Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 VIII. Der Lanzettenkrieg.

 

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        Als Mensch war Silvati sehr unzufrieden. Durch arges Mißverständnis hatte er einen Schatz gesehen, der seine ganze Seele augezogen, er hatte eine heilige Ehrfurcht vor der Welt bekommen, die den Schatz enthielt, köstlicher als eine Masse gediegen Gold, London, Straßen, Häuser, Mauern, waren ihm alle sonderbar ehrwürdig geworden, wie Muschelschalen dem Perlenfischer, denn in eben auch nur so gewöhnlichen reihen Ziegelsteinen war die Krone der Perlen — Mirza von ihm gefunden worden. „Gefunden!“ verspottete er sich selbst, und vermochte kaum die Gedanken genug zu sammeln, um in sein rubricirtes Doctorbuch in Folio: Datum, Kranke — Ben-John und Selige — Krankheit, Prognose, Verordnung und Recept einzutragen. Die Rubrik zum Verlauf und zu geheimen Anmerkungen füllte seine Phantasie mit dem zur Verwünschung lieblichen und reizenden Gemälde der Aldobrandinischen Hochzeit aus, das kein Raphael erreicht hat, und

 

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die Natur nur des Jahres vielleicht tausend Mal durch ihre lebendigen Bilder geheim übertrifft. — Als Arzt war er schreckend gewarnt, und höchlich entrüstet; wenn keine Gefahr darauf gestanden, hätte er gern die Falschmünzerwerkstatt durch das sechs hundert Mann starke Bataillon seiner Herren Collegen gestürmt gesehen — Mirza befreit, Seligo erlöst, und Ben-John und den todten Bäcker ersäuft! Aber — Clarissa, dachte er, und befahl einzuhalten! Er verwahrte sein Geld. Denn als neuer Doctor hatte er Ursache, zufrieden zu sein; denn er hatte — per tot discrimina rerum — in drei Stunden gegen acht hundert Thaler verdient, oder doch bekommen, lächelte er, und eine fremde Begier unter dem Bilde der aurea Praxis zog wie ein schwarzer Geist in ihn ein.
        Frau Mill aber, die er verwundert im Sonntagsstaate gefunden, setzte ihm in diesem entscheidenden Augenblicke noch sehr zur Unzeit eine goldene aufgemachte Dose hin, die ihren glühenden Spiegel ihm zeigte. In derselben lag ein „kaum unterscheidbarer Ring von Straus“ wie sie sagte. Während seiner Neugier aber hatte auch sie die Rubrik — „rothe Nase“ gelesen, als sie ihm bittere Vorwürfe machte, seine Jungfercur an diese gesetzt zu haben. Empfiehlt Sie Ben-John an Mit-Patienten, jammerte sie, sind Sie bei Zweien — Dreien glücklich, so sind Sie unglücklich! und erhalten, wie ein Gefängniß, den Namen: „Rother“.

 

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— — Sie schnupfte vor Jammer und Zorn, und sprach: ein neuer Doctor, der noch auf keinem, geschweige festem Fuße steht, muß sich vor allen bedenklichen, besonders gefährlichen Curen in Acht nehmen! Da war Mydoctor Hammer gewitziger! Das Volk ist einmal so dumm wie eine vernagelte Kanone, erzählte er mir einmal, die da steif und fest glaubt, selbst der Tod, wenn er Kranke gesund mache, sei ein gescheidter, glücklicher Doctor, und wenn dem Doctor der Astronomie, Paraphrastus Theocelsus die Kranken stürben, so habe er wenigstens nicht mehr Glück als Verstand. Glück ist die Hauptsache, besonders beim Doctoriren, und es ist ein wahres Glück, daß die Menschen gelungene Curen nicht der getroffenen Ordnung der Natur zuschreiben, sondern dem Glücke; mißrathene aber dem Unglücke, nicht dem Unverstande; sonst wären die Aerzte glücklich, sagt' er. Denn einen Patienten Umbringen, hat Paraphrastus gesagt, sagte My-Hammer, ist kein Unglück, und denselben gesund machen, ist kein Glück, vielmehr ist es der Ausgang und das Ende, welches Indiction gibt, wie erfahren und geschickt ein Medicus ist.
        Die in ihrer Kunst gewiß sind, sind gewiß auch die glücklichen Aerzte, die Andern sind die Unglücklichen! versetzte Silvati. 
       Gewiß — im Gewissen! hat My-Hammer gesagt; fuhr Frau Mill fort. Doch meinte er: Glück wird noch lange Glück sein, sang

