben-John sagte ihm jetzt eigenmündig, daß ihn Mirza bei der Cur überrascht, verwundert über das unaufhörliche Feuerschlagen; da sie nun aber gar gesehen: wohin er es schlage, weswegen er schlage und daß seine Kniebel geblutet, so habe das arme Kind sich ihm zum ersten Male an das Herz geworfen und Ja gesagt; und obgleich durch die Cur nur ein blüthenblattgroß wiederum menschlich an seinem Patienten erscheine, also Hoffnung sei, daß derselbe dadurch ein ganzer Mensch werde, so verdanke er doch Alles seiner -— Methode. Die blassen Wangen Mirza's widersprachen aber dem Ja, und sagten wie schweigende Lilien „Nein!“ oder „ich sterbe bald! gewiß, gewiß!“ Desto schöner nahm sich eine ganz aufgeblühte Nelke aus, die sie in ihren Lippen hielt.

 

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Ja als er mit Ben-John zum Fenster hinaus sah, und Mirza im zweiten Zimmer daneben auch, bemerkte er ein Halsband von Corallen an ihrem weißen Halse, daran zwischen den Corallen eben so große goldene Kügelchen waren, und jetzt hatte sie Jasmin an der Brust, und ibre Fingerchen spielten mit einer Papageienfeder, während sie eine Narcisse liebkosete. Das war Blumensprache! Er glühte. Und als er nach Hause fuhr, schlug er im nächsten Buchladen nach, was sie mit diesen und mehrern Zeichen geredet, ja die Farben, die Windung ihrer Tücher suchte er sich zu deuten. Ein junger Türke in einem Caffeehause belehrte ihn, und sprach lächelnd: Wenn Euch das geschehn, seid Ihr glücklich! denn die Corallen sprachen: Gefallen, das Gold: hold, die Nelken: verwelken, und die Feder — befreien! der Jasmin —Nimm hin! Ihr seid glücklich! — Er mußte aufbrechen, denn das Prädicat „glücklich“ und der Pluralis „Ihr glücklich“ hatte ihm zweimal das Herz durchstochen, so daß die Unmöglichkeit nur sein Arzt war. Des alten Seligo, hatte Ben-John nicht gedacht.
        Da kam gegen Abend ein Wagen. Ein Herr stieg aus, meldete ohne falsche Schaam sich gleich selbst als Mr. Rose, den Kammerdiener Sir Ned's des Sherifs und übergab dessen Brief, in welchem er ihm sein halbes Vermögen versprach, wenn er seine Tochter Alceste ihm rette.
Redensarten! sagte Frau Mill; Gott, wenn wir das hätten, oder und

 

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nämlich nur Ich, was Kranke blos Mydoctor Hammer versprochen für sein Verschreiben! Er hat sich gewiß nicht so oft verschrieben, als sich die Herren versprochen. Denn nachher kommt statt der halben Vermögen total nur ein halbes Mastschwein von drei hundert Pfund, nämlich Fleisch, oder höchstens ein Mastochse, auch fett, das muß man sagen!
        Sir Ned, würde halten, was er versprochen; so liebt er sein Kind; sprach Mr. Rose gelassen, und Miß Alceste — sie würde ihr ganzes Erbe geben, nur um den Vater gesund zu sehen, wenn sie gesund wäre. Die Grafschaft grenzt mit London zusammen, wir sehen's von unserem Schlosse. Ich bitte also! Schon den Doctor erblicken ist ein Trost, wie die Kinder Israel vom Anblick der Schlange gesund wurden, und wenn Er spricht, spricht Moses oder der feurige Strauch.
        Frau Mill hatte ihrem Silvati kaum zugeflüstert: Der ist ein Jude, und meint' es gut mit der Schlange, als nach überhörten. Anpochen die Thür aufging, Frau Mill die Eingetretene erkannte, und ihr sagte: Nur nicht so schüchtern, mein artiges Kind! mein wie gemaltes Kind! Ach Gott, mein Eigenes ist total nur gemalt, und nichts mehr wie gemalt. Drüben hängt's, leibhaftig wie Ich, nämlich Ich vor funfzig Jahren. Aber Sie, Sie sind ein leibhaftig großgewordenes schönes Kind, Miß Thirza. Heut' treffen Sie glücklich Mydoctor.
        Während dem hatte sich Thirza erholt; ihr Herz schlug nicht

 

