Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 IV. Das Ehehinderniß.

 
 
 

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                     „Lieber Doctor!
        Zuerst: Wer der Patient ist: Ein Mann von acht und vierzig Jahren, ja durch und durch berühmter Acht und vierziger, wenn man das ist, was man ißt und — trinkt. Kerngesund. Erschrecken Sie nicht! laufen Sie gütigst nicht fort! Denn bin ich auch kerngesund — da ich in tausend Fährlichkeiten zu Wasser und zu Lande, in Krieg und Frieden bei Säbel und Flasche, noch nicht Einen Tag krank gewesen bin, wenn Sie rasende Zahnschmerzen nicht zu den Krankheiten zahlen, indem die Herren Doctoren sagen: „An Schmerzen stirbt kein Mensch! Schmerzen und Heulen heilen wir nicht“ ja ein gewisser Franzose sogar die Wohlthätigkeit der Schmerzen in Krankheiten erwiesen hat, wie alles in der Medizin erwiesen ist, und Alles nur besteht — auf Zeit; wie unser unüberwindlicher türkischer Kaiser, und zugleich türkischer

 

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Papst ohnlängst so schön es ausgesprochen — so ist doch meine Schale nicht recht gesund. Denn ich bin leider ein ausgezeichneter Mensch; ich habe nämlich das Roth der Wangen — es muß heraus — auf der Nase. Mit einem Wort: ich habe eine rothe Nase, und eine tüchtige, da sie für einen Türken sogar nicht um Vieles zu groß ist. Gottlob, daß es heraus ist! Und ich schreibe Ihnen deswegen dieses Offene, damit dann bei der Inspection des Patienten an mir, und am sichtbarsten Theile zwar, Nämlich im Gesicht, — das bei Uns nur die Damen verschleiern bei Mord und Todtschlag nicht mit einem Worte die Rede ist. Im Dialog  vor Ihnen stehend, werde ich Ihnen Muße lassen, den Kranken zu mustern und in Augenschein zu nehmen, denn er funkelt beinahe, und würde mir selbst aus dem Schleier scheinen, wenn ich das Glück hätte, eine Dame mit rother Nase zu sein. Denn auf der Spitze stemmt sich der Schleier gewöhnlich. Der Patient muß von Ihnen wie ein Taubstummer behandelt werden, denn er kann nur niesen — wenn Ihnen dieß zur Explorirung nöthig ist — oder Sie müssen denken, es sei ein stummer Gimpel, ein Dompfaff, ein junger rother amerikanischer Rabe, oder ein durch das 10,000 Mal vergrößernde rothe Sonnenteleskop angesehenes ansehnliches Cochenille-würmchen, Und der Patient schlüge für dießmal in die Thierarzneikunde.

 

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Es wird Sie also nicht irre mache durch Angabe von tausenderlei Ursachen, als da wärrn: einige tausend Flaschen Acht und vierziger, die sein Herr oder Vorgesetzter ihm vor der Nase weggetrunken, in Frankreich einige Paar Orhofte Clairet und weißen Bourdeaur, in Creta als Philhellene ein einziges Schock Bavile Cyperwein, leider catramirt, das heißt mit Pech verdorben, oder mit Cypressenharz infam gemacht, aus Nectar zu umgeschlagenen Neckar; noch wird er Sie plagen mit Bitten: ihn seiner Frau und seinen Kindern zu retten; noch wird er sich selber durch Angst über vernommene — — schaden, sondern in Geduld etwanige Schmerzen und Ihre Mittel dulden. Deswegen werden auch die lieben Thiere leichter und schneller geheilt, weil sie dem Arzt keine Ursache der Krankheit anzeigen, sondern er es ganz allein mit der puren reinen Krankheit als Krankheit zu thun hat, die eben blos und allein der Gegenstand der Heilung des Doctors ist. Sonst wäre er ja Keiner! und man konnte sich dreist vor allen Krankheiten hüten, wenn sie Folgen von Ursachen wären, vor denen Man sich dann hütete, wenn man Verstand hatte.
        Das ist zu arg! sagte Doctor Silvati laut zu sich, und stand auf; eine rothe Nase! die soll meine erste Kranke sein! Sollen wir Doctoren auch noch Kosmetiker werden, wie die Mathematiker: Maschinisten, die Optiker: Brillenmacher, und die Chemiker: Weinprobenerfinder? Hat Sokrates die Philosophie vom Himmel auf