 

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bisweilen aus dem schönen Liede den Vers:

„Unser Bißchen, Unverstand
Ist mit Finsterniß umhüllet“


und spielte damit bescheiden in seinen Curen auf gute Naturen, gut Wetter, gute Pflege, oder auf die gute Providenz an. Er war aber auch aus Erfahrung vorsichtig, denn als er sein schweres Amt angetreten, haben ihm einige Neider und Practicanten eine Politik spielen wollen, und ihn als schon ziemlich- applausirten oder beklatschten, ja oft heraus gerufenen Arzt zu solchen Kranken empfohlen, von denen er jedoch nur noch das Eine Bein außer dem Grabe gesehn, oder die schon alle Büchsen ausgekostet und ausgebraucht, und desperat worden sind. Aber er hat klüglich gewartet, bis einer hohen fürstlichen Person nur ein Kleines gefehlt, was bei Ihnen gleich ein Großes ist, oder wo bereits durch Mühe und Fleiß der Andern ein Herr glücklich in die sogenannte kritische Lage gebracht war, wo e« mit bloßer geriebener Semmel Wunder gethan. Den Possen hat er sich wohl gemerkt, und darum in seiner letzten Krankheit den Doctor Seligo — — 
        Seligo! Welchen Seligo? frug Silvati mit Hast,
        Ich kenne nur Einen!
        Wie alt ist er?
        Ein Funfziger. Seine Tochter war heute hier.
        Mein Gott! stöhnte Silvati.

 

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Aber auch mein Gott! lassen Sie mich doch nur reden! ausreden! Sie sind heut' gar nicht so unterhaltend wie sonst! 
        Aber er mußte noch fragen: wie heißt sie denn? ist sie hübsch? wie alt?
         Darauf antwortete Frau Mill kurz ab. Sie sagte: Thlrza; hübsch nicht sowohl als recht schön; und grade recht jung. Sie kam nach Ihnen, und hat gewiß einen Andern geholt. Also Mydoctor glaubte nächstens der gottselige Doctor Hammer zu heißen. Nun sagt' er schon vorher oft, wenn er sich manchmal lobte: Ich bin nicht Dr. Frustra! aber auch nicht Dr. Gratis, der für die Cur von allen Patienten nichts nimmt — als das Leben! Und wahrscheinlich, sag' ich, wollte er sich auch nicht selber curiren, weil er das erstlich nicht geben mögen mochte, und Nichts für die Cur bekam. So collegialisch wäre er gewiß mit sich umgegangen. Von sich selber nahm er nichts ein — Mir gab er auch nichts, wenn ich etwa pimpelte, denn sagt' er, er hätte mich zu lieb! Und so leb' ich heute noch durch den guten Mydoctor. Und das bitte ich mir auch von Ihnen für alle meine treuen Dienste zum einzigen Danke ausl Also „Aber" — sprach damals Mydoctor wohl überlegend: Aber welchen Viel-Kundigen Doctor soll ich nun abhalten durch meine Cur vom Geldverdienen? Wem soll ich die Schelle meines Todes anhängen? Denn curirt er mich Ja, so heißt es: der berühmte Dr. Ich ist Gott sei Dank noch Doctor; curirt er mich Nein, so ist er in allen meinen

 

