Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 VII. Clarissa

 

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        Du weißt, sprach Ben-John, als sie Beide, Einer diesseit, der Andere jenseit der schönen, himmelblaugekleideten Todten standen — es gibt noch keine Schauspielerschulen, als das Leben! Schneider, Bäcker, Doctoren, Advocaten kann man zunftmäßig bilden; für den Schauspieler ist noch keine besondere Facultat eröffnet, obgleich das Schauspiel heut noch so nothwendig für das Volk ist — als Brot, oder Manna in der Wüste des Lebens. Daher sind die Schauspieler fast lauter Genie's, das heißt, in allen Professionen in allen Facultäten verunglückte Menschen, Söhne der Adligen und Bürgerlichen — selten des Bauernstandes; denn der Bauer verunglückt selten, und sein Stand ist wie das Meer, aus welchem alle großen und schönen Wolken, die dann eine Zeit über die Erde hinschweben, gestiegen sind, und wohin sie sich alle wieder, zu Wasser geworden, verlaufen. Auch die Schau-spielerinnen sind meist verunglückte Eheweiber, lustige lockere

 

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Zeisige, entführter verlassener Mädchen, oder solche, die auf Liebhaber-Theatern Geschmack bekommen, Alle aber weiblichen Geschlechtes, die gleich und gern aufholen zu spielen, wenn sie Jemand von dem Theater wegheirathen will, worauf denn meist ihre ganze Anstrengung ausgeht, was ihre zärtlichen Blicke, ins allgemeine Publicum — wie ins Blaue — verschwendet, beweisen; und ihre Kunstliebe stammt nur aus der Gunstliebe, verliert sich im Ehebett, und sie behalten nichts von aller ihrer Liebe, als die gelben abgeschminkten Backen und Zahnlücken. Mein Herr Vater hatte nun sein Schauspielerstudium vor dem Backofen gemacht; bei dem Einsäuern, Rühren, Kneten und Schieben des Brotes hatte er den Grund zur musikalischen Begleitung der Hände bei der Declamation gelegt; beim Tosen der Mahlsteine und der Räder in der Mühle, hatte er sein lauttönendes Organ gebildet; beim Verkaufen von Brot und Semmeln, hinten und vorn gezupft, die tournure erworben, zugleich den Di- und Trialog studirt; und vom Vater zu streng gehalten lockere Zeisige, war er dem Monolog auf die Spur gekommen. Kurz, es gibt kein Geschäft, wobei und wodurch man nicht ein Schauspieler werden könnte, wenn nur noch Gelegenheit dabei ist, Schulden zu machen, das Verdienst seiner Mitspieler im menschlichen Leben geschickt herabzusetzen, Jeden zu beneiden, dem es besser geht, sich phantastisch kleiden zu lernen — und wenn es Damen sind: den berüchtigten und bald so wohl thätigen Schleier gehörig fliegen zu lassen.

 

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Damit ich nicht scheine, aus irgend Jemanden mit dem bekannten Zaunspfahl zu weisen, so sage ich sehr ruhig, daß das Alles vor funfzig Jahren so war, und daß trotz dem doch die Schauspielkunst und die Schauspieler — selbst als einsteckbare Servants to his Majest — auch die Schauspielerinnen, wenn nicht in höchsten Ehren, doch in höchster Gunst standen. — Du hörst, ich bin sehr ruhig, und leidenschaftslos, Dir das Alles hier vor diesem schönen, jungen, treuen und liebenden Weibe zu sagen. Denn das war sie, bei Mord und Todtschlag, wie ich und jeder gute Sohn versichert, denn sie war — meine Mutter! Meine theure Mutter also ging — von einem so lieben Sohne, wie ich bin, als sechszehnjähriges liebevolles Mädchen natürlich noch nichts wissend, und aller Vorstellung von mir, wie ich hier stehe, durchaus baar. — Ach! — unterbrach er sich — hätte das liebe Mädchen wohl gehen sehn mögen! ich hätte sie an dem Kleide gezupft, und sie gebeten: liebe Mutter, gehe nicht! so wahr ich lebe, Du gehst in den Tod, und glaubst nur in das Schauspielhaus in Coventerden zu gehn, um meinen, mir ganz unbekannten Herrn Vater zu sehn, der so schön ist, so schön spielt, daß die Schnupftuch- oder Schauspieler-Siegesfahnenhändler den guten Absatz loben, seitdem er spielt — das höchste Lob, das man einem Schauspieler geben kann; ja ich müßte selber weinen über ihn, wenn ich nur wenigstens Augen hätte! —

