Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 VI. Die Falschmünzer-Werkstatt.

 

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        Sie gingen nun die Treppe hinab, rechts in das lange Hintergebäude, das an einen kleinen Garten stieß, worin ein Springbrunnen seinen vollen Wasserstrahl wie ein Wallfischkind im Sonnenschein plätschern ließ. Das letzte Zimmer der Reihe derselben, war ohne Fenster. Ben-John verschloß hinter ihnen die Thür, und bat dann den Vetter, sich in das Bett zu legen, das beim Scheine des Tages durch die offene Thür noch gesehn. Es geschah mit Verwunderung. Ben-John legte sich zu ihm, und aus einen Druck an einem verborgenen Werke, senkten sie sich sanft zwei Stockwerk tief hinunter. In dem Gange, den sie nun betraten, schimmerte ihnen Licht aus einem Zimmer entgegen. Aber die Thür war verschlossen. Ben-John sprach an derselben leise in langen Zwischenräumen dreimal: „Ein" —. Darauf erwiederte es darin mit alter schwacher Stimme: „Becker.“ Als darauf Ben-John: „ist“

 

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gesagt, erschien ein alter Mann an der runden dicken Glasscheibe in der Thür und sprach: „auch“; „ein“ setzte Ben-John die Einlaßworte fort, fort: „Mensch“ schloß der Alte. „Clarissa war ein Engel!„  seufzte Ben-John. Nun schloß der Alte auf. Alles war hier von massiven Glas-Werkstücken erbaut, in Cement gelegt und schimmerte grünlich. Ben-John gab dem blinden Alten die Hand, und frug: wie alt ist das junge Weib? — Und er antwortete: „neun und sechzig Jahr neun Monat neun Stunden und neun Minuten.“ — Gott sei Dank! entgegnete Ben-John; nun dürfte der Vater nur noch drei Monat um eine Sterbliche weinen! Schläft sie ruhig? — „Sehr ruhig.“ — Was macht der Knecht über Leben und Tod? — „Ich fürchte, er wird sein Urtheil bald vom Herrn darüber empfangen.
        Eilen wir! sprach Ben-John zu Silvati und drehte an einem metallenen Knopf in der Wand. Räder schwirrten leise. Die getäfelte Decke that sich auf. Ein Bett kam herab, sie legten sich hinein, und die Maschinerie hob sie darin in die Höhe, der Fußboden schloß und sie befanden sich in einem wunderlich erhellten, mit Glaswerkstücken gewölbten Saale, sehr trocken, rein, ja prachtvoll. 
        Silvati sahe in einem vergoldeten Lehnstuhle einen Greis. Sein Antlitz war ehrwürdig, ja majestätisch, wie das eines staatsgefangenen Königs. Silberweißes Haar deckte noch reichlich, ja voll, sein Haupt; sein Bart war lang und silberweiß.

 

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Sein weites Gewand war von veilchenblauem Sammet. Er schlief, die Hände ruhevoll im Schooße gefaltet.
        Ben-John deutete mit finstrer Geberde Silvatl auf ihn hin. Eine Thräne kam in sein Auge, und als er sich erst genau überzeugt: der Kranke schlafe, ging er, mit der stummen Weisung zurück zu bleiben, von ihm weg in den Fond des Saales, wo das gelbliche Licht durch eine runde Oeffnung, so groß wie der Springbrunnen — denn man horte ihn plätschern — sonnenhell durch das Wasser, und durch die große dicke gelbliche Glasscheibe herabquoll, die wohlverwahrt und befestigt die Oeffnung deckte. Unter dieser nahen großen, nur wie durch goldene Abendwolken scheinenden Sonne, sahe Silvati betroffen hinblickend einen silberhellen krystallenen Sarkophag, darin eine liebliche, schöne, junge Gestalt wie schlafend, kostbar und glücklich bewahrt, mit geschliffenem Krystall bedeckt, so daß sie wie in funkelndem Regenbogen, oder in blitzendem strahlendem Thaue schwebte. Ben-John knieete an demselben nieder, und legte seine Stirn daran. Und so wandt' er sein Auge ab; er suchte sich zu sammeln, und den Kranken vor ihm zu beobachten, in dessen Betrachtung er versank. 
        Der Greis sprach jetzt im Schlafe. Silvati regte sich nicht, und hörte auf die leisen Worte. „Du kommst nun von Oxford, mein lieber Sohn — sprach er in väterlich ermahnendem Tone langsam — Du bist nun ein Arzt; und ob gleich wider meinen, vielleicht nicht meinen

