Leopold Schefer
Die Lebensversicherung

 
 

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 bullet1 III. Der Engel.

 

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        Der Doctor ward in einem großen Hause die Treppe hinauf in die Bibliothek gewiesen, wo ihn sein Begleiter einlud, sich, niederzulassen und sich entfernte.
        Also nicht gleich an das Krankenbett! dachte er. Also sehr krank, ober nicht sehr. Eines gut, das Andere besser. Er hatte alle tausend Krankheiten im Kopfe, und alle Stroh-Betten mit Kranken aus dem Clinicum zogen an ihm wie Geister vorüber. In welche Apotheke aber sollte er das Rezept, empfehlen ja befehlen zu schicken. Denn Er war nun der Herr im Hause über Schweigen und Reden, Geld und Gut, lieben und Tod, Glück ober Unglück, ob er gleich als Anfänger noch daran zweifelte. Sollte er die Löwenapotheke rühmen? er kannte sie nicht; den Mohrenapotheker? Er hatte ihm, wie der heilige Geistapotheker, noch kein Geschenk gemacht.

 

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Keiner von allen Adlern, Etephanten, Engeln und Kaisern, weder Mahmud, Franz oder Nicolai hatte sich noch gerührt und sich wittern lassen. Also auf gut Glück — der Engel!
        Siehe da däuchte ihm, als schwebe der Engel schon herein mit einer — Banknote. Er sahe die liebliche Gestalt an. Ja, es war die schöne morgenländische Tracht! es war das himmlische Gesicht! das Auge, das, wie an der Sonne angezündet, brannte! und doch die sanfte Blässe auf dem Antlitz wie Licht, ohne Tag, ohne den leisesten Dämmer der Morgenröthe! Aber jetzt brach Rosengluth wie aus Wolken auf ihren Wangen hervor, die erdbeerrothen Lippen schlossen sich gepreßt, und die schwarzen Augen standen auf ihn geheftet, wie große schwarze blitzende Corallen, und vergingen ihr, und, das Mädchen erschien und war abwesend — ob sie zugleich auch so himmlisch gegenwärtig war, und kaum drei Schritt vor ihm schweigend, und wie nicht die irdische Luft des Aethers, zum Dasein bedürfend, vor ihm stand. Das Blatt entfiel ihrer Hand; er bückte sich und hob, es auf. Er sah, es war noch naß und hielt es. Als er aber wieder auf die schöne junge Gestalt sahe, da war sie verwandelt, und eine ganz Andre. Sie lächelte; über sich, oder über ihn. Sie küßte ihre rosigen Fingerspitzen und legte die Hand auf das Herz, um ihn zu begrüßen.

 

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Sie deutete ihm, zu lesen, sich zu setzen! So lange stand sie; dann ging sie selber leis und setzte sich auf abendländisch, nicht eben zu fern, auf dem Sofa ihm gegenüber, stützte den Arm unter, und schien ihn nicht zu bemerken, oder nicht stören zu wollen, noch zu dürfen.
        Der Doctor las nun unter Herzklopfen den offenen Brief leise für sich.

 
 

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