 

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Aber ich mußte auch keine Lunge und Zunge haben, denn die schöne feurige Clarissa hörte mich nicht, und ging an ihres Vaters, Lord Ostmoreland's Seite, getrost, ja froh ins Theater, als hätte sie mich schon groß gesehn, und gewünscht, der kleine sechs Fuß sechs Zoll hohe Mann — sei ihr Kind. Meinen Herrn Vater sehen, hören — und sich in den edlen Prinzen verlieben, den er tragirte, und schwören, nur sein Weib zu werden, sobald er nur aus seiner Carriere zu reißen sei — das Alles war Eins, und so gewiß wie zweimal Eins Zwei ist, nicht sind. Denn wo zweimal Eins Zwei ist, da ist eine gute Ehe, und heirathen mußte Er sie, damit sie ihn mit ihrem Gold — und mit ihrer Liebe wie Thau überschütte — denn der arme Prinz war sehr unglücklich und sehr arm. Dem konnte sie helfen!
        Sie wollte sich krank stellen, um ihren schon sehr im Beten gewandten und auf den Knieen fast bis zu Ihr vorgerückten Anbeter von sich zu halten. Darüber ward sie wirklich so krank, daß dem Vater zuletzt nichts übrig blieb, als der Vater zu sein, den Lord zu »ergessen und meinen Vater und mich holen zu lassen, ihm das schöne leidende Mädchen zu zeigen, ihm zu sagen, daß sie ganz unbändig — nämlich reich sei, und ihn fast fußfällig zu bitten, die unter der seidenen Decke zum Ausstrecken bereit gehaltene Hand aus Barmherzigkeit anzunehmen. Er sahe Clarissa jetzt zum ersten Mal und war ein junger Mann, ein Mensch, ja was noch mehr ist, ein Schauspieler, und kniete so eben nieder, und — da stürmte der

 

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Anbeter herein, riß ihn in das Nebenzimmer, und verhieß ihm sein ganzes ansehnliches Bißchen Vermögen, wenn er Garricks auf Lieblosigkeit aus anderweitiger Liebe gegründeten Edelmuth nachahmen wolle, und eine recht niederträchtige Rolle — wo möglich mit schönstem Buckel ausstaffirt, spielen wolle, damit Clarissa den vorigen Prinzen vom jetzigen Bucklichen unterscheiden lerne und sehe, daß ein Schauspieler manchmal recht schön und gut, und ein andermal recht häßlich und schlecht sein könne — und doch immer nur ein armer Schauspieler sei und — weiter nichts!
        Das „weiter nichts" soll meinen vielfach fetirten, das heißt in vielen guten — das heißt gut-schmausenden Häusern, mit Feten beladnen Herrn Vater verdrossen haben. Er muß sich aber schnell gefaßt haben! Denn er hat zugesagt und die schon fertige Acte der Schenkung langsam eingesteckt, um keine unanständige Eile mit Gelbeinstecken zu verrathen. Jauchzend ist der Anbeter an's Bett seiner Clarissa geflogen und gefallen — aber sie hatte nun auch nicht nur den Prinzen wieder gesehn, der um sie aufrichtige Thränen vergossen, sondern auch den in dem geheimnißvollen Zimmer, aus dem weichen, warmen, einsamen Bett noch viel holdseliger anzuschauenden und sie anschmachtenden jungen Mann — den Menschen gewahrt und erkannt, und mag ohngefähr so kalt und fühllos und taub, ja schreckenblaß vor dem Anbeter

 

