Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 V. Der Philotürk.

 

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        Draußen schlug es jetzt dreimal in die hohle Hand. Mirza erhob sich, nahte langsam, und nahm mit zwei Fingern den Brief bescheiden zurück, und während sie die Augen niederschlug, grüßte sie ihn zum Abschied wie vor, und das unglückliche schöne Mädchen behielt noch im Fortgehen, gedankenvoll oder gedankenlos die Hand auf dem Herzen. Er hätte dem — Inhaber lieber das reizendste Wesen, das er je gesehn, nicht zum Weibe geschenkt, wenn es demohngeachtet nicht ein Andrer, ein verheiratheter oder nicht so türkisch gesinnter Doctor wie Er gethan; oder wenn er die Verhältnisse des armen Kindes zu lösen vermocht, und wenn Ihr das willkommen gewesen? Aber so ist die Welt, so eisern; sprach er, und wie die Fliegen im Spinnennetz, sind die meisten Menschen gefangen, ein Raub des Schicksals, und hängen dann an dem Fädchen desselben matt und stumm, eingewickelt in ihre Verhältnisse, die Todte in ihre Linnen.

 

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Er ward trüb, und frug sich selbst: Aber hab' ich auch Etwas für Sie gethan, wie Ben-John? hab' ich Kraft und Willen  — wie Er vielleicht um Mirza gethan: nur den Einzigen Vers zu meinem Glaubensbekenntniß zu machen?  — Und doch besah er mit einer Art von Schadenfreude, im Spiegel seine an Farbe ganze — triviale Nase, und bedauerte einen Menschen, der sogar Eine von ächtem Rubin, ja von Rosendiamant hätte. Und so that ihm wirklich Ben-John leid, und Ihn und sich und Mirza im Sinne, gedacht' er der Worte:

Alles ist ein Unglück, 
Was am Leben hindert!
Ruhig-stille Lüfte
Wenn wir schiffen wollen,
Nichts, kein Deut im Säckel
Wenn der Bettler bittet,
Gold in allen Taschen
Wenn die Mörder nahen,
Mayzeit und der Schnupfen,
Schön sein und gefangen.
Sich am Hochzeitbette
Derb das Schienbein stoßen,
Dieser nicht gefallen,
Jene nicht belieben,
Bei der Holdgewillten ,
Die gelegne Stunde
Nicht zu treffen — Alles,
Alles ist ein Unglück,
Was am Leben hindert!

 

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        Jetzt trat ein kräftiger Mann ein, groß, ja heroisch. Ueberrascht blieb er stehen. Seine Züge waren ernst und düster, ja sie hatten etwas Spöttisches, Bitteres, und der sarkastische Ton des Briefes schien dem Doctor ein Zeichen mehr, daß Sarkasmus und Ironie nur das Wetterleuchten einer, aus irgend einer Ursache, an ihrem reinsten schönsten Leben und Glück verzweifelten Seele sei; — armer Ben-John! den der leicht um das Haupt geschlungene kostbare Shawl, die lange egyptische Tabackspfeife, der grüne Caftan und die weiten langen gelbseidenen Hosen nicht schon zum Türken machten. Aber die gekreuzten Messer in dem Gurt schienen eben desto weniger nicht zum Scherze getragen, und dem Worte „bei Mord und Todtschlag“ das Phrasenartige zu benehmen.
        Während er ihm langsam nahte, blies er heftig den Rauch aus dem Munde, um nicht auf einmal in völliger Glorie zu erscheinen, stand nun, und sprach: Sie sind nicht Doctor Hammer!
        — Doctor Silvati. —
        Mein Samson hat sich schon-entschuldigt — Sie haben den Brief gelesen?
        Ward stumm bejaht.
        Und nun maß er die angenehme Bildung des jungen Mannes, indem er vielleicht bedachte, daß nicht allein Ihm Mirza gefallen

 

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haben möge, sondern auch Ihr der tadellose ehrwürdige Doctor. Er trat ihm jetzt auf Einen Schritt nahe — aber er unterhielt sich nur mit ihm, in die Fensterbrüstung gelehnt, und frug, ob sein Vater nicht längst nach Canada gegangen? und ob Sir Ned, der Sherif, der wegen der Noth mit seiner kranken Tochter Alceste, und mit seiner verwegenen schönen Frau, lieber Need — oder Noth heißen möchte, nicht sein Verwandter sei? Dann waren sie Beide verwandt, denn der arme Sherif sei seiner unglücklichen Mutter Schwestersohn, und er wolle ihm Dem empfehlen. Er sprach auf die Bejahung seiner Fragen weniger gereizt, erzählte, daß sein Vater — ein consequenter Mann, der in theurer Zeit die Brote nicht kleiner gebacken, uud in wohlfeiler Zeit nicht größer, und sie lieber verschenkt als sie billiger zu lassen — von ihm verlangt, immer dem Ministerium anzuhangen, und durch die Kleidung, sichtbar und verständlich, dessen Richtung und Sinn zu bezeichnen. Dieser Gehorsam, der ihm schon früher den Namen des politischen Wettermannes erworben, habe ihn jetzt in eine Lage versetzt, aus der er sich nicht mehr wickeln könne. — Nicht wahr, frug er plötzlich, das Leben des Menschen währt siebenzig Jahr? Doch vorerst davon genug. Nun beantworten Sie den Brief, weitläuftiger Vetter, aber kurz!
        Silvati setzte sich, verschrieb ihm die Maskenkur, verordnete

 

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das Dabei, und schloß unter trockenem Weinen mit den Worten: Wenn die Vorbereitungen zur Hochzeit drei Wochen dauern, so können sie heut noch begonnen werden.“

Ben-John hatte schon unter dem Schreiben über die Achsel gelesen, und lächelte zufrieden. Aber, frug er, in düftern Ernst übergehend, kannst Du auch schwören? Vetter! und sah ihn dabei durchdringend an; ganz kurz, nur hier auf meinen Dolch, und bei ihm, mehr begehr' ich nicht. Siehe, sagt er, mein Vater war ein strenger Mann, und ich habe seine Rache geerbt. Vor zwei Jahren, als ich zurück kam, ist er erst gestorben, um sie selbst so lange auszuüben, So hat er geliebt. Hier im Hause ist noch ein Kranker! Ein Alter! Er hält den Menschen so heilig, und jede Krankheit von Aerzten so unheilbar, eben weil sie schon die Heilung der Natur sei, daß er gewiß lieber stürbe, als einem Huronen nur einen Gran Magnesia einzugeben. Und so heilig hält er auch sich.  Du, kannst mir, wenn Du ihn gesehn, nur sagen: wie ich ihn erhalten, was ich ihm unter die Speise mischen soll. Aber! Ein Arzt muß die Krankheit jedes seiner Kranken verschweigen; aber wohl thut er, sag' Ich! wenn Er auch den Kranken verschweigt — und den Tobten. — Willst Du schwören! — Du sollst nicht schwören! sag! Gott, ich glaube wenigstens, noch heut; Und, Du sollst schwören!

 

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Gott zum Trotze — sagen die Coroner. Auch Hannibals Vater ließ sich Rache schwören. Wer geschworen hat, wahr oder falsch, Rache oder Liebe, hat keine Ruhe. Glaube mir das! Du sollst sehen, Vetter. Nun komm!

 
 

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