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mehr so athembefangend, die Röthe von ihren Wangen zerfloß gleichsam wie rother Schnee, und ward zu weißem; sie strich sich unmerklich, wie sie wohl meinte, die Locken aus dem schönen Gesicht und unter den einfachen Hut, aber ihre sauberen Füßchen wollten sie nicht die wenigen Schritte bis hin zu dem Doctor tragen, sie hielt die Hand an die Stirn, und es schien, als ob sie verborgen weine.
        Silvati war gerührt, ein so reiches Mädchen wie er wußte, so bescheiden, ja so gebeugt vor sich zu sehn; und wenn auch ihr Röckchen, ihr Tuch, ihre Strümpfe, Alles sehr rein und sauber, ja lieblich erschien, so war Alles doch ärmlich. Und so ging er zu ihr, er faßte gutmüthig ihre linke Hand, die in der seinen leise zitterte, und auf die sanftesten, teilnehmendsten Fragen begann sie nur wehmüthig halblaut zu sprechen, und wollte fragen: Gehen Sie auch zu armen Leuten?
        Silvati war stumm vor reinem Gefallen an der rührenden Gestalt, wie sie selten so schön und himmlisch im Leben erscheint und noch seltner beachtet, am seltensten aber als das himmlische Bild der Götter erkannt wird. Auch war er stumm vor Gedanken und Drang. Das war das Engelsköpfchen, und nicht nur mit Locken, denn hier war mehr, die ganze vollendete Gestalt.
        Ach, flüsterte sie, mein Vater — der Doctor Seligo, ist nun selber krank, und wo soll ich hin? Wenn Sie nicht so kommen

 

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wollen, so geh' ich wieder. Und gern, recht gern! Glauben Sie mir und seien Sie nicht bös auf mich, daß ich kam! Ich will nicht wieber kommen — gewiß nicht. — Die Wehmuth überwältigte sie, und sie vergoß nicht zu verbergende Thränen.
        Silvati war bewegt.
        Entschuldigen Sie, fuhr sie dann fort. Letzthin war meine kleine Schwester krank; mein Vater, sein Herz wohl kennend, und seine Angst um sie, wollte und konnte ihr nichts geben. Er spricht, ein Arzt muß die Seinen nicht heilen, weil er sie zu sehr liebt; er eilt und übereilt, der Mensch, der Vater wird der Arzt, und der Arzt wird ein Unmensch.
        Ja, sprach Frau Mill, die Angst ist zu groß, das Zutrauen zur eigenen Kunst und zu den Mitteln zu klein, und so wird studirt in allen Büchern und ein Potponeri für den Tod gebrouen. Darum Muß ein Doctor auch keine Liebe zu irgend einem andern Menschen haben! Wer aber gleich gescheidt ist, der schickt gleich nach einem Collegen; um wenn es denn sein muß, lieber Ihm, als sich das Gewissen zu beschweren. Denn Mann und Frau ist ein Leib, und ein Kind die Ananaskerne dazu und daraus.
        Nun, darum lies ich zwei Stunden vergeblich umher, erzählte Thirza. Endlich traf ich die Nichtgefundenen im Old-Hock oder Rüdesheimer-Klubb, und ein vornehmer Arzt, der im nach Hausegehen war, hatte endlich die Güte; ein wenig umzugehen, zu Uns.

 

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Die Mutter und die Großmutter erschraken vor ihm bei Licht. Er untersuchte das Kind — endlich schleuderte er ihr Händchen weg und sprach: Sie ist betrunken! Ausschlafen! ausschlafen! sagte er, und ging — ausschlafen, wie der Vater sagte. Und nun da kein Tropfen Wein in unser Haus kommt, entschloß sich der Vater und verschrieb, als er lange gesonnen, was der Schwester wohl sein könne? Sie war am Morgen noch unwohler, er verfolgte sie nun mit Mitteln. Das Kind nahm Alles geduldig — bis sie nach den Vater um Hülfe rief, sich fest, o so fest an ihn anklammerte — und starb. Da erfuhren wir erst von der Nachbarin, die uns nach dem Kindtaufen bei Ihr zum ersten Male besuchte: daß meine Schwester ein Glas Wein bei dem Schmause bekommen und als was Seltnes getrunknen und aus Furcht vielleicht verschwiegen als wenn sie gebettelt! Dos' hatte das Kind am Morgen vergessen. Die Nachbarin war außer sich, als sie das liebliche Mädchen nun todt sah.
        Da sehen Sie! sprach Frau Mill, daß selbst ein betrunkener Doctor noch weiß, wer betrunken ist; dann ist sein Geist erst scharf; wie gefrorener Wein in der Mitte, liegt der Geist in seinen Augen und wohnt in seinen Fingerspitzen, wie bei den Blinden. Die arme Kleine!
        Ach, ihr ist wohl! sprach Thirza leiser; aber der Vater! der Vater ist nun krank, und wie! und mit dem Mittelfinger ihre Stirn