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gelegen haben — wie das gute Weib nun hier vor uns. Aber nicht so stumm, denn sie hat einen Gell ausgestoßen, der meinem Vater daneben durch Mark und Bein gedrungen, und selber nun rasend verliebt gemacht, ohne auf Geld und Gut und auf Barmherzigkeit Rücksicht zu nehmen. Du siehst also schon daraus, Herr Vetter Doctor, mein Vater ist ein außerordentlicher Schauspieler gewesen, der auch über Liebe-heucheln auf allen Gassen, Marktplätzen, in allen Zimmern und Kerkern — laut Scenerie und Vorschrift — nicht die Liebe verlernt. Er ging nun spielen. Aber was? — Das angesagte abscheuliche Stück — denn auch damals gab es schon welche, und sie sind keine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, war abgesagt aus Krankheit einer Actrice, die also auch schon damals erkranken durften, wenn sie gekrankt wurden; ja es ist möglich, daß es jenes Mal wirklich eine Einbildung gewesen, denn sie hatte sich meinen Herrn Vater eingebildet, und die Fahrt zu Clarissa erfahren. Aus dem Erfolg aber geht hervor, daß mein Herr Vater der schon oft vorgefallenen Antidote eine neue Wendung hat geben wollen. Zum Schreck sahe der Anbeter ihn in derselben gefährlichen Rolle ganz abscheulich,göttlich, ganz himmlisch-teuflisch spielen, Clarissa aber blos englisch, daß sie in Ohnmacht gefallen, so daß Verlobung noch in der Loge gewesen, als alle Zeugen sich verlaufen. Die Entrüstung des Anbeters aber, der über den schändlichsten Betrug geschrieen, der jemals gespielt worden sei, ja ihn laut in der Stadt umherposaunt, hat auch den Vater der

 

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jungen Frau erbittert, so daß er sie stillschweigend entlassen, und ihr nur das Vermögen ihrer Mutter still auf den Tisch gelegt, das mein Vater wehmüthig eingesteckt, um wieder ein Bäcker zu werden, da zu jener Zeit discreditirte wurmstichige Schauspieler noch nicht nach Calcutta, Amerika, oder Paris gehen können, und das alte verheirathete Publicum ihn streng gerichtet und verbannt, wenn gleich das junge, heirathslustige Publicum, besonders aber alle damaligen Schauspieler ihn heimlich herzlich gebilligt, und nur gewünscht, in gleichgoldene Liebesnetze ganz unaufsitzbar zu versallen. Dafür hat nun sein Laden gewimmelt von Neugierigen — Kunden; also auch vornehme Damen haben eine eigene Art delicater, von ihm erfundner Ben-Johns-Kuchen sehr langsam bei ihm zu genießen geruhet, und so hat er das Glück gehabt: Modebacker zu werden, wobei er allen Schallspielern und ihren Weibern und Kindern, was sie nur bei ihm holen wollen, an Butterwaare und Brot, gratis verabreicht, und nichts Altbackenes, sondern wo möglich auch knisprig und im Munde zergehend.
        Hier meine liebe Mutter aber ist eine pure Abgöttin — leider sehr Vieler gewesen. Denn siehe, hier diese rechte weiße Hand, die jetzt so still liegt, hat durch das Fensterchen unermüdlich das ausgesuchteste schönste Brot und Semmel hinausgelangt — und die Eigenschaft gehabt, kein Geld von allen Armen dafür herein zu langen.

 

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Wozu mein Herr Vater gelacht, daß ihm die Thränen auf den Backen gestanden, ihr das goldene Häubchen geküßt, und aus einem alten, ja wohl spanischen Stücke die Verse declamirt:


O möchte jedes großen Hauses Tochter
Herab zu niedern armen Leuten steigen!
Da wäre sie die Reiche! wie sie nicht
Es ist als Weib des Reichen, dem sein Gold
Nie langt. Geschah's, dann könnte selbst ein König
Sein Kind einmal gesegnet sehn vom Volke,
Geliebt von ihrem Mann — und selber glücklich!


         Und jetzt ist es grade noch Zeit — Dir, als gestrengem Herrn Doctor, meinen Herrn Vater zu zeigen.
        Er öffnete bei diesen Worten die Thür einer aromatisch duftenden Nische, und Silvati sahe den Bäcker Lohn vor sich sitzen in seiner mehlbestaubten Kleidung und seinem mehlbestaubten Haar, einen müllerblauen Wams an, eine weiße feine Schürze vor. Nur seine Augen waren zu, seine übrige Gestalt aber durch kostbare Kunst wohl erhalten. Ihm zur Seite lag unter einer Glasglocke „das letzte Brot, das er gebacken.“
        Das war er! sprach Ben-John weich. Das ist er noch für mich im Herzen. Er drückte dem Alten die alte Hand, rückte ihm das blausammtene Käppchen mit goldener Troddel aus der Stirn, sah ihn noch freundlich an, verschloß ihn wieder in seinem Kämmerlein und sprach: Nun ihr Todten, laßt Euch die Zeit nicht lang werden, denn den Lebendigen wird sie schwer!