 

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besten Willen, so freue ich mich doch herzlich! Mein bester Wille war es, aber meine Liebe wollte Dich davor behüten. Wie Plutarch im Timoleon — der seinen Bruder ermordet — so schön sagt: Wer eine große That thut, muß danach ein festes Herz haben — so behalte Du immer ein festes Herz, unerschütterlich durch alle deine Versehen, die nicht ausbleiben konnen, so lange blos die Aerzte — Aerzte sind, und Dein guter Wille sei das Asyl, worein Du flüchtest vor den Thränen der Väter um ihre Kinder, vor der Blässe der Mütter um ihren Mann, vor der bescheidenen Bitte der Waisen — vielleicht an Deiner Thüre — um Brot, das ihnen der Vater erworben, der sie erzogen und versorgt hätte, wenn er gelebt. Nur Engel, allwissende Geister, könnten und sollten Aerzte sein! Aber wisse, wenn Du den gewissen Geist, den guten Willen, die unermüdete Menschenliebe hast — dann bist Du ein Engel! Und ich glaube, wie ich schon geglaubt, als Du in der Wiege lagst, als Du einst die kindischen Worte voll Scheu zu mir sprachst: Vater, bist Du der liebe Gott? — so glaube ich noch: Du bist ein Engel. Glaube das auch! Man hört und sagt: die Frauen seien die Engel, die der Herr auf die Erde gesandt zum Glück der Menschen in ihrem — Glück und ihren Freuden, zum Troste und noch zum Glück in ihren Leiden. Deine Mutter hat mit keinem unedlen Wort, keiner zweideutigen Miene, keiner nur so irdischen Handlung mir die Meinung widerlegt —

 

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sie gab, als wäre Alles das Ihre; sie nahm Nichts, als könne sie es in dem Himmel nicht brauchen, in dem sie fast sichtbar mit ihrer Seele wohnte.“ —
        — Er hielt bei diesen Worten inne; er weinte innerlich, und doch quoll auch eine Thräne unter seinen geschlossenen Augenlidern hervor — dann fuhr er gesammelt fort: — „und dennoch glaub' ich: die Aerzte sind die Engel auf Erden, und um es recht zu sein, so voll Unschuld, daß sie es nicht wissen und glauben, wie die unschuldige schöne Jungfrau nicht weiß und nicht glaubt: wie schön und unschuldig sie ist! Sie begleiten wie der Engel Tobiä das Menschengeschlecht auf dem Wege durch die rathlose, hülflose Erde. Ohne sie, haben die Menschengenerationen schneller gewechselt. Mit ihnen, werden ihrer Weniger, denn Jedes weilet länger beim Feste des Lebens. Die Aerzte allein sind auf dem rechten Wege, dadurch, daß sie die Menschen Alle nur als den Menschen überhaupt ansehen, und in Einem Körper Alle erforschen. Nun fehlt nur noch, daß sie auch Alle ihrem Inneren nach — ihrer Schuldigkeit: gleich gut zu sein, erkennen. Denn daß in dem Menschengeschlecht ein unbesorgter unsterblicher Geist wohnt, das wird nur dem Arzte recht klar, wenn er es wie einen Strom dahinwogen, von guten und bösen Eigenschaften, von schmähligen und preiswürdigen Leidenschaften dahin gerissen sieht, nicht allein in offenbare kurzdauernde große, sondern in stille, blutlose, ewige Kriege, keinen Schmerz, keine Gefahr, keine Art des