 

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die Erde in Schuhmacher- und Schneiderherbergen geführt, sollen Wir die himmlische Medizin auf  Na — —.  Er hielt inne, denn er schämte sich.  Er sahe auf die schöne Türkin. Sie lächelte erst für sich in den Schooß, sahe auf, und lächelte ihn dann so gutmüthig an! Und so dacht' er nur, viel weniger unwillig: Kann man — und wenn der Herr Laternenträger des schönen Mädchens Vater oder Bruder ist — kann man nicht mit einer rothen Nase selig leben und sterben? Denn wenn er todt ist, wird sie ja wieder schneeweiß, daß die eigenen Weinflaschencollegen ihren Herrn Bruder in Bacho, und nun in Christo — nicht mehr kennen. Höchstens das Bischen fliegende Hitze! -— Ist sie im Winter oder hier in England das ganze Jahr nicht sogar wohlthätig? als schien' uns die Sonne warm in's Gesicht, auch wenn es stockfinster ist! Gibt sie ihren Herren oder Vorgesetzten nicht den Anschein des Reichthums? Denn bei dem besten Willen dazu, bringen es tausend arme Teufel mit ihrem tagtäglichen Viertelchen in der Weinstube nicht bis zum rothen Nasenorden, gleichsam dem vierzigsten Grad in der Maurerei oder Trinkerei! Und erkennt nicht Jeder mit Seufzen den Inhaber als Meister vom Stuhl! — Warum ist er kein Mohr geworden? — denn für diese scheint wenigstens Arak und Rum ohne solche Ehre geschaffen, zum Lohne dafür, daß die schwarzen Sclaven so lange Zuckerrohr mahlen müssen.

 

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Wären alle Menschen eitele Weiber,  und ständen auf alle Fehler dieser Menschen gleich unmittelbar nur rothe Nasen, — wer würde dann nicht mit Freuden — auch groß und erwachsen — dem Teufel und allen seinen Werken entsagen, und ängstlich alle Fehler vermeiden? Schon dadurch wäre die Doctorei aus! Aber leider hat der gute Herr seinen theuern Patienten immer vor Augen! und weil er ihn immerfort anblickt, so wird er dadurch zum Hottentotten — bis er einschläft.
        Er machte ärgerlich eine Bewegung mit dem Briefe, ja er wäre lieber gegangen — da fiel eine Banknote heraus, die aufgehoben und wohlbesehen, eine Zehn-Pfundnote war. Als sie in der mit Seide gefütterten Seitentasche auf dem Herzen verwahrt war, seufzte er bei sich: So muß ich denn wohl in den sauern Apfel — die rothe Nase beißen! Er setzte sich wieder, wendete um und las:

Inliegende Kleinigkeit soll Sie, lieber Doctor, nur dazu bewegen, über den Brief hinweg, sich da vor Ihnen das Mädchen, meine liebe Mirza anzusehen, wenn es nicht schon geschehen ist. Deswegen habe ich sie zu Ueberreicherin dieses und zu Ihrer Beisitzerin gemacht. Ich fürchte nicht, daß sie sich in sie verliebt, lieber alter Hammer — —
        — Mirza seufzte jetzt eben. —
Silvati mußte wieder seufzen, und wieder lächeln, und hätte eine rothe Nase darauf gestanden. Inhaber der selben hat sich betrogen,

 