 

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        Jetzt, zu Silvati gewandt, fuhr er fort: Darauf ward Deine Mutter krank, mein John — erzählte mir der Vater. — aber ich muß lieber selber erzählen, sonst stör' ich den Mann hier drinnen in seiner Ruhe, und ich fürchte er bricht hervor voll Grimm, wie er da war! Sie ist gefährlich krank gewesen, über und über roth, und bald wieder blaß — wie sie hier liegt. Den Vater hat dreifache Angst befallen: Angst der Liebe, daß Sie ihn verlieren sollte, und Mich ihren Sohn — ein Mixtum Compositum von Bäcker, Schauspieler und Lord; Angst, daß ihr Vater nicht komme, noch ehe sie sterbe, und sich mit ihr versöhne, wozu er Hoffnung gemacht — denn mein Vater hatte mich einjähriges Kind ihm an seine Stubenthür gesetzt und mir einen Zettel mit den Worten angehangen: „Großvater, komm! Deine Tochter will sterben, und sieh mich nur an, sie ist meine Mutter!“ — Wenn Du nun, lieber Vetter, als Doctor, noch mehr Gewicht auf großes Vermögen legst, als auf solche Kindereien, so muß ich Dir sagen, um die Rettung oder den Tod Meiner Mutter noch wichtiger zu machen — daß der Großvater ohne Versöhnung denn meinem Vater einst sein großes Vermögen gewiß entzog, und daß ich backen mußte, um — Brot zu haben. Das war die dritte Angst! Der Vater hatte einen aus der Fremde blind heimgekehrten Schornsteinfeger in's Haus genommen, weil er aus Freude der Wiederkehr — die Stadtmauer geküßt hatte! obgleich alle die Seinen gestorben waren, und vielleicht eben deswegen hatte er die Steine

 

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— statt der Lieben geküßt. Der war nun allein im Hause, als mich der Vater dem Großvater hingetragen. Der Arzt der todten Mutter hier war jener Alte dort im goldenen Sorgenstuhl, der Doctor Seligo, damals ein junger Mann — was Du mir glauben wirst, da die Menschen an die Bezauberung, ja die Hexerei des Himmels und der Erde gewohnt sind, daß Kinder zuletzt zu Greisen werden — und Menschen zu Staub und Erde! Asche ist nicht mehr Mode in Europa, nur in Indien bei den Sutti ! 
        Mein zeitlebens gesunder Großvater hat gar keinen Arzt für Clarissa gewollt, und gesagt: Nun — und gewiß noch lange, wenn nicht in Ewigkeit — hat ein Hausvater das herrliche, souveraine Recht, gar keinen Doctor in sein Haus zu rufen, und wenn Er selbst stumm ist, und alle die Seinigen etwa an der Pest — und da Jeder an jeder Krankheit sterben kann, so ist kein großer Unterschied, an welcher sie — in den letzten Zügen liegen. Nur vor den Pocken hat man einen so souverainen Respect, daß man befiehlt — jedoch nicht bei Lebensstrafe — sie einzuimpfen; oder man ist so überzeugt von dem Mittel. Und wird man von allen andern Mitteln sich so specisisch überzeugt halten, dann o dann wird die Medicin als wohlthätige Tyrannei ausgeübt werden. Denn wer ganz klug wäre, dürfte ja auch mit der Wahrheit wie mit der Aufklärung ein Tirann sein — Agenda sunt cogenda. Da indeß der Hausvater nicht

 

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die Krankheit auswählen kann, die in das Haus kommen soll, so hat man denn Zutrauen zu diesem oder jenem Arzt — da Einer so wenig Wunder thun kann als der Andre, und wenn er könnte, nicht dürfte, da das eine Pfuscherei in das geistliche Fach wäre — das Recht zugestanden, nach einem beliebigen Arzte zu schicken, ja Briefe bis in die Ferne zu schreiben, und ganz unbekannte ärztliche Weisheit in den Zeitungen aufzufordern, für dieses oder jenes Uebel dieses oder jenes Recept zu schicken. Ich meine damit nicht die alte Betkur par distance, wo — zwei Kranke, ein Leiblicher und ein Geistiger in Einer und derselben Minute den Himmel bitten, ihnen ihre Sünde zu vergeben: daß sie seine Weltordnung für ein Kaleidoscop halten; oder wie er es ausgedrückt.
        Mein Herr Vater hat also Seligo geholt, der mir schon das chinesische Porzellan-Fieber curirt — aber ihm frei von dem beängsteten Herzen gesagt: der Hausvater hat auch das Recht, sich gewisse Mittel und Prozeduren, Curarten — besonders Proben des Arztes höflichst zu verbitten, ja gröblichst zu verbieten, und der Staat verbietet das nicht, weil er es nicht hindern kann, wenn er nicht in jedes Haus Gesundheitspolizeigensd'armen einlegen will, und dazu könnte er nur am Ende die Hausväter selber alle vertauschen und umquartieren. Eine gewisse Art von Vernunft und Eigenregierung in allen Haupt- und Hals-Sachen ist also selbst in dem fast zu Tode