 

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Todes scheuend — als habe es gar keinen Leib, nicht einmal wähnend, er koste nur einen Twopence pro Stück. So ist denn der Arzt gleichsam ein Feldarzt in immer offenem Lager. Alle im Kampfe des Lebens Verwundeten kommen zu ihm, alle Fehler der Leiber und der Seelen soll er gut machen, übler daran, als ein Beichtvater, der sie ihnen — vergilbt. Und in den neuen Faßlichkeiten auf der wandelnden Erde, unter den gleichsam neuen Gestirnen, soll er immer wechseln, immer lernen; vorausahnden möcht' er, was dem neuen Geschlechte zustoßen wird, um nicht mit seiner Weisheit zu spät zu kommen.“
        Der Greis verstummte eine Zeit auf diese Worte und schien sehr betrübt. Dann streckte er die Hand aus, und sprach bewegt und dem Erwachen nahe:
        „Gieb mir deine Hand.“
        Silvati gab ihm die Seine, um dabei seinen Puls zu fühlen.
        „So"! fuhr der Greis fort: Und dennoch — wie viel Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit gehört zum Arzt, und hinterher wie viel Festigkeit, sein Verfahren gut zu heißen. Daher thut ein — weichherziger Arzt sehr übel, der fortstudirt, und in zwanzig Iahren entdeckt, wie viel Menschen er hätte erhalten können! Das hält Keiner aus — und schon darum verdienen sie die größte Höflichkeit und Ehrfurcht von dem Volk, daß sie solcher Gefahr sich unterziehen. Und es ist ein wahres Glück, daß auch die Aerzte

 

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sterben — wie die Meisten sterben, so früh — besonders vor neu entdeckten Heilmitteln und Systemen, auch wenn sie Spätere wieder verwarfen. Hippokrates hätte sich wenigstens zwanzig Male gehangen, ersäuft und dergleichen, wenn er die vielen Rettungsmethoden erlebt bis auf die neueste Curart mit — Wasser! — Nun lebe wohl! Ziehe hin! Mich siehst Du nicht wieder. Mache dem deutschen Namen Deines Vaters Seligo Ehre!“ —
        In dem Wahn, von seinem Sohne Seligo auf immer Abschied zu nehmen, erhob sich der Greis aus dem Stuhl, und ob er gleich die Augen geöffnet, fiel er doch — dem Sohne an die Brust, umarmte ihn, und weinte selige Thränen eines Vaters. Dann erkannte er sich — sahe den Fremden an, und sprach: Ach, Du bist nicht mein Sohn, mein Seligo! Und doch. Wie glücklich macht der Traum — ich hab' ihn wiedergesehn! Und so verbarg er sein Gesicht an Silvati. Da stürmte Ben-John herbei, und riß sie aus einander. Seligo! sprach er streng zu dem Greise, und schüchtern wie ein Kind, setzte er sich folgsam wieder in seinen Sorgenstuhl und faltete die Hände wieder. Und zu Silvati sprach Ben-John: Du weißt nun seinen Namen! Soll ich Dich und Ihn und Mich und die Todte dort. Alle ersäufen, wenn ich das Wasserwerk beschwöre! — Und wirklich griff er mit Macht in einen gewaltigen Ring.
        Silvati hemmte seine Hand fast mit Gewalt und sagte:

 

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Kann Ich dafür? — Ben-John aber, die Rechte noch immer im Ringe, und mit der Linken steif ausgestreckt ihn mit gespannter Kraft an der Brust festhaltend, stand lange stumm und sinnend; dann ließ er ihn los und sprach mit Gewicht: das beste Mittel zur Verschwiegenheit ist ein überzeugender Grund dazu — eine scheuerregende Wahrheit. Du sollst sie wissen! Tritt näher zu Clarissa! und finde uns gerechter als Jene, die einst Polydos zu jenen Todten lebend in die Gruft verschlossen!

 
 

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