 

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berührend, flüsterte sie kaum hörbar: und wo! — Wenn das Kind auflebte, das wäre vielleicht das einzige Mittel!
        Silvati seufzte, hieß die wie Betäubte niedersetzen und sagte ihr gutmüthig lächelnd — die einzigen Mittel haben wir Aerzte nicht — die haben die Menschen, die Kranken, früher: wenn sie noch Gesunde sind! Darnm haben wir denn meist keine, oder so gut wie keine!
        Ach, so schlimm, seufzte sie wieder. Sie sprechen wie mein Vater sprach. Darum sind wir auch arm, recht arm, aber auch gern, recht gern, und wenn noch ärmer. Wie konnte er auch etwas haben? Denn nach seiner Weise ging er selten zu Kranken — er gerieth auch immer in Zorn, wenn einer schickte. Das merken die Leute bald und kommen nicht wieder; und er sagte ihnen wohl noch: der Tod macht der Natur Schande, aber die Krankheit dem Menschen!
        Das ist das Sprichwort meines Herrn, bemerkte Mr. Rose.
        Wenn nicht allein und nicht immer der Mensch gemeint ist, der krank liegt, wie Heere von Armen, ganze Lazarethe voll Verwundeter, nachhenge Bänkelsänger und Krüppel von Matrosen und was hier zu sagen wäre, so sind' ich die Meinung sehr wohl gemeint, entschuldigte Silvati.
        Und mein Vater meint es so wohl und verdient wohl Hülfe, sprach Thirza wie begeistert. Wie er sagt, daß man den Reichen nur leben lassen dürfe, wie den Armen und den Armen eine Zeit nur

 

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wie den Reichen, satt, trocken, reinlich, bequem gepflegt und sorglos, um Beide gesund zu machen, so nimmt er uns oft das Brot vom Tische, und tragt es im Dunkeln den Armen hin, sich zuerst satt zu essen; oder was ihm ein durch seinen Rath Gesundgewordener freiwillig nach seinen Kraften gegeben, das trägt er den Andern hin, und wir gehen gern recht schlecht angezogen, gewiß recht gern. Aber selten empfängt er etwas. Denn da er nur bei anscheinend Gesunden umhergeht, sich wie ein anderer unverständiger Mensch unter die Menge Volks in Vaurhall, in den Theegärten, ja wohl auch auf den Tanzsalen und in den Schauspielhäusern mengt, ja in dem Strome von Menschen auf den Straßen curirt, wie er sagt, und wie er thut, durch guten Rath in bestimmten Fällen, durch eine Warnung, eine Ermunterung, und die lieben alles selbstbedürftigen oder einen solchen wahren Arzt noch nicht würdigenden Menschen für die tausend Curen, die er gewiß, gewiß schon gemacht, ihm nicht das Geringste geben, nicht anbieten, ja ihn oft mürrisch oder höhnisch ansehen, wohl gar auslachen, und das Parlament darüber noch nichts bestimmt hat, so können Sie denken — —
        Daß Ihr geschlagene Leute seid! total! setzte Frau Mill vor Ereiferung fort. Das ware Mydoctor! „Sie leben wie sie wollen, und sterben wie sie sollen,“ So ist es recht, und doch muß der Arzt curiren, das ist die Kunst, und gewiß, gewiß keine Hexerei. Und

 

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doch muß er reich werben, denn die Menschen singen das Lied nun so: Herr, wie Du willst, so schick's mit mir im Leben — nur nicht sterben! Nehmen Sie mir es, nicht übel, My-Thirza, aber bei Ihrem Herrn Vater, dem Mydoctor Hammer zu viel zugetraut, weil die Lanzette auf ihn, nämlich den Dr. Seligo als den Einzigen Arzt in London, mit Fingern gewiesen, und weil Mydoctor sich über dieselbe scharfe Lanzette zu Tode geärgert, weil, sie ihn ein paarmal, punctirt, ohne daß er grade die Wassersucht hatte — denn in unserem Keller war nur der edelste Wein — — mit Ihrem Herrn Vater muß es lange schon hier hinter der Stirn. — 
        Mr. Rose hatte, das Ende dieser Ergießung der Frau Mill vermuthend, ihr schon eine Priese geboten, und sie nieste, wie von Hellehorum den Unsinn weg.
        Wollen Sie nun noch kommen? flehte Thirza, hatte, die Hände gefaltet und schlug kein Auge auf.
       Während dem hatte ein, Wagen gehalten. Es war, herauf gekommen, und Alle überraschend trat heftig, und doch mit edelem Anstand, Mirza herein. Sie sprach nicht, sie grüßte sogar nur leicht, aber sie ging auf Silvati lächelnd zu, wie ihrer Sache gewiß, faßte ihn bei der Hand, um ihn grade fort zu führen. Mit der andern Hand ergriff sie seinen Hut und setzte ihm ihn auf.