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Häusern disfamirt, und erhält sie gewiß nicht zu Kunden. Feinde hatt' er genug — doch Dr. Seligo sollte die Schelle . . . .
        — Ich möchte doch hin! unterbrach sie Silvati.
        Wissen Sie Wo-hin? Wo wohnt er denn? entgegnete sie, und erzählte nun die lange Geschichte, auf die er nicht hörte, und nur wieder vor sich hin sprach: Thirza ist ein reiches reiches Mädchen! Wenn sie das wäre! Ich rede zwar wider meinen Vortheil, fiel Frau Mill ein; denn gute Nacht Haushalten, wenn eine Frau ins Haus kommt! aber ein Doctor ohne Frau wird nur für einen halben Menschen angesehen, und aus Scheu nur zu dem halben Menschengeschlechte geholt, und er ist auch hart und eigensinnig im Hause. Wer aber einen Gewitterableiter im Hause hat, der geht dann mit Andern milder um und schämt sich außer dem Hause. Die gute Thirza ist arm — sie hat mir ihr Herzchen vom Halse gegeben, sie nur bei Ihnen zu melden. Da ist es! den Apotheker wollte sie ihre schwachen Ohrringe zum Pfande geben für die Medicin. Ich wünschte ihr guten Eingang und Ausgang. Ihnen dachte sie gar nichts zu geben, weil sie zu einem neuen Doctor des guten Zutrauens lebt, daß er Zeit, Fleiß und Billigkeit hat. Sie wollte wiederkommen, wenn sie — —

 

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        Da klingelte die Saalthür. Frau Mill nahm diesen Augenblick wahr, wo er sie nicht lange schelten konnte, um ihm leiser zu sagen: Mylady Will-William will Ihnen noch sehr wohl. Die liebe junge Frau war allein, das war mir lieb, denn da hat man Gedanken und ist willig. Erst zürnte sie — dann lachte sie, dann hörte sie, dann antwortete sie: Aber das müßte bald sein! Mylord kommt in vierzehn Tagen zurück. — Und so wird sie denn morgen Abend punkt sieben bei Tafel in großer Gesellschaft krank werden, und nach dem Doctor Silvati — Silvati! rufen. Sein Sie also bereit und ja sehr sauber angezogen. — Auch „die Annonsen“ sind besorgt und bezahlt; ich hatte noch die alten, und beim Abschreiben ward natürlich nur Ihr werther Name — —
        Der Fremde, in einen modischen Seidenmantel gehüllt, kam herein; und in der Dämmerung, welche die Franzosen „zwischen Hund und Wolf“ nennen, vermochte Silvati auch jetzt zwischen diesen nicht zu unterscheiden, so gut und treu, so schlau und wild erschien ihm der hohe Mann, der, ein Heft Papiere unter dem Arme tragend, jetzt frug, ob er Doctor Silvati zu sehen die Ehre habe.
        — Zu Befehl! —
        Frau Mill wollte Licht bringen, wogegen er sich mit schwachen Augen entschuldigte. Silvati wollte darauf seine Fragen anwenden; aber er sprach lächelnd, er komme zu ihm nur als zu dem neuen Doctor.

 

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Ich heiße  zu Ihnen gesagt: Balandri, sprach er, und bin ein — Probenreiter der Lanzette; nicht aber so, daß ich welche austheile, sondern ich sammele welche, und wünschte recht herzlich, keinen so feinen artigen Mann vor mir zu haben! Jugend schadet Ihnen nicht; denn die jungen Aerzte sind meist begeistert für ihre Sache, und sind geborene Feinde, ich sage nicht Neider der ältern.
        Sie sind sonderbar! äußerte Silvati.
        Nicht so sehr, wie Sie glauben, da Ihnen der große Kampf vielleicht nicht so bekannt ist, als ich Sie damit bekannt machen kann Man wird Ihnen wahrscheinlich von Seiten der noch sehr geheim wirkenden Lebensversicherung den Plan derselben mittheilen, und Sie einladen, in ihrem Sinne zu wirken. Ich komme darauf zu pränumeriren mit — hundert Pfund.
        Ich kenne das Pamphlet nicht! belieben Sie sich zu setzen; der Titel heißt? entgegnete Silvati. 
       „Ich der Herr bin Euer Arzt,“ antwortete Jener; es scheint die alte Goldtinktur auf neues Papier gegossen — zuerst nur für Aerzte — die allen Menschen Leben und Gesundheit versichert — und nicht wie die übrigen Wohllöblichen sogenannten Lebensversicherungen — die Geld versichern, wenn der Versicherte stirbt.
        Sivati besann sich, daß er auf dem Tische neben dem alten Seligo unter der Erde eine kleine Anzahl in Goldblech mit Rubinen besetzte gebundene Büchlein mit dem in das Gold getriebenen Titel:

 

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„Ich der Herr bin euer Arzt" gesehn, und sprach: ich habe den Titel gelesen — — aber brach ab, denn er erschrak darüber.
        Der Fremde legte die hundert Pfund hin.
        Ich besitze es nicht — aber ich kann es vielleicht bekommen.
        Ich habe nur pränumerirt, erwiederte Jener; fordern Sie 000000000000000000000Seite fehlt
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seine Terzerolen und sprach: Ich bin in Ihrer Gewalt! Jetzt sprech' ich als bloßer Probenreiter. Zuvor noch Eins, oder Zwölf und Zwölf. Hier sind zwölf vornehm gebundene Gebetbücher, die wir Sie bitten, an vornehme Damen in gehöriger Angst zu vertheilen.
        Sie sind ein Cat . . . . ? ftug ihn Silvati abbrechend.
        Ein Cat . . . . ! antwortete Jener eben so kurz, und fuhr fort: Für die Mühe des Aushändigung liegt für jedes Exemplar die Guinee bei — zwölf Guineen. Wenn und wo es noch nicht geschehen sein sollte, muß man die Aerzte weiser benutzen, als da sind Ehe-, Erziehungs-, Erbschaftssachen; wir, wir kommen erst, wenn der Tod auf der Zunge sitzt, der also eine sehr kleine Person ist.
        Sie sind ein Geist . . . . ? frug Silvati wie vor.
        Und eben so kurz sprach Jener: ein Geist! . . . . nur ein Welt-Geist  . . . . Doch der ist Nebensache. Nun, zur versprochenen Rechtfertigung, zu dem Plane! Wir wollen nur ein Journal haben; und durch Krieg geschieht das am besten, wie bei allen Fabriken und Manufacturen, wenn es unwürdige Männer bewiesen herabsetzt, das bringt Aufmerksamkeit, Lob, Verdienst, Glauben. Dann setzt es liebe würdige Manner bewiesen herab, damit das Geschrei noch größer wird, und auf einmal so Viele, daß Alle in Ruhe bleiben, wenigstens die Guten, Gleichgültigen, Verständigen, Festen; die Andern, Rachsüchtigen, Bösen, Unverständigen fangen

 

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oder verfangen sich; und vom Volke wie das Blatt, das sich den Besten so non-chalant gegenüberstellt, für einen wichtigen guten Feind gehalten — also gehalten, gelesen, gekauft. Also wahrhafte grobe Beitrage honoriren wir — extra des Redacteurs, pro Stück, lang oder kurz, nur fleischfressend oder sarkastisch, mit funfzig Guineen; höflich sich durchwindende, sogenannte Gevatterbriefe oder Moratorien — Memoriale werden als Brei zu Brei in den Hollander geworfen und abhorrescirt! Von dem Allen weiß der Redacteur — Nichts, denn er ist ein allgemein-braver Mann, glaubt Gutes zu wirken — und wirkt es. Aber das ist die Kunst: Wirkungen leiten, benutzen und hauptsächlich: sie deuten. Hier ist ein Monatsgang von dem Journal, damit Sie sich in den Ton stimmen; und hier sind die funfzig Guineen für Ihren Aussatz und Ihren Namen.
         Doch nicht für meinen guten? frug Silvati.
       Sie haben nur einen Mohren zu waschen, nämlich den Schmierurgus und Onotomen Herrn Christopher, den — Anderleuts — Wagehals Wagebein, oder Haut und Kragen Wager, der dem armen Architekten Herrn Klimm das unrechte rechte Bein abgelöst, das doch nur wie ein Sympathievogel-Männchen mitlitt, das wahre leidende und böse linke aber ihm nicht mehr weh that, und von selbst dann besser geworden, so daß Herr Klimm, der sie so nothwendig braucht, wie die Gabel zwei Zinken, noch zwei gesunde Beine hätte ohne seinen Teufel Christoph.