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dacht' er nicht ohne Besorgnis. Aber Sie, sie sieht ja mich nicht an! — Und nach einer flüchtigen wehmüthigen Empfindung las er weiter:
        „Nicht wahr, meine Mirza ist schön? — sehr schön? — Ihre Nase ist weiß wie die Lilienhaut ihres Gesichtes. Aber sie ist auch eine Lilie an Unschuld, eine Rosenknospe an Liebe, (obgleich Mirza schon Rose heißt) ein Veilchen an Bescheidenheit, und ich glaube auch eine gelbe Crokustulpe an Eifersucht — die den Männern schmeichelndste Eigenschaft an einer Frau, wenn auch eben keine Seltenheit an einer Türkin; denn erstlich ist das Weib überall auf Erden ein Weib, und Zwei sind überall Zwei, und Drei — Drei; und doch wiederum nicht! denn wenn sie Einem Manne gehören, werden es Dreißig — nicht Weiber, sondern Medeen, die, wenn der Mann — in Europa also nur ein Türke — ein Tirann ist, wie wir Türken sind, dann selbst das brennende Kleid, das sie der Andern gern auf den Leib wünschen — stillschweigend tragen müssen, und darin schweigend zu Asche werden. Wenn Ihnen also Mirza gefällt —“
        — Silvati sah hin. Sie hatte sich mit dem Haupt zurückgelehnt, als wenn sie schlummerte, sie sahe blaß aus, als wenn sie ohnmächtig wäre; und er dachte:  wenn Ihr lieber etwas fehlte! — nur Etwas — —
Ich! — dann wäre die Heilung sicher, denn das Specificum wär'  — Ich!

 

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        also Mirza gefällt —" las er, um fortzufahren, wieder im Briefe weiter. Ja doch ja, sie gefällt! Es ist durch die Situation zum rasend werden! Der Mann schlägt sich selber.
        Wenn Ihnen also Mirza gefällt, so soll Sie das wieder nur dazu bewegen — daß Sie mir sie gleichsam erschaffen, wie ein Gott, zum zweiten Male schenken; wie ein Mufti oder Kadi — sie mir zum Weibe geben, und das blos dadurch: daß Sie mich zu einem ganz gewöhnlichen Menschen mit ganz ordinairer Nase machen. Denn meine ist extraordinair — besonders an einem Türken, und wird in Rumeli und Anadäll so schwer gefunden, wie ein eben so großer Rubin. Denn ob ich gleich ein geborner und erzogner Engländer bin, so verbot mir Nichts — ein Türke zu werden und zu sein. Besonders da ich früher ein Philhellene war, und vielleicht manchen Türken vom Pferde in die Erde geholfen, was mir nun bitterlich leid thut. Ja ich bezahlte ihnen lieber alle bei Ruvarin zu den Wolken gestiegenen Schiffe mit baarem Gelde, wenn es so weit langte, und wenn ich das Leben meiner Landesleute und meiner Bundesleute damit zurückerkaufen könnte! Sie haben als „Doctor kein Recht, mich so schwachsinnig wie einen Cretin zu schelten. Ich war früher Unitarier — Socinianer, der oft vergebens die Bittschrift um Aufhebung der Corporations - und Test-Acte mit unterschrieben; war mein Schritt groß oder nicht — groß, ja der Schritt ist sehr groß

 

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bis zu Einem Gott?! Und nun bin ich ein Mahometanischer Protestant, Einer der Hairetti, der Vorzüglichsten und Reinsten von den vier Hauptsekten. Ich habe nur Einen, ja nur die wahre Hälfte, des schönsten Verses aus dem Coran auswendig gelernt und, lieber Doctor, an Einem Verse — Den auf alle Falle angewandt, Den immer gedacht, immer gethan, gesehn in allen Dingen, geliebt in allen Dingen — hat die ganze Welt auf immer genug zu thun. Und der Vers heißt: bdquo;Es ist ein Gott.“ Darin steckt Welt und Weltgeschichte, alle Künste und Wissenschaften, Jurisprudenz, Theologie und Medizin, also Sie auch, lieber Hammer — und einst das Doctoren - und Weltgericht! Allen andern Kram und Gram bln ich los — bis auf die rothe Nase, die ich keinem Bräutigam, selbst keinem griechischen Corsaren wünsche — ich denke an den Vers. Denn Mirza stößt sich an ihren Purpur, Sie sieht hold mir entgegenkommend, ja lieb mich an, bis der Carfunkel zum Magnet ihrer Augen wird, und sie lächelt — und dieß Lächeln kann ich durch den Tod nicht leiden! — bis ich zornig werde, also mich noch mehr in Flammen setze — und sie seufzet. Das sticht mir im Herzrn! ja ich riskire den Herzpolyp von einer puren rothen Nase. Denn wie gern macht' ich Mirza glücklich. Sie ist ein armes Kind reicher Aeltern, das Cretenser in die Erde gegraben bis an das Kinn — und