 

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gouvernirtesten Lande nicht auszuotten. Und ich — ich habe sie auch, und verbitte mir jedes Mittel, das nicht hundert Jahr geholfen hat! Indessen — der Hausherr ist aber nur so weit der Herr im Hause, so weit ers versteht — und das ist in allen Dingen nicht weit. Denn alle Handwerker und Künstler sind die Glieder des Einen ganzen Menschen, und Jeder erscheint Jedem, um ihn zu ergänzen, und fährt dann wieder aus einander wie Eisenstaub vor dem negativen Pole des Magnetes sammelt sich wie, der wo anders zu einem anderen Zwecke, und hilft ein flüchtiges schwebendes Ganzes bilden, wo grade was Positives es fordert. So kommt auch der Doctor. Nun — schenke ich Ihnen mein Vertrauen, hochgepriesener Herr Doctor Seligo, und frage nicht, ob die Arznei auch nicht schaden wird, die helfen soll. Denn ich bin außer mir.
         Das sahe Seligo und verzieh ihm die Worte wie die Angst.
        Dem Arzt aber Vertrauen schenken, heißt nicht weniger als ihm sein eigenes Glück und das Leben der Seinen auf Credit leihen — und ohne Bürgschaft. Freilich mochte die Mutter sehr krank sein, vielleicht wirklich zum Tobe, und Seligo hätte abstehen sollen, Hand an zu legen, wo Gott seine Hand daran gelegt — Er hätte nicht sollen ihr Tod werden. Denn als letzten Versuch, oder erste Probe einer neuen Methode aus Rußland, ließ er die schwache Frau aufstehen, und von dem blinden Schornsteinfeger aus diesem Wassereimer hier, der den schwarzen Flor um hat, mit

 

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eiskaltem Wasser begießen. Sie sank hin, sie stieß einen Schrei aus, und der eingetretene Vater empfing sein sterbendes Weib in den Armen. Seligo war erschrocken, der Vater trostlos, ingrimmig und rachekochend. Denn Clarissa's Vater sollte eben mit mir kommen — und er kam wirklich, um seiner Tochter die Augen zuzudrücken. Dann ging er schluchzend ohne ein Wort zu sagen.
        Der Vater aber war Mann genug, seine Rache jetzt zu bezähmen, um sie sicher nachher zu vollenden. Er beschenkte Seligo reichlich für seine Bemühung, denn der Kranke mag genesen oder sterben — er muß — wie der Todtengräber, und wenn auch seine Häuser Millionen Jahre bis nach dem jüngsten Tage hielten und behielten — doch immer bekommen, und hat das erste Recht, selbst vor dem Wärter und Apotheker, auf Alles was der Todte, oder die arme Witwe und die sieben Waisen nur je und nur noch besitzen, selbst auf das trockene Brot auf dem Tische des Bettlers. Denn das Leben ist ein kostbarer Schatz, auch seine Erhaltung muß kostbar sein. Er zählte ihm hundert neue Guineen auf den Tisch, und um nicht den Anschein zu haben, als empfinde er gar nichts über die That, was unmöglich geschienen, äußerte er nur sein Bedauern ohngefähr so: immer neue Krankheiten machen neue Versuche nöthig, ja ihr müßt noch versuchen, die weltbekannten uralten heilbaren Krankheiten curiren zu lernen, geschweige die unheilbaren!