 

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So nennt er den Mohren, und hier ist der Brief von Herrn Klimm, und die Zeugnisse. Der Mohr ist übrigens der Haus-Arzt bei Mylady Ned.
        Wenn sich die Sachen „bei Licht“ so befanden, war Silvati zu ziemlicher Grobheit geneigt, und gab seine Hand im Zorne darauf.
        Zweitens sind die Aerzte schon sehr beeinträchtigt durch ihre gleichsam zersprengten Gliedmaßen: die Trichisten oder Haar- und Platten-Schmierurgen, Oculisten, Aursten, Dentisten, Nasisten æ, und so wird es bis auf die Frostballen herabgehen, und wir erleben noch Virtuosen auf dem Pedal, und jeder Taste besonders. Leicht war also der Rhabarber-Clubb oder Ausschuß der Aerzte gegen die Apotheker gehetzt, die hier alle Armen curiren müssen. Die Elephanten, Löwen und andere Thiere, die Potentaten und Mohren, die Sonne, der Mond und der Morgen- und Abendstern, æ, sollten nicht mehr klüger werden — von klug war noch keine Rede — sie sollten nicht so klug bleiben, sondern wo möglich wieder Thiere, ein Jedes nach seiner Art, wild, wie in Wäldern lebend, oder verfinstert werden. Aber die Armen sind leicht aufs Aeußerste gebracht; sie baten also die Herren Apotheker, in deren Discretion sie gegeben sind, ja noch täglich discreter, gebildeter zu werden — und den Rhabarber-Clubb tüchtig in den großen Mörser zu stoßen. —

 

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Und hier ist zum notorischen Beweise das Blatt aus den Times, vom October 1827, worin die Herren Apotheker nun ihre Säcke abschütteln, und geg'en jedes Simplex des componirten Ehrentitels „Plack-Esel“ der „Geldschaffenden Schacher-Corporation“ ins Besondere laut protestiren und versichern: es werde kein Unglück sein, wenn sie für fünf Schillinge bessere Dienste leisteten, als die mit Paß zur Aufnahme in irgend eine Praxis versehenen Herren für das Sostrum von einer Guinee, und die Sache schlüge in das Fach der Emigrations-Comitè, ja in's Transportations-wesen!
        Sonderbar! sprach Silvati, daß ein Römischer Volks-Tribun auf Englisch „ein Journal“ heißt, denn ein Redacteur ist eine Macht, ein Minister des Cultus. Das Parlament wird — —
        Den Apothekern das Doctern verbieten, ja sie vom Dispensiren dispensiren, fiel ihm der Fremde fein in die Rede, und sie zu Gifthabern, Tisanenkochern, Roobenmachern und Recept-Bereitern harnischen. Die Apotheker haben also Ehre, und das arme Volk bis dahin den Nutzen. Dabei ist der größte Meisterstreich der, daß die angeklagten Heilclubbisten dahin gebracht werden, zu sagen: wir sind jetzt weiter und klüger als die Aerzte vor tausend, vor hundert, ja nur vor zehn Jahren. Das bricht ihnen bei Verständigen in effigie den Hals. Denn was erhält alle Orden, Mönche, ja die ganze Clerisei und so weiter, so rasend in Ehren und Zutrauen, als

 