 

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Ach, Sie kommen nun nicht. Doch will ich wiederkommen, sprach Thirza.
        Silvati war verlegen, und schwankte wie von zwei Magneten angezogen. Mirza's Auge durchdrang gleichsam mit bitterem Blicke das schöne schone Mädchen, das ihr selbst ein Erröthen abzwang; und da Silvati noch stand, sprach sie endlich mit stolzem Verdruß, als vermöge sie, sie selbst nichts über ihn in Gefahr, und kalt lächelnd, als möge sie das nun auch nicht, sie sprach: Mein Ben-John — er ist tödtlich verwundet — und daß es meinetwegen geschehn, das allein treibt mich hierher, Sie fortzureißen! Bei uns ist Schreckliches.geschehen! Und mit einer Kraft, in der Eifersucht, Liebe, Güte, Dankbarkeit, Hoffnung und Haß sich vereinten, zog sie ihn wirklich die Treppe hinab bis unter die Thür. Alle übrigen waren nachgeeilt. Thirza stand bescheiden von fern. Mr. Rose bat wenigstens um ein Wort Bescheid. Frau Mill aber entschied: Jeder nach der Reihe! wie Jeder in der Schlacht verwundet wird, der Schiffsjunge vor dem Admiral Codrington sogar; das ist die Regel — und ihm in's Ohr sprach sie: Denken Sie an das halbe Vermögen! Die Gratial-Kutsche steht ja im Schuppen. Weiter setzt es nun nichts.
        Silvati aber durchfuhr ein anderer Gedanke. Er dachte nicht: daß Ben-John schon gestorben, sondern daß Mirza frei sei, wenn er

 

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nicht schnell ihm zu Hülfe eile; nicht, daß sie Ben-John verliere, nein, daß er sie erwerbe — er setzte nur einen Fuß auf den Tritt von Sir Ned's Wagen — und so that er wirklich — er rettete ihm vielleicht seine Alceste, auf dem Wege versorgte er den Vater der unvergleichlichen Thirza, und Mirza — wenn die Noch wirklich groß war — Mirza war sein! Eine Stimme aber sprach in ihm heimlich, doch stark und fast spöttisch: „Bewahre der Himmel, daß der Mensch seine Pflicht thun sollte! Das kann abscheulich sein. Nein, edel soll er sein, immer das Edelste thun, immer das Schwerste, wobei Er nichts erwirbt, ja Alles verliert, selbst Liebe und Leben! Seine Feinde aufsuchen, helfen, wo es Gott nur weiß, und das Alles ohne Lohn, nur weil er ein Mensch ist, das heißt und ist das edelste Wesen unter der Sonne. Sonst — sonst überfällt ihn Schuld, Reue, Unglück, alles Seelenleid, und habe er Gold erworben so viel er —“ Nein! Gold nicht! sprach sein Herz und Mirza's Schönheit, Mirza's deutliche Liebe. Er sah ihr in die Augen — sie brannten düster auf ihm, ihre Wangen waren blaß, und ein Zucken spielte um ihren Mund. Die Kraft ihrer Hand hatte nachgelassen — er mußte sie besitzen, und so stieß er sie halb von sich, halb riß er sich los. Er- hob die fast erschrockene Thirza mit Hast in Mr. Rose's Wagen, drängte ihn selber ihr nach, noch ein Blick auf Mirza — und sie

 

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stand mit niedergesenktem Kopfe, purpurroth im Antlitz wie von der untergehenden Sonne; dann wechselte sie plötzlich die Farbe; gleichsam ein Geist bewegte sie und machte sie plötzlich lebendig, ja wie begeistert, und doch wie entseelt; sie warf sich in ihren Wagen und brach in hörbares Weinen aus. Ihr Wagen rollte dorthin, sein Wagen mit der bebenden Thirza nach jener Seite.


 
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