 

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Und so will ich mich nicht beschweren, wenn Sie, mein Herr Doctor, sich selbst auf den Kirchhof versuchen — das ist nobel! oder wenn Sie und Ihre Collegen ein neues Mittel, eine neue Methode mit den alten Patienten am zweckmäßigsten zuerst mit Ersparung der andern Hinrichtungskosten an — abzuthuenden Delinquenten versuchen und dann an vielen armen Teufeln und Teufelinnen in Krankenhauser n erhärten; am liebsten aber nach dem neuesten Systeme an Gesunden, wie man ja lernen kann. Einen vom Wassertode zu retten — der nicht ertrunken ist! Ein Heilmittel-Comitèe — es gibt ja so viele! — bestätigte dann das Verfahren; dann dürften es Professoren erst lehren, und was Keiner gelernt hatte, dürste Niemand, wie nicht lehren, so noch viel weniger ausüben. So aber haben Sie — wollt' ich sagen die Herzte (hat mein Vater gesagt und sich verbessert) eine fast gräßliche Gewalt und Freiheit über der Kranken, ja der Gesunden Leben. Sie halten das Diplom in den Händen, und sind privilegirt, nach allen neuen Methoden mit allen kaum in der Welt warmen Mitteln zu dispensirrn, als wenn die Praxis, nicht die Untersuchung nur eine freie Kunst wäre — und so wird Einer oder Eine, zum Beispiel: meine schöne gute liebe Clarissa durch einen mittelbaren Freund der Heilkunde: den Doctor Tappert in Philadelphia hingerichtet — zwei Andre durch die Doctoren Fuscher und Mehrso in Spanien, drei Dritte durch die Speculanten Junghans oder Altmatz in Mexico! —

 

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Sie werden uns doch die Ehre erzeigen, hinter Ihrer Patientin herzufahren? Es ist so schön und satisfacirend!
        Seligo verneigte sich und ging. Er ließ ihn gehen, und fiel in Ohnmacht. Aber später, in der Nacht von ihm zu einem entlegenen Kranken verlangt, ergriff er ihn mit dem Schornsteinfeger und ließ ihn hier in die alte Falschmünzer-Werkstatt verschwinden, worin er nun schon gegen acht und vierzig Jahre verschwunden ist.
        Hier soll er bleiben, wo möglich lebendig, bis Clarissa siebenzig Jahre alt ist. Mein Herr Vater hier drinnen hat dabei auf einen Mitteldurchschnitt der Lebensjahre der heutigen frivolen Menschen und der bis auf den Athemzug fein calculirenden Gesellschaften, die gegen das ganze abgetretene Vermögen eine Leibrente versprechen und auch gewähren, nicht Rücksicht genommen. Die Bibel hat ihm gesagt: Des Menschen Leben währet Siebenzig — wenn's hoch kommt Achtzig; und wenn es ist köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen — bei Clarissa sogar: Tod, bei Seligo nur: Gefangenschaft! Wohlthat an Ihm und Andern! Hier hat er studirt — hier diese Wände voll Bücher im ganzen Saale. Alles Neue wird ihm verschafft, ja er ist — auswärtiges correspondirendes Mitglied vieler Gesellschaften, er hat viele seiner Preisschriften gekrönt gesehen — Alles unter fremden Namen. Er ist der Stifter einer neuen Lebensversicherungs-Gesellschaft, und ihr Haupt.

 

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So weise ist er geworden: er nimmt keine Medicin ein! und so gewissenhaft: er giebt keine! So groß ist sein Vertrauen zur Vernunft des Menschen. Verkenne in mir nun nicht den Sohn meiner Mutter, als wünsche ich nicht: er kehre in die Welt, und bekehre und lehre. Möge sein Leben nicht aus sein, bevor seine Zeit aus ist; sie ist nur noch kurz. Aber ich lasse keine Minute nach. Ist Clarissa siebenzig Jahr — dann! Denn mein Vater sagte: die Natur gleicht endlich Alles aus. Es gibt eine Zeit, wo Jeder sich für glücklich halten kann — wenn er kann. Bis zum dreißigsten Jahre jammert eine Häßliche mit Recht, daß sie nicht schön ist; dann ist ihr Jammer eitel; bis zum sechzigsten klagt ein Mann mit Recht, daß seine Kräfte abgenommen; dann ist seine Klage unnatürlich. Wem Jemand gestorben ist, sei es Kind, Vater, Mutter, Bruder oder Schwester, der hat einen nicht gleichgültigen Grund zur Beruhigung, wenn der Früherdahingeschiedene in seinem Grabe nun seine siebenzig Jahre alt ist — dann wäre er ja doch todt — und sein Leben wäre nur Mühe und Arbeit gewesen! Warum nun nicht lieber: Ruhe und Friede? Darum will ich nicht mehr weinen, wenn Clarissa siebenzig Jahr alt geworden in Ruhe und Friede! — So sagte mein Vater und so fühl' ich ihm leichter noch; denn ich habe nur verloren, was ich nie bissen — eine Mutter. Lord Ostmoreland hat — auf dem Bett, wo die Kinder alle wieder gute Kinder sind, und ihre Kinder —