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daß sie behaupten und in Figura beweisen: sie seien nur grade und ganz noch, so wie sie vor tausend und zwei tausend Jahren gewesen, unwandelbarer als Chinesen, sie können und wollen nicht klüger werden, ihr Wesen sei nicht perfectibel. Das ist ja der große Streit, imperfectibel, das große Wort, durch das sie in der wandelbaren und verwandelten Welt fallen oder stehen, Alber sie stehen durch die edle Weigerung: irgend etwas Besseres, Gutes, ja nur Neues anzuerkennen. Aber die Aerzte fallen im Zutrauen, wenn sie nun sagen: die Alten, die Ersten seien nicht so weise gewesen! Ihre Wissenschaft, also kein Dogma, kein Canon, sei eine ganz untergeordnete, nur den Leib des Menschen betreffende Verstandessache ist Perfectibel; also auch ihre jetzige Kunst nur durchgehend, lernend, ohne einziges infallibles System, durch immer neue protestirende Systeme ohne rechtes felsenfestes Zutrauen, ja ohne den alleinseligmachenden Köhlerglauben; sie selber noch ohne die wahre Kunst, also Halbärzte, bei Ganzkranken, Menschen wie andere, ohne Tradition verlassene Unbehagliche, mit einem Wort: perfectibel, die eine Uhr im Gehen bessern sollen, einen Hasen im Laufe xasiren, und ihn und sich nicht schneiden. —
        Herr! sagte Silvati auffahrend, es thäte Noth, ein Vernünftigenhaus zu erbauen, und Sie aus demselben zur Thür hinauszuwerfen! dabei drang er ihm seine Terzerolen wieder auf, das eine ging los, ein Knall, und der Fremde stand mit einer

 

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vorgehaltenen Maske in grünlichem Feuer, während sich das Zimmer mit dem lieblichsten Wohlgeruch füllte. Dann standen sie wieder im Dunkeln. Frau Mill stolperte herbei, fand die Thüre verschlossen, klinkte, riß, polterte, ließ den Leuchter fallen, schrie Hülfe und rannte davon.
        Silvati entschuldigte sich betroffen, glaubte, der Mann werde hinsinken, habe die Kugel gefangen, oder einen Harnisch an — doch er sprach: es war nur mit Knallgold geladen. Aber daß Sie nicht den Gedanken anregen, in dieser Zeit Vernünftigen - oder Waisen-Häuser anzulegen, und mich daraus und in ein Entgegengesetztes hinein zu spediren, so muß ich noch einige Worte sagen. Setzen Sie sich! Sie zittern. Beruhigen Sie sich im Voraus! Sie sollen noch ein steinalter und steinreicher Doctor werden; dazu wird Zeit sein! Denn was ich meine, kann erst wie ein Dattelkern in hundert Jahren wo noch ein Palmenbaum sein und Früchte tragen; aber wir sind unsterblich, an Haupt und Gliedern, weil in uns nur Ein Herz schlägt und Eine Seele wohnt und wandert. Und wer von allen Künstlern ist edler, als die Aerzte? Wer uneigennütziger, wer arbeitet unablässig selbst so daran, sich überflüssig zu machen in einzelnen Häusern und in der ganzen, Welt, als Ihre Collegen? Wer verschweigt ein Mittel, eine Weise, einen Rath wie sie? wer schreibt so viele Werke ins Volk hinein, damit es gesund bleiben, nicht erst zu ihnen kommen soll?

 