 

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über die ich im Dunkeln stolperte, denn sie war eingeschlafen. Sie stöhnte nun laut. Ich grub sie aus bei Mondenschein und sah ihre ganze Schönheit nicht — denn in mir ging eine Verwandlung vor. Sie klagte dann „sanft von mir fortgeführt,“ schüchtern sich zurücksendend, um ihren Vater Azareth, der nicht fern von ihrem lebendigen Grade, gespeist, wie am nächtlichen Himmel unter den Sternen schwebte. Sie wimmerte drauf im Schlafe um ihre Mutter, um ihre Brüder, die — — —. Doch genug. Rache für Rache scheint nur gerecht. Mich schreckte sie fort. Die Pole meiner Liebe und meines Haffes setzten sich um, und somit mein ganzes Wesen. Und glauben Sie gütigst nicht, daß Ich der Einzige bin, der zum Is–Lamm inklinirt! Nein — unzählige Männer; denn wie Viele hätten nicht lieber vier Weiber, Eine immer jünger als die Andre. Und welche Folgen hätte ein freilich ganz irreligiöser Religionskrieg, da wir nur heimlich, so Gott will, Alle an Einen Gott glauben. Schlage Niemand Feuer in das Stübersche Feuerwerk, sonst brennen alle Gestalten und Bilder bei Tage vor der Zeit ab. — Noch die Nacht ging ich über in die Vestnng. Ietzt will ich denn an Ihr „gut machen, was ich an ihren Genossen verbrochen, „und was habe ich mit rother Nase armer Teufel Besseres als Mich, — ohne Dieselbe? Was hat Mirza Besseres, ja nur Anderes auf der Welt als Mich, wenn sie mich liebt? Und das Element zu dieser kleinen Welt

 

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in der Welt, der Ehe, ist da, nämlich die Nase. Sie sehen also, lieber Doctor, wie hochwichtig und nothpeinlich unter solchen prägravirenden Umständen die rothe Nase wird. Sie steigt bis zum Furchtbaren in meiner — Verwünschung! Ich bin eines reichen Bäckers Sohn — meines Vaters Ofen ist mir im Hause noch heilig wie der, in welchem die drei feurigen Männer — wahrscheinlich eine Art unverbrennlicher Spanier gingen; — vor ihm hat mein Vater gewaltet; — und diesen Ofen fülle ich Ihnen, wie Ataliba sein Zimmer den Spaniern, aus — mit was Sie wollen, mit silbernen Broten, oder goldenen Semmeln, wenn Sie mich von der Orang-Utang-Nase — erlösen. Dabei fällt mir der Trost ein, daß sie blau noch — himmlischer wäre.“
        „Mit Zuversicht zur Medizin überhaupt und zu „Ihnen ins ganz besondere, lieber Hammer.“

Ihr                          
Ben-John.                   

Postscript.
„Seit ich Muselmann bin, trinke ich wie die Andern, nur erlaubten, im siebenten Jahrhundert noch nicht mit dem lieben Jamaika und Amerika erfundenen Arak, Cogniak, Rum — nicht Wein.“

 

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        „Gesetze bin ich Engländer als Mensch gewohnt nach dem Buchstaben zu halten; so wie dann auch Das zu thun, was sie nicht verbieten! Indcß bin ich bereit, noch einmal in diesem Puncte Apostat zu werden — (denn im Andern riskirte ich von meinem Samson „den Dolch in den Leib) — und Ihren medizinischen Glauben anzunehmen, und so getreu zu befolgen, wie meinen Vers.


Item.“                            
(„Gebe Gott, nicht mehr lange!“)       

 
 

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