 

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Enkel ja Engel, wie der zum Himmel Kehrende nun deutlich sieht, — die eine Hälfte seines Vermögens dem Sohne seiner zweiten Tochter, dem Sherif Ned vermacht und Mir die andere Hälfte nicht entzogen. Darum hat mein Herr Vater von seinem Vermögen dem alten Seligo als wahrscheinliches Sostrum für alle mögliche Curen, die er so oft glücklich gewesen, gar nicht unternehmen zu dürfen, jährlich tausend Guineen bestimmt. Macht dato acht und vierzig tausend Guineen. Vielleicht hat er auch außer dem Eide mich durch das so lange ihn vorzuhaltende Geld — die Interessen, binden «ollen. Du siehst, wir sind gerecht und gerächt, aber auch billig und willig. Ich glaube, Du bist nun überzeugt, nicht mehr entrüstet — gestehe es nur, weitläuftiger Vetter Doctor auch getröstet und — gewarnt um zu schweigen. Sonst bleibe gleich lieber hier! Verstehst Du mich?
        Ich verstehe Englisch, erwiederte Silvati lächelnd. Ich scheine nur noch etwas ergriffen — als neuer Doctor von diesem Alten.
        Nun so gehe, und sieh, was ihm fehlt.
        Und so that Silvati, während Ben-John bei der Mutter blieb. Er forschte bescheiden. Aber der Greis sagte ihm nur zuletzt auf alle seine Fragen: Mir fehlt die Freiheit; sonst macht mich Nichts gesund, ja die . bloße Sehnsucht nach ihr hält mich nur noch auf Erden.

 

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Alles Andre gethan, ist Nichts gethan! Alles Andre gegeben, ist Nichts gegeben! Alles Andre genommen, ist Nichts genommen! Nimm es hin! Nur ändere meine Speisen und Getränke nicht, die ich aus Hunger endlich genießen müßte; mische keine Mittel darunter — Du verdirbst mir meine Constitution. Denn was dem Leidenden nicht heilsam ist — ist Gift. Geh' und verschaffe mir — mein Mittel! «der nur meinen Sohn! oder seine Tochter! — Dort lächeln sie mich nur gemalt so sehnsüchtig an, gehe, gehe. Du einziger Mensch, den ich hier gesehen — sei ein Mensch. Sonst — hab' ich Geduld.
        Silvati getraute sich nicht ihm ein Wort zu sagen. Denn Ben-John kam und führte ihn fort. Aber auch um hinaus an das Tageslicht zu gelangen, waren wie in der Maurerloge — Worte nöthig, damit dem blinden Wärter, der in der Dunkelheit hier wie droben zu Tage lebte, nicht der Rechte in falschen Kleidern entkomme. Denn Ben-John sprach: Schornsteinfeger. —
        „Bäcker," sprach Jener —
— kehre —
        „backe"
— wohl! —
„— wohl!“ — war die Antwort. Droben verschrieb Silvati die Mittel, den Greis durch leibliche stärkende Stoffe bei Kraft zu erhalten, da der Leib nur zuletzt erst von der Seele wie ein fertiges Werk vom

 

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Meister abfalle, der Mensch ein Doppelwesen werde, aber der Leib so lange auch zurück auf den Geist wirke, wie schon — Trunkne bewiesen, und hungrige Berg- und See-Lappen.
Mirza hatte es zu machen gewußt, daß sie Silvati begegnete, als er schied. Sie stand bescheiden lächelnd, und doch hocherröthet, mit niedergeschlagenen Augen da, während er ihr Gewand streifte. Wie ein Blitz fuhr es durch seine Glieder. Am Wagen brückte ihm Ben-John eine Hundert-Pfund-Note noch auf den Mund, als Siegel, und er rollte wie trunken nach Hause.

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