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Wenn also Niemand so zum Bestehen der Andern an seinem Untergange mit Lust und Liebe arbeitet, wie sie, und nun Sie das glauben, daß ich es glaube, so fahre ich fort: durch jenes erwähnte und erwünschte Mißtrauen gegen sie, bestätigen wir, was wir nicht läugnen können, nach Cannings neueingeführter Politik: das Factische, sei es Freiheit oder Sklaverei, und dadurch locken wir die neue Lebensversicherung an den Tag, die da sagt: Ich der Herr bin Euer Arzt — also Niemand Anderes der Arzt im Menschen ist der wahre; das beweise schon ein Fingernagel, der wieder wachst, oder ein Kinn, das sich drei Mal die Woche rasiren lassen muß; kurz, sie soll zum Erstaunen plausibel zu machen wissen, daß man Feuerbrünste-Krankheiten nicht gewiß heilen - löschen kann, daß man aber unfehlbar eisen- medicin- und feuerfest bauen und leben kann und soll. Das ist nun ganz moralisch eine einseitige schöne Seite, hält die Menschen an in ihren Leidenschaften, und stiftet tausendfältiges Gute, das Sie selbst loben müssen, auch wenn es nicht wahr wäre, und ist wohl zu dulden. Ich sage zu dulden. Denn das Ganze wäre erst Ein Schritt, um die Heilkunst in die wahre Hand zu führen, die wahren Aerzte dem Volke zu entschleiern, ja mitten unter ihm sie wie ein himmlisches Geschlecht zu entdecken, daß es mit seinen zwei tausend Millionen Händen an seine tausend Millionen Stirnen schlüge und riefe: o ich Blinder in concreto! Denn wenn, wie wir so gern hören, jede Krankheit aus einem kranken, das heißt

 

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sündigen Geiste kommt, und blos Folge von eigener Geistes-krankheit oder anderer solcher Sünder-Kranken ist, die ihm zu leiden gegeben vor kurz oder lange, ja wenn von Adam her, so muffen natürlich die Geistlichen — — haben Sie nichts gehört von unvaculösen Bildern? oder von St. Januarii altem so rothem und festem Blute wie Drachenblut, das doch flüssig wird in geweihter Männer Ha — — — 
        Er verstummte plötzlich, und sprach nur noch rasch: Das Traktätchen! das Traktätchen! — Haben Sie den alten Seligo gesehn? — Den Aufsatz über Herrn Christopher nur auf die Pfennigpost! — Wir bleiben Freunde! —
        Vor nahendem Lärm war nichts mehr zu hören. Wahrscheinlich hatte Frau Mill Hülfe geholt, und ein Schwarm Menschen tobte die Treppe herauf, füllte den Vorsaal und stürmte die Thür. Der Fremde mochte aufgeriegelt haben, denn Menschen quollen herein, und wahrscheinlich bließ Er nun das einzige Licht aus, und in das allgemein ausgerufene Oh! siel ein furchtbarer Knall, noch stärker wie vorher; aber der Geruch, der sich darauf verbreitete, war dießmal nicht bisam - oder rosenartig, sondern so, daß Alle versicherten: der Teufel müsse verschwunden sein; es versetzte ihnen den Athem und sie brachen in helles Gelächter aus. Viele entflohen. Einige blieben und durchsuchten bei wieder-gekommenem Lichte. Silvati beruhigte sie, und es fand sich auch nichts, als ein seidener Mantel, mit dem inwenbig am Kragen hinein-gezeichneten Namen: Madame Romcscot.

 

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        Frau Mill blieb beunruhigt, obgleich das Geld ächt war. Bücher und Zeugnisse waren richtig da. Silvati war nicht entschieden, ob der Lange Unbekannte vielleicht aus einem Vernünftigenhause zum ersten Male sich herausgemacht, ob er ein Mystificator sei oder . . . . . ein Abgesandter Ben-Johns, der an ihm habe horchen wollen? Der letzte Gedanke führte ihm endlich das schöne Bildniß Thirza's, die Enkelin des Greisen, vor, und zwar nur — wie er sie gesehn — ihren Kopf mit reizendem Antlitz; und so umschwebte es ihn wie ein Engelsköpfchen mit Locken und Flügeln, wahrend er einschlief. Mirza hatte wieder die Hand auf dem Herzen und schien ihn zürnend anzusehn mit den großen feurigen Augen. Aber sein Herz, in welchem die Liebe erst heut' ausgeblüht, war wie eine Blume, eine Nelke, die auf ihren purpurnen Blattern anders gefärbte Streifen und Punkte tragt, zum Beweise, daß Blüthenstaub einer andern Nelke in ihrer Mutter Blüthenkelch geflogen, und sie verwandelt von ihrer ursprünglichen Reinheit.                                    

 
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